AZ-Filmkritik: Der Trafikant - Liebesrat von Sigmund Freud

Die leise Verfilmung von Robert Seethalers "Der Trafikant" erzählt vom Erwachsenwerden in düsterer Zeit.
| Margret Köhler
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Franz (Simon Morzé) mit seiner ersten Liebe Anezka (Emma Drogunova) und Sigmund Freud (Bruno Ganz).
Petro Domenigg/TOBIS Film Franz (Simon Morzé) mit seiner ersten Liebe Anezka (Emma Drogunova) und Sigmund Freud (Bruno Ganz).

Ein Trafikant ist in Österreich jemand, der einen kleinen Laden führt mit Zeitungen, Tabakwaren, Schreibutensilien, eine Art Kiosk. Ein Kommunikationszentrum mit Stammkunden und einem "Verkäufer", der weiß, was seine Klientel will und gern ein Schwätzchen hält.

Zu einem solchen Trafikanten in Wien wird der 17-jährige Franz Huchel von seiner Mutter im Jahr 1937 geschickt. Kurz vor dem "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland im März 1938.

Franz beginnt eine Lehre bei einem Aufrührer...

Eine weite Reise für den Jungen aus der Provinz, er ist fast verloren in der Großstadt. Beim einstigen Liebhaber der Mutter, Otto Trsnjek, der ein Bein im Ersten Weltkrieg verloren hat und sich weigert nationalsozialistische Zeitungen zu vertreiben, geht der Junge in die Lehre und lernt viel, nicht nur über das Verkaufen, auch über das Leben.

Da gibt es die erste und unglückliche Liebe mit einer böhmischen Varietétänzerin, die ihm so schwer zu schaffen macht, dass er die politische Realität fast verdrängt – Konfrontation mit den Nazis, judenfeindliche Schmierereien am Schaufenster, Denunziation durch die Nachbarn, die dazu führt, dass der Jude Trsnjek wegen ein paar unter dem Ladentisch verscherbelten Pornoheftchen in die Hände der Gestapo gerät.

...und lehnt sich selbst gegen Nazis auf

Franz übernimmt das Geschäft, bietet den Nazis die Stirn. Wenn er am Ende die Hose des einbeinigen Trsnjek gegen die Hakenkreuzfahne der SS vor der Kommandatur austauscht und sein Leben aufs Spiel setzt, ist er erwachsen geworden, muss er die Folgen tragen.

Die tragische Coming of Age-Story wird immer wieder aufgeheitert durch die Begegnung zwischen dem neugierigen Franz und dem Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud, der im Laden seine Zigarren kauft und ihm Tipps zum Umgang mit Frauen gibt, die zwar wenig fruchten, aber über den ersten Liebeskummer hinwegtrösten sollen.

Bruno Ganz als väterlicher Freund Freud, der bald ins Exil gehen muss, und Simon Morzé als Träumer, der erste Erfahrungen macht, sind ein gutes Gespann. Ihre Gespräche sind tiefsinnig, komisch und manchmal gar philosophisch. Dass sie vom Caféhausbesitzer aus Angst vor den Nazis höflich in eine versteckte Ecke geleitet werden, lassen sie über sich ergehen.

Oft arg künstlich, am Ende doch gelungen

Nikolaus Leytner führt in dieser Mischung aus Historienfilm, Liebesgeschichte und Porträt einer Freundschaft in eine düstere Zeit, wobei die Kulissen oft arg künstlich wirken und das Drehbuch mal etwas papiern, dann aber wieder eine emotionale Wucht entfaltet.

Dabei verzichtet der Österreicher auf den Polithammer, Privates und Politisches bedingen sich in einem Teufelskreis. Und so ist die Verfilmung von Robert Seethalers außergewöhnlichem Roman am Ende doch gelungen, in leisen Tönen, in Moll und Dur.


Kinos: ABC, Atelier, Monopol, Theatiner Film, R: Nikolaus Leytner (D/A, 114 Minuten)

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