Auch was für Putinversteher? "Der Magier im Kreml" ist eine spannende Analyse – für uns alle
Es gibt im Film mehrere Schlüsselszenen: Boris Jelzin, der wie ein betrunkener Bär, gesundheitlich angeschlagen die politische Kontrolle verliert - in einem Land, das sich nach einem kreativen, anarchischen Freiheitstaumel im Kleptomanen-Kapitalismus wiederfindet. „Wir wuchsen in einem Vaterland auf und leben in einem Supermarkt“, sagt Wladimir Putin dazu und meint damit, dass Konsum keinen Wunsch nach Werten ersetzten kann, dass freier Kapitalismus Abstiegsängste und Überforderung erzeugt.
Ein politisch heißes Eisen eiskalt und spannend erzählt
Oder: Putin, wie er seine neue Partei gründet. Er lässt nacheinander verschiedene Gruppen antanzen: rechtsradikale Motorradgangs, neoliberale Wirtschaftsmagnaten, nostalgische Kommunisten. Sie alle verlassen Putins Arbeitszimmer im Kreml mit dem Gefühl, er sei ihr Mann. Zuvor hatte man ihm eine Umfrage vorgelegt, wer „der beliebteste Russe“ sei? Das Ergebnis: Stalin. Und was sagt Putin? Das sei so, „nicht trotz, sondern wegen Stalins Massenmorden.“ Die Russen zögen Sicherheit der Freiheit vor.

Dann ist er zum G 20 Gipfel nach Washington eingeladen und erlebt, wie er am Straßenrand warten muss, weil alles gesperrt ist, wenn der US-Präsident durch die Stadt eskortiert wird. Es verstärkt in Putin das demütigende Gefühl, nicht auf Augenhöhe mit den USA reden zu können. „Wir haben den Kalten Krieg nicht verloren, wir haben aus eigener Kraft eine Diktatur abgeschüttelt“, erklärt er der Presse.
Auch beginnt er, seine Macht stärker zu inszenieren. Die Medien und ihre Neureichen-Konzernchefs hat er ohnehin schon unsanft unter Kontrolle gebracht. Und später erkennt er früh, dass das Internet vor allem kein Informations-, sondern ein Hysterisierungs- und Trash-Raum ist, den man als Russland klug - auch mit Fake-News - bespielen kann.

„Der Magier im Kreml“ ist sicher ein heißes Eisen, oder soll man besser sagen: ein eiskaltes? Denn wie zeigt man den Aufstieg von Wladimir Putin vom Kabinettschef Jelzins zum russischen Geheimdienstchef über den Ministerpräsidentenposten bis zum quasi unabwählbaren Präsidenten - anscheinend auf Lebenszeit? Jude Law spielt Wladimir Putin mit Pokerface, auch mit Momenten von Charme, jedenfalls immer blitzgescheit. Aber der titelgebende „Magier im Kreml“ ist gar nicht der Präsident selbst, sondern sein schillernder Berater (Paul Dano), der viel mehr ist als nur Präsidentenflüsterer. Dieser Wadim Baranow ist eine Art Ein-Mann-Think-Tank, angelehnt an die wirkliche Figur von Wladislaw Surkow.
Gezeigt wird die konsequente, schachzugartige Konstruktion einer totalitären Herrschaft aus einer Demokratie am Beispiel Russlands - zeitlich angefangen vom Zusammenbrauch der Sowjetunion - nach Putin die „größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ - bis zur anfangs verschleierten, aber brutalen Infiltration der Krim durch faschistische russische Freischärler 2014.

Ein Faszinosum des „Magiers im Kreml“ ist, dass ihn „Putinversteher“ genauso anschauen können wie konsequente Gegner der totalitären und kriegerischen Politik des „neuen Zaren“. Das Drama „Der Magier im Kreml“ ist dabei aber nicht haltungslos, sondern hat eine andere Zielrichtung: Er will eine zwar fiktionale - auf dem gleichnamigen Roman von Giuliano Da Empoli basierende -, aber rationale Erklärung der politischen Entwicklungen zu geben. Womit sich interessante Fragen stellen: Warum ist es so gekommen, und wer - auch der so genannte Westen - hat wann was vielleicht falsch gemacht? Am Ende hat man viel verstanden, ohne dem Krieger und Autokraten Putin jemals Recht geben zu müssen.
Lehrstunden, wie eine Demokratie ausgehöhlt wird
Der Film von Olivier Assayas ist dabei eiskalt erzählt, aber zu intelligent, um uns nur Gruselschauer über den Rücken zu jagen. Vielmehr bekommen wir aus der Sicht der russischen Machthaber unsere westliche Gesellschaft und ihre Schwächen gespiegelt, an denen das Mastermind Putins ansetzt.

Damit ist der Film auch ein Lehrbuch, wie man eine Demokratie aushöhlt. Am Beispiel Russlands erlebt man, wie in vielen Schritten extrem geschickt und intelligent eine junge, demokratische, in der Wendezeit noch wilde Gesellschaft ins Totalitäre geführt wird, wie Freiheit für Sicherheit aufgegeben wird, wie sich alles in einer Person personalisieren lässt: dem Präsidenten.
Gezeigt wird Machiavellismus des 21. Jahrhunderts pur. Und so ist „Der Magier im Kreml“ eine aufklärerische, verführerische Sternstunde politischen Kinos - mit belebender Irritation.
Kino: ABC, Leopold sowie City, Rio (OmU) und Museum (OV)
R: Olivier Assayas (F, 155 Min.)






