Kritik

Filmrevolution in Schwarzweiß: "Nouvelle Vague" startet in Münchner Kino

Wunderbare Leichtigkeit des Seins: Der US-Regisseur zeigt amüsant die Geburtsstunde der legendären französischen Filmrichtung in einem leuchtend schwarz-weißen Paris.
von  Adrian Prechtel
Im lebhaften Paris: Jean Seberg (Zoey Deutch) und Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin) beim Dreh von „Außer Atem“. Das neue „Cahiers du Cinéma“ hängt auch leicht schräg am Kiosk.
Im lebhaften Paris: Jean Seberg (Zoey Deutch) und Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin) beim Dreh von „Außer Atem“. Das neue „Cahiers du Cinéma“ hängt auch leicht schräg am Kiosk. © Studiocanal

Ein Cineastenfilm! Das kann man auch als Schimpfwort verstehen. Denn oft verbergen sich hinter dem Schlagwort unausgesprochen Unzugänglichkeit, Absonderlichkeit, Selbstbeweihräucherung, Irrelevanz.

Bei Richard Linklaters "Nouvelle Vague" ist das anders, weil man einfach einen schönen, amüsanten Film im Paris der frühen 60er-Jahre bekommt. Andererseits geht es im Film um einen berühmten Filmdreh und es tauchen alle legendäre, französische Namen auf, bei denen man schnell den Überblick verliert: Denn der Mitbegründer des Neorealismus, Roberto Rossellini, ist bei der Filmzeitschrift "Cahiers du Cinéma" zu Besuch. Und nicht nur François Truffaut hängen als Journalisten herum, sein Freund Jacques Rivette ist auch da, um den Erneuerer des italienischen Kinos zu feiern.

Eifersucht, Größenwahn, Arroganz und Genie

Bald reisen alle nach Cannes ab, zu den Filmfestspielen - weil sie dort eigene Filme zeigen. Nur Jean-Luc Godard bleibt allein und eifersüchtig in der Redaktion zurück, weil er über das Schreiben bisher nicht hinausgekommen ist.

Photocall für den Film „Nouvelle Vague“ in Cannes mit Aubry Dullin, Richard Linklater, Zoey Deutch, Guillaume Marbeck.
Photocall für den Film „Nouvelle Vague“ in Cannes mit Aubry Dullin, Richard Linklater, Zoey Deutch, Guillaume Marbeck. © IMAGO/ZUMA Press

Aber weil "die beste Form, einen Film zu kritisieren, einen zu machen, ist", startet er sein erstes Filmprojekt mit dem programmatischen Satz: "Man braucht eine junge Frau und eine Knarre". Der Typ würde sterben, das Mädchen bleiben. Und für die nächste gute Stunde erleben wir das Entstehen des großen Klassikers der neuen Filmbewegung: "A bout de suffle - Außer Atem" von 1960. Jean-Paul Belmondo wird zum Star, die US-Schauspielerin Jean Seberg zur Kultfigur. Nach diesem Film wird sie zwischen Hollywood und Europa pendeln, auch weil sie in den USA wegen politischer Aktivitäten für die Bürgerrechtsbewegung einer Schmutzkampagne und Druck durch das FBI ausgesetzt ist. Seberg jedenfalls lässt sich auf Jean-Luc Godards abenteuerliches Filmangebot ein.

Jean-Luc Godard im Mai 1968 bei der Studentenrevolution in Paris mit seiner Kamera.
Jean-Luc Godard im Mai 1968 bei der Studentenrevolution in Paris mit seiner Kamera. © Imago/opale / Serge Hambourg

Es ist eines der Witze dieses Hommage-Films von Richard Linklater, der Hollywood als Independent-Filmer selbst gut kennt, dass er Seberg an Godards Regiestil zweifeln und manchmal verzweifeln lässt: Godard ist ein arroganter Superintellektueller, ein selbstverliebter Kerl, dessen Drehbuch nie fertig ist, der auch mal nach zwei Stunden den Dreh abbricht, weil ihm nichts "neues" einfällt. Aber es ist genau dieser Guerillastil in unabgesperrten Straßen, mit Handkamera, spontaner Natürlichkeit, was so belebend auf die Filmgeschichte eingewirkt hat.

Im Rampenlicht: Jean Seberg (Zoey Deutch) bei der Premiere von „Außer Atem“.
Im Rampenlicht: Jean Seberg (Zoey Deutch) bei der Premiere von „Außer Atem“. © Studiocanal

Und das Trio aus Godard (Guillaume Marbeck), Jean Seberg (Zoey Deutch) und Belmondo (Aubry Dullin) ist wirklich amüsant - und zusammen kreieren sie ein packendes, existenzialistisches Lebensgefühl zwischen Wein, Zigaretten und intelligenten Sprüchen. "Kunst ist nie fertig, sondern nur aufgegeben", zitiert Godard im Film Michelangelo.

Mit dem Jazz der Zeit

Der Megalomane Godard (1930-2022) wollte mit 29 Jahren und seinem Erstling gleich "Unsterblichkeit". Was ihm mit nur 23 Drehtagen gelungen ist. Filmtechnisch ist vieles ruinös - der Ton ist nachsynchronisiert, sogenannte Anschlussfehler waren ihm egal, wie auch das vorgesehene Budget, der Jazz der Zeit von Martial Solal, dem Pianisten vom Musikclub Saint Germain, ist der Soundtrack.

Der Reghisseur und seine Hauptdarstellerin. Guillaume Marbeck als Godard und Zoey Deutch alos Jean Seberg.
Der Reghisseur und seine Hauptdarstellerin. Guillaume Marbeck als Godard und Zoey Deutch alos Jean Seberg. © Studiocanal

Richard Linklater hat das alles - in einem technische perfekten, auf Französisch gedrehten Film - sehr gut eingefangen. Paris glänzt wunderschön in Schwarzweiß, das Lebensgefühl strahlt jung und ausgelassen, am Set scheint lässige gute Laune geherrscht zu haben, wie alle berichten. So ist "Nouvelle Vague" einfach ein Kinovergnügen - vor allem in unseren beschwerten Zeiten.

Kino: Arena, City, Theatiner,
Isabella (alle OmU)
R: Richard Linklater
(USA/F, 105 Min.)

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