Cannes: Die totale Kontrolle

Gleich zwei Filme im Wettbewerb um die Goldene Palme widmen sich dem Thema Überwachung
| Adrian Prechtel
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Heimlich nimmt Alice eine der Pflanzen für ihren 13-jährigen Sohn Joe mit nach Hause, sie nennen sie „Little Joe“.
Festival du Cannes / dpa Heimlich nimmt Alice eine der Pflanzen für ihren 13-jährigen Sohn Joe mit nach Hause, sie nennen sie „Little Joe“.

Michael-Jackson-Musik darf hier immer noch den Roten Teppich beschallen und Alain Delon einen Ehrenpreis bekommen. Was die Chefredakteurin des amerikanischen Branchenmagazins „Variety“, Claudia Eller, in ihrer Cannes-Berichterstattung natürlich auf die Palme bringt. Weil Delon sich reaktionär über Adoption durch Homopaare äußert und zugegeben hat, vor Jahrzehnten seine Frau geohrfeigt zu haben.

Alain Delon bleibt der Held

Außerdem ist er mit Jean Marie Le Pen befreundet, auch wenn er betont, kein Front National Anhänger zu sein. Alles nicht gerade sympathisch. Aber Festivaldirektor Frémaux lässt sich da nicht unter Druck setzen: Lebenswerk bleibt Lebenswerk! Und erst die französischen Cineasten! Sie feiern Delon, Ehrenpreisträger des Festivals, mit einer Ehrfurcht, die an religiöse Verehrung grenzt. Der Saal erhebt sich geschlossen von den Sitzen, als Delon den Raum betritt. Und Delon zeigt sich von seiner charmantesten und bescheidenen Seite. Er nehme den Preis nur an, weil all die großen Regisseure, denen er, der Nobody und Underdog, alles verdanke, schon tot seien. „Andere kamen von der Schauspielschule, ich aus dem Indochinakrieg. Ich habe nie gespielt. Ich habe meine Rollen gelebt“, sagt Delon. Das ist es, was sein Spiel, die tragische Aura seiner Helden so unvergleichlich verführerisch macht.

Die Elton-John-Premiere mit Afterparty wurde für 6000 Dollar gehandelt

Was kostet die Welt? In einer Gegend mit extrem hoher Gelddichte könnte man zynisch kalauern: „nicht die Welt“. Umso mehr ärgert es den Jacht- und Luxusappartementbesitzer, wenn etwas nicht käuflich ist. Die Rede ist nicht von der Liebe, sondern von Premierenkarten. Das Festival in Cannes ist nämlich „geschlossen“. Das heißt, man muss akkreditiert, berühmt oder Filmcrewmitglied sein, um auf eine Gala zu kommen. Noch enger wird es bei einer der anschließenden Promipartys in den großen Strandzelten, den Clubs oder den Ballsälen im Carlton oder Majestic. Cannes ist stolz darauf, unkorrumpierbar und streng zu sein – und sicher, denn das Festivalpalais kann man nur nach einer Art „Flughafenkontrolle“ betreten. Und doch gibt es ihn: den Schwarzmarkt für Premieren und Feiern. Und dazu muss man nicht einmal ins Darknet. Die Elton-John-Premiere mit Afterparty wurde für 6000 Dollar gehandelt und das Charity-Dinner für die Aids-Foundation mit Leo DiCaprio ist mit 13 500 Dollar deutlich am begehrtesten.

