Cannes ist eröffnet: Wenn Zombies müde machen

Bei schlechtem Wetter bringt in Cannes auch der Eröffnungsfilm von Jim Jarmusch noch kein Stimmungshoch
| Adrian Prechtel
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Die Crew von Jim Jarmuschs "The Dead don t Die": Joshua Astrachan, Sara Driver, Tilda Swinton, Selena Gomez, Jim Jarmusch, Chloë Sevigny , Bill Murray, Carter Logan.
Jacky Godard / Imago Die Crew von Jim Jarmuschs "The Dead don t Die": Joshua Astrachan, Sara Driver, Tilda Swinton, Selena Gomez, Jim Jarmusch, Chloë Sevigny , Bill Murray, Carter Logan.

Petrus hatte ein Einsehen. Beim Defilée der Diven und Herren im klassischen Smoking zur Eröffnung des 72. Festival de Cannes regnete es noch nicht. Auf den berühmten „Marches“ zum Festivalpalais in konnten Stars wie Julianne Moore in Smaragdgrün oder Charlotte Gainsbourg im Zebra-Look trockenen Fußes ins Kino stöckeln. Erst später öffneten sich die Schleusen, bildeten sich Pfützen auf der berühmten Croisette, die die Damen in High Heels mutig übersprangen. Vielleicht lag der Wetterumschwung an übernatürlichen Kräften. Wie sie es in der Horrorkomödie „The Dead Don‘t Die“ von Jim Jarmusch gab, Startschuss für den zwölftägigen Filmmarathon.

Der Kultregisseur, der schon mit Werken wie „Paterson“ , „Stranger than Paradise“ oder „Down by Law“ in Cannes eingeladen war, trat gut gelaunt mit seinem Zombie-Team auf, darunter Chloë Sevigny, Adam Driver, Tilda Swinton und Bill Murray. Wie immer mit Sonnenbrille unterm weißen Haarschopf.

Eine abstruse Geschichte, die das ausgewählte Gala-Publikum spaltete

Schade, dass Iggy Pop durch Abwesenheit auf dem Roten Teppich glänzte. Er hatte zwar nur einen kleinen Auftritt, wenn er sich mit sensationeller Maske aus dem Grab aufmacht, um das beschauliche Schlafstädtchen Centerville mit weiteren Zombies in Schutt und Asche zu legen. Warum, weiss man nicht so genau. Eine abstruse Geschichte, die das ausgewählte Gala-Publikum spaltete.

Der Independant-Veteran hat wahrscheinlich bei seinem romantischen Filmdrama „Only Lovers left alive“ aus dem Jahre 2013 mit sehnsuchtsvollen Vampiren im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt. Jetzt lässt er die Toten auferstehen, die seltsamerweise ähnliche Verhaltensweisen zeigen wie die Menschen im 21. Jahrhundert. So wandeln sie gerne mit Blick auf das Smartphone durch die Straßen, wenn sie nicht gerade die Einwohner anknabbern oder sich mit Kaffee und einem Gläschen Chardonnay aufputschen. Der Bogen zur Gegenwart ist nicht zu übersehen in diesem Kommentar zum möglichen Untergang der modernen Welt.

Edouard Baer lobte das Kino gegen Netflix

Die Erde gerät aus dem Gleichgewicht, auch wegen des umstrittenen Frackings, hier sogar an den Polen. Aber die Nachrichten unterdrücken die Wahrheit, leben wir doch im Zeitalter der „Fake News. Und dass auf der Kappe eines rassistischen Bauern (Steve Buscemi) der dumme Spruch „Keep America White Again“ prangt, ist ein mehr als deutlicher Fingerzeig auf Donald Trump und seine Aussage „Make America Great Again“. Im Trump‘schen Amerika ist auch im Film wenig Hoffnung angesagt, zumal das Polizistenduo samt junger Kollegin (Bill Murray, Adam Driver, Chloë Sevigny) mit riesigen Macheten und Schrotflinten wenig ausrichten können gegen die wilde Horde. Mit von der Partie ist die herrlich schräge Tilda Swinton als Bestattungsunternehmerin, die mit Lust das Samurai-Schwert schwingt. Trotz einiger Humor-Volten, so richtig unterhaltend waren diese Untoten nicht.

Bevor es „Film ab“ hieß, sprach der Zeremonienmeister Edouard Baer noch salbungsvoll davon, wie wichtig Film im Kino als Ort der Begegnung ist. Ein kleiner Stich gegen Netflix. Mal gespannt wie es weitergeht. Festivalchef Thierry Frémaux versprach „romantische und politische Filme“. Ob die „alten weißen Männer“ (böse Zungen reden schon von „Gerontokratie“) wie Ken Loach, Pedro Almodóvar oder Terence Malick es nochmal krachen lassen oder ob Quentin Tarantino, 25 Jahre nach der „Goldenen Palme“ für „Pulp Fiction“ mit „Once Upon A Tim In Hollywood“ seinen Erfolg wiederholen kann, wird sich weisen.

Viele Frauen und eine Schwarze

Vielleicht gibt es eine Überraschung und eine der vier Palmenkandidatinnen, wie die Österreicherin Jessica Hausner, die Französinnen Céline Sciamma, Justine Priet oder Mati Diop, die erste schwarze Frau überhaupt die am Palmen-Rennen teilnimmt, zeigt es den Stamm-Oldies und gewinnt die begehrte Trophäe. Die Chancen sollten unter Jurypräsident Alejandro González Iñárritu nicht schlecht stehen. 

 

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