Brutaler Spaß

Wer braucht schon eine Handlung? "Free Fire" beweist Mut zur Lücke und setzt stattdessen auf eine Extra-Ladung Blei.
| Arne Lehrke
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Justine (Brie Larson) hat den Waffendeal eingefädelt.
splendid film Justine (Brie Larson) hat den Waffendeal eingefädelt.
Außer einer Lagerhalle, einer Handvoll Ganoven und einer Menge Waffen braucht es in der britischen Action-Komödie "Free Fire" von Regisseur
Ben Wheatley nicht viel. Und auch wenn die Geschichte um einen gescheiterten Deal genauso vage bleibt wie die Charaktere, die sie durchleben, entwickeln sich spannende Schuss- und spitzzüngige Wortwechsel. Trotz großartiger Schauspieler, Produktionsunterstützung von Altmeister Martin Scorsese und einer nostalgischen
Verlagerung in die späten 70-er schrammt der Gangster-Showdown allerdings haarscharf am Kultpotenzial vorbei. Eine Nacht im Jahre 1978 auf einem verlassenen Fabrikgelände in Massachusetts: Zwei Interessengruppen werden von Mittelsperson Justine (Oscar-Gewinnerin Brie Larson) zusammengebracht, um Waffen gegen Geld zu tauschen. Die erste Gruppe, angeführt von Chris (Cillian Murphy) und Frank (Michael Smiley), will Waffen für die IRA
kaufen, während die zweite Gruppe, angeführt vom Südafrikaner Vernon (herrlich feige dargestellt von Sharlto Copley), nur am Geld interessiert ist. Schnell wird klar, dass das gelieferte Waffenmodell nicht das abgesprochene ist. Außerdem hat jedes Mitglied des knappen Dutzends noch eigene Interessen mitgebracht. So fliegen erst Beleidigungen, dann Fäuste und den Rest des Films jede Menge Kugeln. Regisseur
Ben Wheatley hat in den letzten Jahren das britische Kriminal-Kino mitbestimmt und mit Filmen wie "Down Terrace" und "Kill List" gezeigt, dass er die Materie beherrscht und bisweilen den richtigen Ton für schwarzhumorige Dialoge findet. In "Free Fire" schmeißt er nun alles "Überflüssige" wie Handlung oder Charakterentwicklung über Bord und einen Haufen Wilder in eine Halle, die aussieht wie ein geplantes Paintballfeld. Damit kann er sich von vornherein auf die Action und die One-Liner konzentrieren, die quasi im Minutentakt rausgehauen werden. Was sich nach einer Hommage an das meisterhafte Tarantino-Massaker "Reservoir Dogs" anhört, ist mit voller Absicht viel trashiger angelegt. Die Charaktere sind vollkommen überspitzte Karikaturen von felsbrockenharten Tagelöhnern, drogensüchtigen Nichtsnutzen und größenwahnsinnigen Möchtegern-Gangsterbossen. Das wäre nicht schlimm, wenn zumindest ein, zwei Figuren so sympathisch wären, dass einem ihr vorzeitiges Ableben nahegehen würde. Doch in dem Tohuwabohu verliert man trotz toller Darsteller schnell das Interesse an den Motiven und fiebert nur noch mit, wen es wohl als Nächstes dahinrafft und ob überhaupt jemand aus der Nummer heil herauskommt. Das funktioniert als 90-minutiges Genrekino und schnelllebige Crime-Konserve trotzdem gut, da Kamerafrau Laurie Rose immer nah genug am Geschehen ist, dass sich der Zuschauer in der Halle wähnt. Auf Augenhöhe kriecht die Kamera mit durch Staub und Glasscherben, und während einem die Schüsse um die Ohren fliegen, meint man, den Schmauch riechen zu können. Außerdem wird ausgerechnet die Egal-Haltung zu den meisten Charakteren zu einem Trumpf für die Spannung. Bei dem hohen Tempo vergisst man schon mal die ein oder andere Person, die dann plötzlich ein überraschendes, blutiges Comeback feiert. Ben Wheatley geht in seiner Gangster-Komödie ehrlich mit dem Zuschauer um. Er gibt nicht vor, eine tiefgründige Geschichte zu erzählen, sondern jagt seine Protagonisten über knapp 90 Minuten von einem Schutthaufen zum nächsten. Leider legt er es dabei mit ständigen One-Linern oder dem penetranten Etablieren eines wiederkehrenden Songs zu sehr darauf an, "Free Fire" in die Hall of Kultfilme zu pressen. Und obwohl ihm das nicht ganz gelingen mag, weil eben nicht alle Sprüche sitzen, ist der Film immer doch unterhaltsam genug für ein Publikum, das an todbringender Action und markigen Beleidigungen seinen frivolen Spaß hat.
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