Interview

Andreas Kleinert über seinen neuen Film: Unangepasst das Leben feiern

Regisseur Andreas Kleinert hat einen Film über den Schriftsteller Thomas Brasch gedreht. Den gibt es auf dem Münchner Filmfest zusehen.
| Margret Köhler
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Eine Szene aus dem Film "Lieber Thomas": Der Schriftsteller Thomas Brasch (Albrecht Schuch) und seine Freundin Katarina (Jella Haase).
Eine Szene aus dem Film "Lieber Thomas": Der Schriftsteller Thomas Brasch (Albrecht Schuch) und seine Freundin Katarina (Jella Haase). © Zeitsprung Pictures/ Wilde Bunch

Die Reihe "Neues Deutsches Kino" gilt als Herzstück des Filmfest München. Eröffnet wird sie mit Andreas Kleinerts "Lieber Thomas", einem exquisiten Mix aus Essay, Fiktion und Wirklichkeit angelehnt an das Leben des Schriftstellers Thomas Brasch (1945 - 2001) und eine fulminante Liebeserklärung an diesen radikalen Rebell, sanften Poeten und Ladies Man. Ein Mensch zwischen zwei Welten: Für die DDR war er zu unangepasst und durfte nicht veröffentlichen, im Westen feierte er Erfolge mit Werken wie "Vor den Vätern sterben die Söhne", ohne sich vereinnahmen zu lassen. Ein Blick auf das 20. Jahrhundert und einen - optimal mit Albrecht Schuch besetzten - in sich widersprüchlichen und modernen Künstler.

AZ: Herr Kleinert, wer war Thomas Brasch?
ANDREAS KLEINERT: Für mich ist er ein Künstler, der exemplarisch für das 20. Jahrhundert steht und für unsere heutige Situation. Wenn man heute seine Essays liest oder auch seine Interviews, merkt man, was für ein aktueller Denker er ist. Zu vielen Fragen, die uns umtreiben, hat er schon eine Antwort gesucht, natürlich auch eine sehr provokante. Aber man muss Thomas Brasch nicht kennen, um den Film zu sehen und zu verstehen. Natürlich ist er nicht mehr so präsent wie beispielsweise Heinrich Böll, aber darum ging es uns nicht. Er versinnbildlicht ein deutsch-deutsches Schicksal mit Kraftpotenzial. Es war uns wichtig, einen Menschen als Künstler zu zeigen, aber wir konzentrieren uns nicht auf ein Künstlerschicksal, sondern auf einen Charakter, der extrem aneckt, extrem provokant, extrem unruhig und unzufrieden mit sich selbst ist, der sich zerreißt in permanenter Widerständigkeit, aber auch eine Lust empfindet, sich zu reiben und widersprüchlich zu sein. Das ist nicht nur schmerzhaft, das ist auch gut.

Die Lust an der Zerstörung…
Absolut. Das ist das, was uns fasziniert und dass man ihn heute gut erzählen kann, wo wir alle oft in einer politischen Korrektheit erstarren und uns überlegen, ob wir dieses oder jenes überhaupt sagen können. Wir mutieren zu einer Kontroll-Gesellschaft und da war Brasch das Gegenteil. Dem war es sowas von egal, ob er gute oder schlechte Presse bekam, ob er provozierte oder nicht. Er hat seine Meinung einfach rausgehauen. Lernen können wir auch von seiner Beziehungsmodernität, gerade wo der Trend zu ganz klassischen Bildern von Mann, Frau, Kind und Familie zurückgeht und man am liebsten auch noch Verlobung feiert wie vor 100 Jahren. Er ging auf andere Menschen zu, lebte intensive Beziehungen. Auch nach der Trennung blieb er den Frauen verbunden, er hatte alle Frauen bis zum Ende bei sich in seiner Seele.

"Lieber Thomas" handelt von Sex, der Mauer und Freiheit

Wann ist Ihnen Thomas Brasch erstmals literarisch begegnet?
Während meiner Zeit an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg durch ein kleines Gedichtbändchen, das in der DDR in der Reihe "Poesiealbum" herauskam. Und ich habe mir aus dem Westen noch einiges wie "Vor den Vätern sterben die Söhne" besorgt, dann seinen ersten Film "Engel aus Eisen" gesehen. Nach der Wende hat mir Joachim von Vietinghoff, Produzent meines ersten Films im Westen, viel über Brasch erzählt, kannte er ihn doch sehr gut durch die Zusammenarbeit 1981 bei "Engel aus Eisen" und 1988 bei "Der Passagier - Welcome to Germany”. Wir Filmhochschulstudenten wussten, dass Brasch von der Schule geflogen war, ein Tabu-Thema in DDR-Zeiten. Und wir haben von der Flugblattaktion gegen den Einmarsch der Russen in Prag erfahren, von seinem Knastaufenthalt und dass er in der DDR nicht publizieren durfte. Als Studienanfänger bewundert man natürlich Radikalität, weil man selber radikal sein will. Das war in der DDR nicht so einfach.

War er ein Vorbild für Sie?
Vorbild klingt immer so komisch. Aber wenn man anfängt, Filme zu machen sucht man sich Leitfiguren, die sich nichts gefallen lassen, sich nicht anpassen. Toll fand ich, dass er im Westen nicht über die DDR hergezogen hat, sondern integer geblieben ist, sich nicht hat vereinnahmen lassen, wie so viele nach der Wende. Da waren plötzlich alle politische Kämpfer und die ganze Zeit im Widerstand, dabei waren sie brav und hielten den Mund. Im Film sagt er "Wenn ich auf die andere Straßenseite ziehe, sage ich ja auch nicht, da drüben wohnt 'ne Sau".

