Alt, dick, egozentrisch: Tom Cruise in "Digger"
Der Film ist so viel mehr. Vielleicht ist der schlimmste Vorwurf, den man diesem Arthousefilm im Blockbusterformat machen kann, ihn als zu komplexen, intellektuellen Agitprop-Film zu bezeichnen. Aber in einem Schlüsselmoment muss der Tycoon, Tyrann und Oligarch Digger Rockwell eine Verteidigungsrede vor einer Art Europa-Parlament halten.
Seine rücksichtslosen, großflächigen Öl-Förderungsmaßnahmen in der Arktis haben zu einer Methanexplosion geführt. Von der riesigen, ohnehin gefährlich tauenden Eisdecke ist ein großer Brocken abgebrochen. Kalben nennt man das bei einem Gletscher, aber der Begriff ist zu niedlich, denn der entstandene, in dem Meeresströmungen treibende Eisberg ist dreimal so groß wie der US-Staat Washington D.C. und steuert auf Europa zu.
Der fossile Goldgräber liest auch uns die Leviten
Natürlich ist in der hysterischen Situation, dass große Küstenteile Westeuropas eine gigantische Flutkatastrophe erleben - völlig zu Recht - dieser Digger Rockwell der Buhmann. Und der „Master of Disaster“ Roland Emmerich wäre stolz auf diese Katastrophenbilder, die diesmal Alejandro González Iñárritu ("Babel“, "Birdman“, "The Revenant“) bisweilen präsentiert. Aber "Digger“ ist über weite Strecken ein einigermaßen ruhiger, dialogischer Porträtfilm über einen Mann der Macht und damit überhaupt über Machtverhältnisse in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien.

Digger Rockwell ist alt, aber die Abgeordnetenmenge, die wie ein Mob tobt, stachelt ihn zur Höchstleistung an: Er nimmt in seiner provokanten Parlamentsrede die Schuld auf sich - um dann die Heuchelei seiner Angreifer zu entlarven: Es ist ja unser aller Gier, global rumzujetten, billige Waren vom anderen Ende der Welt zu importieren, in Saus und Braus zu leben - und billig zu tanken. Er sei nur der Lieferant dieses verantwortungslosen Lebensstils! Haben die Leute nicht auch "Drill, Baby drill!“, gewählt - und er ist eben der Goldgräber, der nach dem "flüssigen, schwarzen Gold“ bohrt.
Wo er recht hat, hat er recht. Aber dieser Neo-Rockefeller hat auch den US-Präsidenten (John Goodman als von Evangelikalen und Rechtskonservativen umstelltes Gesundheitswrack) in der Hand: durch korrumpierende Spenden und wirtschaftliche Erpressung. Sodass das Satiredrama "Digger“ in vielen Aspekten sehr aktuell wirkt, obwohl es gleichzeitig in Retrodesign schwelgt und auch noch Science-Fiction ist - und aufreizend verrückt.
Tom Cruise als egozentrischer Macht-Greis
Das beginnt schon damit, dass Tom Cruise (64) hier kein ewig junger Actionheld ist, sondern ein durch Maske alt gemachter, egozentrischer Macht-Greis. In einem Slapstick-Moment reißt dieser Digger die hoch gehängte alte Schaufel seines Großvaters von der Wand. Drohend wild präsentiert er sie - ähnlich Dagobert Ducks erstem Goldtaler - als Urgegenstand der Tatkraft und des erarbeiteten Erfolgs. Die eingeschüchterte Umgebung besteht aus Domestiken, Politikern, Wissenschaftlern, deren Ergebnisse er aber nur ernst nimmt, wenn sie seiner Weltsicht entsprechen, und Ärzten - und einem Tierarzt.
Denn an der Spitze seines Global-Energiekonzerns ist es eiskalt und einsam, sodass seine Blofeldartige weiße Perserkatze Maggie die einzige „Bezugsperson“ ist - leider aber schon sehr altersschwach. Digger fürchtet sich weder vor Gott noch vor der Welt, einzig vielleicht vor seiner Schwester (Sandra Hüller) - ebenfalls vom unbegrenzten Reichtum düster aggressiv deformiert.

Was man als Zuschauer in nur gut zwei Stunden erlebt, ist dann das Gehirn herausfordernd - in einem grandiosen Setting. Denn die meiste Zeit sind wir in Diggers Riesenanwesen im bizarren Tudor- und Jagdschlossstil mit gespenstisch idyllischem Landschaftspark drumherum. Alles ist wie in ein fahles Bühnenlicht getaucht.
Ein Film mit vielen Ebenen
Und es ist irre zu erleben, dass der Schein der Kulissenhaftigkeit nicht trügt. Denn urplötzlich fällt der Film aus seiner Kulisse, und wir merken, dass wir in einer Inszenierung sind, was zum ersten Mal Abstand zur opulenten Intensität des Films schafft.
Aber diese Distanz hebt Iñárritu am Ende wieder auf, wenn eine weitere Handlungsebene aufgemacht wird. Natürlich ist das kompliziert, aber eben im fantastischen cineastischen Rahmen. Und nachdem man zum Abspann aufgeregt seine Gedanken geordnet hat, geht das Nachdenken weiter: über unsere Welt, unseren Lebensstil, über politische und wirtschaftliche Macht. Und so ist der Kinoabend mit dem Verlassen des Kinos keinesfalls beendet. Die Bilder wirken im Kopf weiter. Unvergesslich.
R: Alejandro González Iñárritu (USA, Mex, GB, 128 Min.)
- Themen:
- Präsidenten der USA
- Tom Cruise