"Little Joe" ist ein österreichisch-englischer Beitrag mit großer deutscher Beteiligung

Das alles hat mit der Ernsthaftigkeit des Wettbewerbs um die Goldene Palme natürlich wenig zu tun. Hier zeigte die Österreicherin Jessica Hausner „Little Joe“, einen Film, der einen Hauch von Science-Fiction hat: Eine arbeitswütige Pflanzengenetikerin züchtet eine Blume, die Aufmerksamkeit und Ansprache braucht. Dafür verströmt sie ein Mutter-Baby-Hormon, das glücklich macht. Um aus dieser Züchtung Profit zu schlagen, ist die Pflanze steril und kann nur im Labor reproduziert werden. Doch dann läuft das Ganze aus dem Ruder: Die pseudo-empathische Blume entwickelt als darwinistisch geniale Gegenstrategie Pollen, die Menschen dazu bringen, sich emotional nur noch auf die Pflanze zu fixieren. So ist „Little Joe“ ein hochaktueller, kritischer Forschungskrimi, in dem wie in Johann Wolfgang von Goethe „Zauberlehrling“ dem Menschen die Kontrolle über sein Werk entgleitet. Und zwar in Form einer subtilen Gehirnwäsche. Die kann symbolisch auch für viele andere Bereiche stehen. „Little Joe“ – die Forscherin (Emily Beecham) nennt die Pflanze nach ihrem Sohn – arbeitet mit stark stilisierten, sterilen Bildern, auch weil es um die Unfähigkeit des rationalen, modernen Menschen geht, Gefühle einfach zuzulassen. Gefühle in asiatischen Filmen richtig zu deuten, ist allerdings auch oft schwer. Aber darum ging es Diao Yinan auch gar nicht: „Der See der Wildgänse“ erzählt einen Gang-Krimi im heutigen China. Aber das eigentliche Thema unter den großartig atmosphärischen Bildern von nass glänzenden Betonbahnhöfen und nächtlichen Mietskasernen ist das Gefühl der totalen Überwachung, das sich geradezu körperlich auf den Zuschauer überträgt.

China: die Zensur umgangen, trotzdem kritisch

Jeder Winkel wird von Kameras erfasst, die den Fluchtweg des Gangsters nachzeichnen. Aber dann verliert sich seine Spur in heruntergekommenen Wohnvierteln mit Kellerfabriken und Imbissverschlägen oder in der Natur, an einem See, wo auch Prostituierte leben – also in Gegenden, wo das moderne China noch keinen Kahlschlag vollbracht hat. Auch das macht der Film deutlich: Unsere Sympathie ist mit dem Fliehenden, auch wenn die Polizei und ihre Spitzel einen Totschläger jagen, der von zwei Frauen verraten wird, die ihn eigentlich lieben.

Das ist beklemmend, fantastisch Wong-Kawei-artig stilisiert und mit ein bisschen Martial Arts angereichert. Kein Wunder, dass im Premierenkino auch Quentin Tarantino zuschaute, der morgen seinen Film „Once upon a Time ... in Hollywood“ mit Leonardo DiCaprio und Brad Pitt zeigt.

Auch Corneliu Porumboius Film ist ein Gangsterfilm

Im rumänischen Wettbewerbsbeitrag „La Gomera“ sind die Überwachungskameras in die Privatsphäre eines Menschen vorgedrungen. Sie sind hinter Spiegeln und Gemälden in der Wohnung eines Polizisten versteckt, den seine Chefin zu Recht verdächtigt, mit der Mafia zu kooperieren. 30 Jahre nach dem Ende der Geheimpolizei Securitate, kann die Ordnungsmacht dem Verdächtigen sogar beim Sex zu sehen. Auch Corneliu Porumboius Film ist ein Gangsterfilm, aber weniger Film noir als bitterböse Komödie, die die berühmte Duschszene aus „Psycho“ zitiert, um ihr ein der Genderdebatte gemäßes Ende zu verpassen. Die Frau wird nicht zum Opfer, sondern ist selbst eiskalte Gaunerin, die den Messer-Mann exekutiert. In Porumboius Film erweisen sich alle, auch die Kriminalkommissarin selbst, als korrupt und eiskalt. Sie sind zugleich sensible, melancholische Geistesmenschen, die zum Klang von Netrebko-Arien die Kehle eines Menschen durschneiden. Ein düsteres, aber mit viel Humor gezeichnetes Bild einer post-sozialistischen Gesellschaft. 

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