Caroline Link über Hape Kerkeling

Caroline Links neuer Film „Der Junge muss an die frische Luft“ erzählt von Hape Kerkelings  Jugend im Ruhrgebiet
| Adrian Prechtel
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Früh übt sich: Hans-Peter (Julius Weckauf) kann auch die Frauenrolle.
dpa Früh übt sich: Hans-Peter (Julius Weckauf) kann auch die Frauenrolle.

Wenn Menschen bei einem Hape-Kerkeling-Film Tränen in den Augen haben, dann sind das meistens Lachtränen. Bei „Der Junge muss an die frische Luft“ ist das anders. Regisseurin Caroline Link hat die Kindheitserinnerungen des Komikers aus dem Ruhrgebiet verfilmt – und dieser Film lässt niemanden kalt. Denn es ist herzzerreißend zu erleben, wie der zehnjährige Julius Weckauf den jungen Hape spielt, der seinen Lebensmut trotz widriger Umstände und des Selbstmordes seiner Mutter nicht verliert. Der Film kommt am Dienstag in die Kinos.

AZ: Frau Link, Sie und Herr Kerkeling sind der gleiche Jahrgang. Wenn Sie jetzt in die Kindheit in den 70ern zurückschauen, was fällt Ihnen da besonders auf?
CAROLINE LINK: Wenn ich an den hergerichteten Drehorten stand, war plötzlich eine Welt meiner Kindheitserinnerungen entstanden, die gar nicht so lange her ist, aber doch schon eine völlig andere Zeit geworden ist: Nicki-Ringelrollis, Bonanza-Fahrräder und das Gespräch über Fernsehsendungen, bei denen man sich darauf verlassen konnte, dass sie fast alle gesehen hatten.

Es gab noch – würde man soziologisch sagen – ein gemeinsames Narrativ.
Ja, und das für mich Überraschende im Rückblick war, wie nah diese Zeit am Zweiten Weltkrieg war. Dass Großväter, Eltern, Onkel und Tanten noch den Krieg mit sich herumgetragen haben. Und dann fällt einem wieder ein, dass in den Bussen zwischen Friedberg und Bad Nauheim, stand, dass man den Platz für Schwangere und Kriegsversehrte frei machen sollte. Mein Großvater fiel mir wieder ein, der hinter einem Gesichtsverband kein Auge mehr hatte, sondern ein Loch. Überhaupt sind mir immer mehr Leute aus meiner Kindheit durch den Kopf gegangen, die im Krieg waren, Angehörige verloren hatten. Und durch all das bin ich eben auch noch mit dem Krieg in Berührung gekommen. Meine Oma hat sogar zwei Weltkriege erlebt. Da merke ich einerseits, dass ich nicht mehr jung bin, andererseits, dass das alles gar nicht so lange her ist, Aber für meine 16-jährige Tochter ist der Zweite Weltkrieg ja schon völlig historisch entrückt.

Auffällig sind die engen Strukturen: Fällt die Mutter aus, springt die Oma ein. Alle wohnen in einem kleineren Umkreis, verbringen die Sonntage miteinander. All das schafft natürlich ein Sicherheitsnetz.
Man hat dabei nie über Gefühle oder Traumata geredet, wie man das heute tut. Aber jeder hat sie beim anderen wahrgenommen und dafür gesorgt, dass alle irgendwie klar kommen.

Nun wächst dieser Hans-Peter Kerkeling genau in dieser Zeit der 70er auf, in der alle extrem tapfer waren.
Hapes Tante Annemarie weint plötzlich und sagt, das habe mit dem Krieg zu tun, weil sie einen ganzen Tag lang nach einem Bombenangriff verschüttet lag. Der Opa Willi war in Stalingrad, hat seinen Sohn bei einem Autounfall verloren, und seine liebe Frau, die Oma, hat jetzt Krebs, spielt das tapfer herunter und macht noch den anderen Mut. Ich frage mich da immer: Wie konnten diese Menschen am Morgen alle aufstehen? Heute hätten wir da alle Depressionen und kämen nicht mehr richtig hoch. Die aber haben sich mit ihren eigenen Befindlichkeiten nicht stark aufgehalten.

