Anomalisa: Paare und Passanten

„Anomalisa“ – ein wunderbar wahrer Animationsfilm von Charlie Kaufman.
| Adrian Prechtel
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Das Hotel als Niemandsland besonderer Möglichkeiten: Michael Stone trifft hier seine Ex, weil er gerade auf Vortragsreise in ihrer Stadt ist.
PPG Das Hotel als Niemandsland besonderer Möglichkeiten: Michael Stone trifft hier seine Ex, weil er gerade auf Vortragsreise in ihrer Stadt ist.

Es ist paradox: Aber manchmal lenkt Realismus von der Wirklichkeit ab. Das merkt man, wenn man in „Anomalisa“ von Charlie Kaufman sitzt. Kaufman hat schon oft und intensiv Befindlichkeiten durchleuchtet, indem er sich zum Beispiel 1999 auf skurrile Weise ins Innere von John Malkovich begeben hat (als Drehbuchautor von „Being John Malkovich“).

Diesmal hat er mit Co-Regisseur Duke Johnson einen Stop-Motion-Film gedreht. Eine Figur wird 32 Mal pro Sekunde fotografiert und dabei 32 mal ein winziges Stück weiterbewegt, so dass sich beim Abspielen eine Puppenbewegung ergibt. Und wenn man so Michael Stone begegnet, passiert etwas Wunderbares: Einer Kunstfigur zuzuschauen, lässt uns mehr auf innere Abläufe achten. Kein bekanntes Schauspielergesicht, keine „echten“ Details lenken ab. Man kann die Handlung nicht in einer Wirklichkeit festnageln und sie so von uns wegschieben.

„Anomalisa“ ist eine Episode aus dem Leben eines berühmten Sachbuch- und Ratgeber-Autors. Auf einer Vortragsreise kann dieser Michael Stone in einem Hotel nicht einschlafen. Ihm fällt ein, dass seine Ex in dieser Stadt wohnt.

Sie treffen sich in der Hotelbar, er hofft auf Sex mit der Ex. Aber es wird ein Treffen, in dem klar wird, dass man an Vergangenes nicht einfach wieder anknüpfen kann. Vor allem, wenn Kränkungen noch immer nicht verheilt sind.

 

Unsere Krisen, Sehnsüchte, Neurosen wunderbar plastisch

 

Aber in der nächtlichen Lobby trifft er auf zwei jüngere Frauen, die nur seinetwegen hierhergereist sind – zu seinem Vortrag am kommenden Morgen. Und es wird ein Spiel zwischen Star und Fans, an dessen Ende eine Affäre ausgerechnet mit dem Mauerblümchen der beiden steht – wunderbarerweise aber ohne psychische Verletzungen oder moralischen Kater am Morgen.

Kaufman hat in diese Konstellationen alles eingebaut: unsere Lebensberatungs-Hysterie, die amerikanische Naivität und Prüderie, Einsamkeitsgefühle trotz Familie und eine einsetzende Midlife-Crisis. Es ist, als hätte Woody Allen am Drehbuch mitgeschrieben. Aber in der besonderen Animations-Verfremdung kann man durch die Vereinfachung von Gesten und Mimik eine Geschichte besonders plastisch und so intensiv erzählen.


Kino: Arena, Münchner Freiheit, Monopol sowie Atelier (OV) B&R: Charlie Kaufman (USA, 91 Min)

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