Cannes: Keine Selfies im Smoking!

Der größte Film-Markt der Welt: Am Donnerstag beginnt das Festival von Cannes. Dessen Festivalleiter Thierry Frémaux hat noch vor Beginn die erste Absage erteilt.
| Adrian Prechtel
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Ingrid Bergmann war seit den Vierzigern immer wieder Stargast der Festspiele von Cannes an der Cote d’Azur. Sie ziert jetzt das Plakat des 68. Festival du Film und zeigt: Wahre Schönheit braucht kein Glattziehen.
Guillaume Horcajuelo Ingrid Bergmann war seit den Vierzigern immer wieder Stargast der Festspiele von Cannes an der Cote d’Azur. Sie ziert jetzt das Plakat des 68. Festival du Film und zeigt: Wahre Schönheit braucht kein Glattziehen.

Die Berlinale: Wildes im Regenwetter! Die Biennale am Lido: Ältestes Filmfest unter italienischer Dauerimprovisation. Und Cannes? Das Festival hier an der Côte d’Azur ist seit 1946 die Grande Dame mit Stil. Nicht nur, dass selbst die Fotografen am roten Teppich Smoking tragen müssen. Hier hat Festivalleiter Thierry Frémaux gleich noch einer albernen Mode eine Absage erteilt: den Selfies!

Die hielten jeden Abend das Protokoll auf, weil selbst Stars sich nicht zu blöd waren, auf den blitzlichtumzuckten Stufen zum Saal Lumière hinauf für das „Ich-war-auch-da“- Selbstporträt immer wieder innezuhalten. Catherine Deneuve ist da von vornherein unverdächtig. Aber wer wird den Vips und Starlets das Handy entreißen?

Eine unbekannte Französin eröffnet mit einem SozialdramaMan wird sehen, wenn morgen Abend der Eröffnungsfilm „La tête haute“ der bei uns noch unbekannten Französin Emmanuelle Bercot vorgestellt wird – ein Sozialdrama um eine Jugendrichterin, das aber außer Konkurrenz gezeigt wird. Womit die politisch korrekte Forderung nach mehr Regisseurinnen im Wettbewerb sich wieder nicht erfüllt wird: Nur zwei der 19 Wettbewerbsbeiträge sind von Frauen.

Dass es weder im Wettbewerb noch in der Nebenreihe „Un certain regard“ einen deutschen Film gibt, hat hier Tradition. Das lag lange – hinter vorgehaltener Hand erzählt – am Festivalpräsidenten Gilles Jacob, der aber zum ersten Mal seit 1978 nicht mehr das letzte Wort hat, weil er in den Ruhestand ging: mit 85 Jahren. Er mochte die Deutschen nicht – verständlich nach seiner Erfahrung als jüdischer Einwohner Cannes während des Zweiten Weltkriegs.

Aber wenn die deutsche Filmwirtschaft ehrlich ist: Es gibt halt zu wenig anspruchsvolle deutsche Produktionen. Und die wenigen laufen dann eher auf der Berlinale im Februar, wie das Drama einer Berliner Nacht, in nur einem Take gedreht: „Victoria“ von Sebastian Schipper, der hier aber noch einmal für den internationalen Markt gezeigt wird. Denn das 68. Festival du Cannes lebt davon, dass hier der größte Filmmarkt der Welt stattfindet, so dass manche spöttisch meinen, der Wettbewerb um die Goldene Palme sei nur das künstlerische Feigenblatt einer wahnsinnigen Kommerzveranstaltung.

Aber es gibt zwei weitere Säulen: die Stars eben und die Journalistendichte, die nirgendwo im Jahr so hoch ist wie hier, was sich auch gegenseitig bedingt.

So nutzen viele Produzenten das Festival auch als internationale Premierenrampe. Dass das 80er-Jahr-Action-Spektakel „Mad Max“ in der neuen Version gleich heute Abend parallel zum ersten Mal gezeigt wird, ist so ein Beispiel. Als Kontrastprogramm folgt am Wochenende Woody Allens Drama mit Emma Stone und Joaquin Phoenix. Und natürlich will sich Altmeister Allen keinem Wettbewerbsdruck mehr aussetzen. Sein „Irrational Man“ läuft ebenfalls „außer Konkurrenz“, wie auch als Schlussakt eine Verfilmung von Saint-Exupérys „Kleinem Prinzen“.

Die Stardichte ist in diesem Jahr mit Colin Farrell oder Rachel Weisz wieder hoch. Marion Cotillard und Michael Fassbender spielen zusammen in einem neuen „Macbeth“ nach William Shakespeare. Auffallend ist, wie viele Filme Italien präsentieren darf: Paolo Sorrentino („La grande bellezza“, „Il divo“) hat diesmal Harvey Keitel und Michael Caine dabei, die versuchen altersweise zu werden in „Youth“. Und Nanni Moretti und Matteo Garrone sind auch mit neuen Werken da. Wie auch die US-Festivalheroen Gus Van Sant, der Matthew McConaughey mitbringt und Todd Haynes, der Cate Blanchett und Rooney Mara eine lesbische Liebe nach Patricia Highsmith erleben lässt.

Was aber gefällt einer Starjury unter der Präsidentschaft der zwei Coen-Brüder, die immer nur im Doppelpack auftreten? Unter anderen müssen sich zur Palmenwahl da noch die Jurymitglieder Sophie Marceau, Sienna Miller oder Jake Gyllenhaal zusammenraufen. Jetzt aber soll sich Cannes erst einmal bei „Mad Max – Fury Road“ mit Charlize Theron und Tom Hardy die Haare raufen. 

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