Die Mutter aber hat ja Depressionen.
Ich habe Hape Kerkeling gefragt: Wie soll die Tonlage dieses Films werden? Das ist doch auch eine sehr tragische Geschichte und Du hast viel Schreckliches in Deiner Kindheit erlebt. Aber Hape wollte nicht, dass es zu düster wird. Ihm war wichtig, dass er immer wieder aufgefangen wurde und die Kurve genommen und daraus was gemacht hat. Viele gute Komödien haben ja eine dunkle Grundierung. Und dann hat er mir ganz professionell gesagt: „Ein Buch ist ein Buch. Ein Film ist ein Film. Mach’ du deinen Film.“

„Jenseits der Stille“ , „Pünktchen und Anton“ und auch in „Nirgendwo in von Afrika“, jetzt „Der Junge muss an die frische Luft“: Sie haben mittlerweile schon viel Dreh-Erfahrungen mit Kindern. Was ist da das Besondere?
Es ist vordergründiger. Es gibt Kollegen, die sagen, sie lassen Kinder viel improvisieren, weil sie da am natürlichsten sind. Ich dagegen glaube, dass dadurch oft eine gewisse Hilflosigkeit bei den Kindern entsteht. Also mache ich erst einmal klare, genaue Angaben, bis hin zu „und bei dem Satz schauste halt auf deine Füße“. Ich glaube nicht, dass sich ein Kind, nur weil in einer Szene seine Filmmutter Selbstmord begangen hat, übertrieben viele Gedanken über Suizid macht. Für mich genügt, dass die Kinder Vertrauen zu mir haben und ich führe sie dann durch die Dreharbeiten.

Ihr Hans-Peter ist aber ein Glücksgriff.
Julius Weckauf haben wir ja auch unter tausenden Bewerbern herausgesucht.

Bei Hape ahnen viele, obwohl er erst um die 10 Jahre ist, dass an ihm etwas „anders“ ist.
Hape selbst erzählt, dass er gerne auch mit Jungs Fußball gespielt hat – aber immer wusste, dass er anders ist. Aber er war eben nie Außenseiter. Es ist eben keine Tragödie und deshalb auch kein Problemfilm geworden.

Ein Film über einen dicklichen Jungen hätte ja auch ein Kindheitstraumafilm werden können. Aber es fällt ja auch der Satz, der von Hape selber stammt: Dass man sich entscheiden muss: Entweder du wirst das Opfer, über das man lacht. Oder du wirst der, der seine „unglückliche Erscheinung“ gezielt einsetzt.
Und das kommt bei der ersten Reitstunde auch genauso rüber inklusive, dass man auch über sich selbst lachen kann. Sich selbst nicht zu ernst nehmen und nicht schnell beleidigt zu sein, das ist das Kunststück. Und so war er bei den anderen Kindern immer beliebt und dabei.

Die Familie nimmt ja auch das angedeutete „Anderssein“ vielleicht leicht irritiert, aber letztlich wunderbar auf.
Beide Omas haben da einen großen Anteil. Oma Bertha sagt ihm ja auch: „Genauso wie Du bist, ist es richtig! Und lass’ Dir von keinem sagen, dass das anders ist!“ Und als alle bei Hapes Karnevalsverkleidung als Prinzessin die Augen verdrehen, erklärt die andere Oma resolut pragmatisch und liebend: „Ja, der Junge bleibt Junggeselle. Und das ist völlig in Ordnung! Und Schluss!“. Keiner ist da perfekt, aber alle in der Familie zusammen und jeder in bestimmten Situationen ist genau der Richtige für Hans-Peter, wie der Großvater, der am größten Krisenpunkt sagt, „Der Junge muss an die frische Luft“, und mit ihm in die Berge fährt.

Ich habe gehört, dass ursprünglich auch angedacht war, alles in Rückblenden zu erzählen, als Erinnerungen auf Kerkelings Jakobsweg.
Aber das wurde wieder verworfen, weil es den Film zerreißen würde. Dafür gibt es die berührende Schlussszene, in der der heutige Hape Kerkeling mit allen Figuren aus dem Film einen Feldweg entlang läuft und erkennt: Sie alle haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin! 

„Der Junge muss an die frische Luft“ läuft ab 25. Dezember in der Astor Film Lounge (im Arri und im Bayerischen Hof), im Cincinnati, Cinemax, City, Sendlinger Tor, Gloria, Kino Solln, Leopold, Mathäser, Neues Maxim, Neues Rex, Rio

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