Cannes Filmfestival: Streaming ist kein Kino

Die 72. Filmfestspiele in Cannes eröffnen heute. Erwartet werden nicht nur Filmstars, sondern auch Diego Maradona und Elton John
| Adrian Prechtel
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Im reichen Rentnerparadies der Côte d’Azur liegt der Vergleich des glamourösesten Filmfests der Welt mit einer gealterten Diva nahe. Und wie könnte man sie dann beschreiben? Treu, stur und wunderbar altmodisch. Treu ist Programmdirektor Thiérry Fremaux, weil hier große, entdeckte Regisseure immer wieder eingeladen werden, auch wenn ihr Werk kein Meisterwerk geworden ist. US-Außenseiter Terrence Malick („Tree of Life“) ist so oft einer.

"Deutschland" ist mit Terrence Malick vertreten

Aber diesmal ist sein „A hidden Life“ gerade für uns ein interessanter Wettbewerbsbeitrag, nicht nur, weil hier Bruno Ganz seine letzte Rolle gespielt hat, sondern weil es um deutsche Geschichte geht: August Diehl spielt einen österreichischen Bauern, der aus christlicher Einstellung den Wehrmachtsdienst verweigert.

Pedro Almodóvar darf wieder Penélope Cruz mitbringen – als seine Filmmutter in der La-Mancha-Provinz der 50er Jahre. In seinem autobiografischen Film „Schmerz und Ruhm“ spielt dann Antonio Banderas eben Almodóvar als rückblickenden, gealterten, schwulen Künstler.

Von amerikanischer Political Correctness lässt man sich nicht infizieren

Aber Cannes ist in seiner 72. Ausgabe nicht nur treu, sondern auch stur. Man hält an der Idee fest: „Kino! Dafür werden Filme gemacht!“ So verweigert man im Gegensatz zur Konkurrenz in Venedig Streaming-Plattformen, die längst zu den größten Filmproduzenten gehören, den Weltpremierenglanz. Und charmant altmodisch ist das Festival, das schon 1939 als Konkurrenz zu dem damals fest in faschistischer Hand befindlichen Goldenen-Löwen-Festival am Lido gegründet worden war, aber kriegsbedingt dann doch erst 1946 starten konnte.

Denn von amerikanischer Political Correctness lässt man sich nicht infizieren. Die Frauenquote bleibt mit vier Regisseurinnen von 21 Wettbewerbsbeiträgen gering. Wie sagt Direktor Fremaux: Es geht um die Qualität, nicht ums Geschlecht. Und wie so oft ist auch wieder kein deutscher Beitrag im Wettbewerb. Aber an so einem Risikospiel mit Jury – diesmal unter dem Mexikaner Alejandro Iñárritu – wollen etablierte Regisseure auch nicht immer teilnehmen. Wie sieht das denn aus: Am Ende leer ausgehen als großer Star? Und das kann gut passieren, weil in Cannes häufig sozialkritische, politische Filme gewürdigt werden.

Tarantinol bringt er Leonardo DiCaprio und Brad Pitt mit

Quentin Tarantino hingegen nimmt’s sportlich. Und das war der große Coup: Er hat extra seinen neuen Film „Once upon a Time … in Hollywood“ in brutaler Tag- und Nachtarbeit fertiggestellt – als Hommage an Cannes, das ihm für seinen stilprägenden Film „Pulp Fiction“ vor exakt 25 Jahren die „Goldene Palme“ reichte. Diesmal bringt er Leonardo DiCaprio und Brad Pitt mit.

Außer der Reihe werden dann noch Filme gezeigt, die das Festival als Glanzkulisse für ihre Premiere nutzen: Elton John wird erwartet, vielleicht sogar für ein Spezialkonzert, weil „Rocketman“ startet, der den Erfolg von „Bohemian Rhapsody“ noch toppen soll. Taron Egerton spielt den Londoner Vorortjungen Reginald Dwight, der als Elton John sogar geadelt wurde.

Jim Jarmusch eröffnet mit „The Dead Don’t Die“

Und auch Fußball-Gott Diego Maradona kommt an die Côte d’Azur, weil ein Dokumentarfilm über ihn gezeigt wird. Für den ersten Aufmerksamkeitsschub auf dem roten Teppich sorgt heute Abend Jim Jarmusch, der für seine Zombiekomödie „The Dead Don’t Die“ mit Adam Driver, Steve Buscemi, Bill Murray und Tom Waits. Wobei die weibliche Besetzung mit Selena Gomez, Tilda Swinton und Cloë Sevigny durch ihre Schönheit davon ablenken muss, dass das Palais du Festival letztlich doch ein recht hässlicher Betonbunker der 70er bleibt. 

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