"Am Strand": Wenn du geredet hättest...

Die Verfilmung von Ian McEwans Roman "Am Strand" mit den großen Jungdarstellern Saoirse Ronan und Billy Howl in der AZ-Filmkritik.
| Adrian Prechtel
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Chesil Beach, Südengland, 1962: Saoirse Ronan und Billy Howl als junges Paar – vertraut und doch tief verstört – nach der gescheiterten Hochzeitsnacht.
Prokino Chesil Beach, Südengland, 1962: Saoirse Ronan und Billy Howl als junges Paar – vertraut und doch tief verstört – nach der gescheiterten Hochzeitsnacht.

Natürlich gibt es sie – und zwar nicht nur im Film und in der Literatur: Schlüsselmomente. Und jeder kennt die nagende Frage: Wie würde ich heute leben, wenn diese eine kleine Situation anders verlaufen wäre?

Ian McEwan stellt diese Frage oft in seinen Romanen, wie 2001 in "Abbitte", wo eine eifersüchtige kleine vorwitzige Schwester durch eine Fantasiegeschichte mehr als nur das Glück der Familie ruiniert. Saoirse Ronan hat 2007 diese Briony in der Verfilmung gespielt. Und jetzt – zehn Jahre später – in einer weiteren Ian McEwan-verfilmung, in "Am Strand" ist sie Florence, eine Musik studierende Tochter aus besserem Hause, die sich in Edward (Billy Howl) verliebt, den Lehrersohn, der Geschichte studiert.

Es ist das Jahr 1962 und die beiden werden ein wunderbares Paar, stellen sich gegenseitig ihren Familien vor: er bei ihr in einer förmlichen Essenseinladung in die Bürgerwohnung mit Dienstmädchen ("und Sie, Edward, was haben Sie für Pläne in Ihrem Leben?"). Und sie kommt bei ihm ins liberale, leicht verhauene Kleinstadtrand-Elternhaus, wo sich die Familie sehr lieb um die Mutter kümmert, die durch einen Unfall einen Hirnschaden erlitten hat und so ein liebenswertes Wrack ist.

Trennung: Beide sind unschuldig schuldig

Edward und Florence küssen sich, sie lässt keine Zärtlichkeiten unterhalb der Gürtellinie zu und geht als Jungfrau in die Hochzeitsnacht im dunklen, schwer möblierten Hotel an der Südküste Englands – an "Chesil Beach", wie der Originaltitel von McEwans Buch heißt, der auch das Drehbuch zum Film geschrieben hat.

Schon wenige Stunden nach der Trauung ist das Paar wieder getrennt, ist die Beziehung verendet – durch Verkrampfungen, emotionale Missverständnisse, falsche Worte zur falschen Sekunde, wobei keiner einen vorwerfbaren Fehler macht, beide also unschuldig schuldig, also tragisch das Ende auslösen, bevor das gemeinsame Leben überhaupt beginnen konnte.

Kommunikation als zentraler Punkt

Die Frage, woran diese eigentlich so passende und Liebes-grundierte Beziehung scheitert, lassen Roman und Film – bei aller Klarheit der Faktoren – in einer irritierenden, klugen Schwebe: Ist es vor allem die Prüderie einer Gesellschaft vor der sexuellen Revolution, die nicht gelernt hat, über Sex und Ängste zu reden? Ist es der unausgesprochene Klassengegensatz, der quer durch die Mittelschicht läuft? Der macht es der Tochter schwer, gegenüber ihrem dominanten Macher-Vater zu ihrem intellektuellen Freund zu stehen. Und wunderbar subtil stehen hier ihr mädchenhaftes Tennisspiel gegen seine Erinnerungen an seine aufbrausenden Faustschläge als junger Mann. Ihr klassisches Geigenspiel ist hier gegen seine Chuck-Berry-Platten geschnitten.

Ist es also doch der Charakterunterschied zwischen einer musischen, empfindlichen Frau, die von einer verdrängten Missbrauchserfahrung überschattet ist, und einem jungen Mann, hinter dessen sensibler Art doch – für sie überraschend – ein aggressiver Zug steht, der herrührt aus Wut und Scham über seine Unterpriviligiertheit und den Zustand seiner geliebten Mutter? Und was haben wir inzwischen gelernt? Vielleicht können wir heute freier und offener miteinander über alles sprechen. Oder?


Kino: City, Münchner Freiheit sowie Maxim (auch OmU) und Atelier (OmU) B: Ian McEwan R: Dominic Cooke (GB, 110 Min.)

Verlosung: Wir verlosen 5 Pakete mit je dem Roman (Ian McEwan: "Am Strand", Diogenes) und zwei Kinokarten. E-Mail an kultur@az-muenchen.de oder Postkarte: AZ Kultur, Garmischer Str. 35, 81373 München, "Am Strand". (Ihre personenbezogenen Daten werden ausschließlich für die Abwicklung dieses Gewinnspiels verwendet und nicht an Dritte weitergegeben)

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