"Alte Liebe": Dresen, Manzel, Król und Heidenreich sind ein geniales Kleeblatt - im Kino

Ganze vierzig Jahre sind Lore (Dagmar Manzel) und Harry (Joachim Król) nun schon verheiratet und im fortgeschrittenen Alter an zwei sehr unterschiedlichen Punkten im Leben angekommen. Harry ist schon in Rente und widmet sich hingebungsvoll der Gartenarbeit. Lore hingegen hält an ihrem Job in der Stadtbibliothek fest, wo sie regelmäßig Lesungen mit literarischen Größen wie Christoph Hein und Clemens Meyer veranstaltet.
Scharfer, zärtlicher Blick auf eine langjährige Ehe
Am Ende ihres Berufslebens fragt sie sich, ob das nun schon alles gewesen sein soll. Sie träumt von Reisen und neuen Erlebnissen, während Harry es sich mit einem kühlen Bier auf dem Sofa bequem macht. Nicht einmal zur dritten Hochzeit der gemeinsamen Tochter nach Leipzig will er mitkommen. Für deren unstetes Liebesleben fehlt ihm jedes Verständnis. Und dann heiratet sie jetzt auch noch so einen stinkreichen Immobilienhai aus dem Westen.

Im Streit um die Hochzeit gerät die eingefahrene Beziehungsdynamik des Paares ins Wanken, kommen alte Sehnsüchte und unausgesprochene Verletzungen zum Vorschein, findet die langjährige Ehe doch noch eine neue Richtung.
Mit "Alte Liebe" adaptieren Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautorin Laila Stieler den erfolgreichen Roman von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder.
Ist der Roman in seinen Kapiteln durch den steten Wechsel der Perspektive von Mann und Frau strukturiert, steht im Film die Paarbeziehung als Ganzes im Fokus.
Dresen und Stieler, die schon seit Anfang der Neunziger in Filmen wie "Gundermann" (2018), "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" (2022) und "In Liebe, Eure Hilde" (2024) zusammengearbeitet haben, zeigen hier erneut ein sehr gutes Gespür für die lebendige Widersprüchlichkeit der Figuren, die in genau beobachteter Alltäglichkeit zum Vorschein gebracht wird.

Wie die Vorlage überzeugt auch der Film durch einen scharfen Blick auf die Dynamik einer langjährigen Ehe, die von Routinen, Vertrautheit, eingespielten Wortgefechten und dem Gefühl geprägt ist, dass man ohnehin schon weiß, was der oder die andere gleich sagen wird. Darin liegt ein enormes tragikomisches Potenzial, das Dresen und Stieler mit archäologischem Feingefühl frei pinseln.
Beherzte Frische und spürbare Nähe
Nie werden die Figuren für eine Pointe ans Klischee verraten, sondern mit einer großen Zärtlichkeit und einer unnachgiebigen Genauigkeit charakterisiert. Im Gegensatz zum Roman, der im Westen angesiedelt ist, wurde der Film in ostdeutsche Lebenswelten transferiert. Ohne es direkt zu thematisieren, weben Dresen und Stieler die Erfahrungen, Enttäuschungen, aber auch die besondere Verbundenheit eines Paares ins Geschehen ein, das die Wendejahre und den Systemwechsel gemeinsam durchlebt hat.

Dagmar Manzel und Joachim Król sind schlichtweg hinreißend als streitendes und liebendes Ehepaar, bewohnen ihre Rollen mehr, als dass sie sie spielen, geben dem Film eine beherzte Frische und spürbare Nähe, wie man sie im Kino nur selten erlebt.
Kinos: ABC, City Atelier, Gloria, Kino Solln, Neues Maxim, Rio Filmpalast
Regie: Andreas Dresen
(D, 111 Min.)