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Haben Sie keine Angst, den Zuschauer mit dem Wechsel von Wahrheit und Fiktion zu verwirren?
Wir machen ein vielschichtiges Angebot, aber geben dem Zuschauer keine Denkschemata vor. Ich erzähle über einen jungen Mann, der anfängt an der Filmhochschule zu rebellieren, der anfängt, nicht systemkonform zu sein, der sich mit seinem Vater streitet, der seinen Bruder liebt. Wir können nicht das gesamte Werk präsentieren, sondern nur Filmausschnitte oder Gedichte, zeichnen seinen Lebensweg skizzenhaft und collagenhaft und hoffen, dass der Zuschauer Lust bekommt, die Türchen in seinem Kopf zu öffnen. Es geht um Männer und Frauen, es geht um Sex, es geht um die Mauer und Fragen wie was ist Freiheit, was ist Heimatlosigkeit, wo gehöre ich hin?

Zehn Jahre Recherche für "Lieber Thomas"

Wie haben Sie sich mit Drehbuchautor Thomas Wendrich der Figur angenähert?
Wir kennen beide Brasch aus verschiedenen Perspektiven. Er hat ihn sogar persönlich erlebt. Wir haben einfach gesammelt, gesammelt und gesammelt. Es war alles noch viel länger und üppiger und dann mussten wir aussortieren. Wir verfügten eher über zu viel als zu wenig Material. Wir haben alle abgeklappert, die mit uns reden wollten, seine Frauen, seine Freunde. Und uns mit dem beschäftigt, was er selbst erzählt hat. Das waren ja auch Legenden, die nicht immer stimmen müssen. Das Prozedere dauerte über zehn Jahre.

Wieso dieser lange Zeitraum?
Bei einem Schwarz-Weiß-Film über einen Dichter rennen dir die Geldgeber nicht gerade die Türen ein. Wir haben auch versucht, immer mehr zu optimieren, zu verbessern. Ich wollte einen richtigen Kinofilm und nicht einen Fernsehfilm im Kinoformat. "Lieber Thomas" sollte ein wirklicher cineastischer Aufschlag sein.

Welches Label geben Sie dem Film? Er ist ja keines der üblichen Biopics.
Ich würde sagen, eine Traumreise über einen Dichter mit biografischen Bezüglichkeiten. Wie in der Musik eine Variation über ein Thema. Wir maßen uns nicht an zu sagen, so war Brasch. Die einzelnen Figuren sind nochmal anders als in Wirklichkeit. Wer eine dokumentarische Messlatte an den Film anlegt, wird nicht glücklich damit. Darum geht es uns nicht. Es geht uns um ein Gefühl. Wie ich die Frauen zeige, war eine ganz bewusste Entscheidung, da fließen meine Erinnerungen als Jugendlicher und als Kind ein, dieses Moderne an den DDR-Frauen, ihr Selbstbewusstsein, ihre Unabhängigkeit. Ihnen wollte ich auch ein Denkmal setzen.

Thomas Brasch war alles, nur kein Engel. Wie haben Sie da die Balance gehalten?
Das ist natürlich alles sehr subjektiv. Viele, die uns beraten haben, sagten, lasst dieses oder jenes weg. Aber ich finde, wenn man eine Persönlichkeit mit Liebe darstellt, kann man viele ihrer Seiten einbeziehen, eine Heroisierung lag uns jedenfalls fern. Sein vielgestaltiges Werk mit Gedichten, Übersetzungen, dem unvollendeten Roman vermitteln ein tolles Sinnbild für seine Situation. Er hatte so viel zu sagen, aber es ging in keine Form mehr. Da muss man sich nur vorstellen wie aus 16 000 Seiten ein 100-seitiges Bändchen entstand. Es gehört zum Schicksal eines jeden Künstlers, nicht da anzukommen, wo man hinwill, sondern immer irgendwo und irgendwie vor dem großen Ziel zu scheitern. Mit der Unvollkommenheit des Lebens haben wir alle zu tun. Ein Leben wird nie so perfekt, wie wir uns das vorstellen. Jedes Schicksal hat seine eigenen Sehnsüchte und seine eigenen Realismen, die aufeinanderstoßen. Dieser Widerspruch ist für uns mal leichter, mal schwerer auszuleben.

"Sei du selbst"

Welche Bedeutung hat die Einteilung in Kapiteln subsumiert unter Zeilen aus seiner Prosa?Wir liebten seine Gedichte und wollten sie verwenden, ohne sie ständig zu zitieren. Also haben wir versucht, das elegant einzufügen über Figuren. Das Gedicht "Papiertiger", das uns so wichtig war, haben wir einfach aufgegliedert, um dem Film eine Reihung zu geben und eine Zeittafel zu vermeiden. Emotionale Kapitel waren wunderbar über diese Gedichtzeilen zu vermitteln, wie durch seinen berühmten Satz "Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin".

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Welche Botschaft soll ein junger Mensch aus Ihrem Film mitnehmen?

Lasst euch nicht vereinnahmen oder manipulieren. Achtet nicht darauf, was andere über euch denken. Und wenn ihr Fehler macht, egal. Daraus kann man lernen. Sei du selbst.

Thomas Braschs Schwester Marion ist die einzige, die noch lebt. Haben Sie ihr den Film gezeigt?
Selbstverständlich, sie war total zufrieden und kommt auch mit Ihrer Tochter zur Premiere. Es ist ein wunderschönes Gefühl, so einen Zipfel Brasch in München zu haben.


Freitag, 2. Juli., 21.15 Uhr, Kino, Mond & Sterne im Westpark, Samstag, 3. Juli um 17 Uhr im Filmtheater Sendlinger Tor

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