AZ-Filmkritik: Die andere Seite von allem

Der Dokumentarfilm "Die andere Seite von allem" fächert die Geschichte Jugoslawiens auf – und noch viel mehr.
| Adrian Prechtel
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Reflexion, Kampf, Sieg, Fiasko: Srbijanka Turajlic in ihrer Wohnung.
JIP Reflexion, Kampf, Sieg, Fiasko: Srbijanka Turajlic in ihrer Wohnung.

Immer wieder ist jetzt davon die Rede: "Unsere Demokratie ist unter Beschuss! Wir müssen sie verteidigen!" Aber irgendwie scheinen wir uns der demokratischen Sache in Deutschland recht sicher – zu sicher? Umso interessanter ist es, mitten in Europa, eine Frau porträtiert zu sehen, die ihr Leben diesem Kampf gewidmet hat, obwohl das alles gefährlich und anstrengend gemacht hat.

Die Belgrader Bildungsbürgertochter Srbijanka Turajlic ist von faszinierender Unerschrockenheit und Selbstlosigkeit, hat nie Rücksicht auf ihre persönlichen Verluste genommen. Und das Tolle an der Ingenieur-Professorin ist, dass für sie dieser Kampf gegen Autokratie und den pervers gefeierten Kriegsverbrecher und Präsidenten Slobodan Milo(s)evic eine Selbstverständlichkeit ist – und genau diese Selbstverständlichkeit stellt unsere Bequemlichkeit in Frage.

Die Familiengeschichte: Ein Porträt Jugoslawiens

Der brillante Dokumentarfilm "Die andere Seite von allem", den die Tochter Mila über ihre Mutter drehte, geht weit über das Personenporträt hinaus. Anhand der Familiengeschichte wird die Geschichte Jugoslawiens erzählt und wie die jeweiligen Machthaber sie umerzählen wollten: vom Königreich über die Partisanenzeit zum Sozialismus, über den Nationalismus zur Demokratie – und zu neuer Gefährdung.

Ein Clou ist, dass der Film – abgesehen von historischen Aufnahmen und Mitschnitten von Massenprotestkundgebungen – die Wohnung nicht verlässt, weil sich hier alles aus liberal-bourgeoiser Sicht zeigen und verdichten lässt: bis hin zu einer seit 70 Jahren verschlossenen Zimmertür. Dahinter hatten die Kommunisten 1947 den großbürgerlichen Turajlics eine proletarische Familie zwangseinquartiert. Hier wohnt immer noch die jetzt uralte Nachbarin wie eine verdrängte Gegenwelt.


Am Samstag, 13.10 Uhr, und Sonntag, 11.10 Uhr, im Monopol

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