Warum "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" von Simon Verhoeven ein meisterhafter Film ist

Es gibt Filme, die das eigene Leben tiefer machen. Und wenn diese Wirkung auch noch mit einer feinen Balance aus Tragik und Komik einhergeht, dann ist große Unterhaltung gelungen. Dabei wird in "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" vordergründig gar nicht allzuviel erzählt: Josse (Bruno Alexander) kommt vom hohen Norden nach München. Es ist sein Absprung von der Familie, in der sein Vater (Psychiater) und seine Mutter (Physiotherapeutin) sich gerade zwar einigermaßen im Guten trennen. Aber der tödliche Autounfall seines geliebten Bruders hat für alle eine beklemmende Lücke geschaffen.
Von der Nervenheilanstalt auf die Otto-Falckenberg-Schule
Joachim Meyerhoff – Schauspieler, Regisseur und Autor – hat aus seinem Aufwachsen und Leben eine extrem erfolgreiche sechsteilige Romanfolge geschaffen. Die Beschreibung seiner skurrilen Kindheit auf dem Gelände einer Nervenheilanstalt in "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" wurde bereits vor zwei Jahren verfilmt.

Den Absprung ins Erwachsensein hat jetzt Simon Verhoeven (Buch und Regie) zum Film gemacht: Omas "Liebling" Joachim hat sich auf der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München beworben und steht mit seinem Koffer vor der Villa der Großeltern. Dass sie in der Nähe des Nymphenburger Parks liegt, merkt man an den dortigen Spaziergangsritualen von Großvater (Michael Wittenborn) und Großmutter (Senta Berger).
Von einem, der auszog, das Leben zu lernen
Überhaupt betritt Josse, also Meyerhoff selbst, als 22-Jähriger hier eine bizarre, aber liebevolle Welt – die täglich mit einem Gurgelritual der Großeltern im Badezimmer beginnt: eine Art Stimmtraining der ehemaligen Schauspielerin, die die Vergangenheit ihres Ruhms durch Diven-Attitüden im Alltag kompensiert. Ihr zweiter Ehemann, ein emeritierter Uni-Philosoph, verehrt sie liebend.

Zum Frühstück gibt es Champagner, der Abend wiederum beginnt Punkt 18 Uhr mit einem Whiskey-Ritual. Wie überhaupt Bildungs- und Bürgerrituale dem Leben im langsamen, aber unausweichlichen Verschwinden halt geben, was eine sanfte Melancholie verströmt, wie auch das Parfüm der Großmutter.
Gegenbewegung: Altern und ins Leben treten
Weil aber der Enkel gegenläufig gerade erst sein eigentliches Leben betritt, ist die Hauptstimmung eher komisch. Denn die Theaterwelt in Form der Münchner Eliteschule ist nicht weniger bizarr. Verhoevens Meyerhoff-Verfilmung ist vor allem eine Coming-of-Age-Geschichte. Wie Parzival ist Josse naiv und größenwahnsinnig zugleich ausgezogen in die theatralische Welt. Er stolpert durch Prüfungen – wie spielt man ein Nilpferd? – wird Teil der Theatermaschinerie, einer Parallelwelt mit Dünkel, Hierarchien, großen Auftritten und Peinlichkeiten.

Bleibt die Frage, warum man sich fremde Biografien anschaut? Weil hier die großen Fragen stellvertretend durchgespielt werden, wie die Frage von Leben und Tod. Verhoeven setzt in seinem Film aber nicht die "Lücke" des Todes in den Mittelpunkt, was in wunderbaren Episoden klar wird. "Das Valium meiner Großmutter war wunderbar", erinnert sich Josse, als sie ihn – in Trauer um seinen Bruder verzweifelt schlaflos – mit ihrem Mittel schlafen lässt. Die daraus entstehenden "Zeitwolken" zerstreuen erst einmal seine Angst.
Mit den Großeltern gibt es diese Sonderbeziehung
"Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" erzählt, wie man leben und lange lieben kann, wie man im Leben ankommt oder angekommen ist, wie man loslässt und weitermacht. Dabei trägt ein liebender Humanismus die Geschichte, ohne Tragik zu leugnen. Das Verhältnis von Großeltern und Enkeln ist dabei ein guter Rahmen, weil es aus dem konfrontativen Tagesgeschehen und Erziehungsfragen ausgenommen ist. Mit den Großeltern verbindet sich Stabilität und Nostalgie – wie die Erinnerung an "Derrick"-Schauen, Sonntagswanderungen und "Peer Gynt"-Hören auf dem Teppich liegend.

Die Familie, in der Josse aufgewachsen ist, beobachtet er und ist gleichzeitig Teil davon, sie ist zugleich glücklich und unglücklich und gleicht damit dem Empfinden von sehr vielen. Ein rührendes, gleichzeitig grausames Symbol für vieles sind die "sabbersicheren Idiotenstühle". Der Großvater nannte so die Plastiküberzieher, als noch die´Enkelkinder klein und bröselnd am bürgerlichen Essenstisch saßen. Josse erinnert sich an die Demütigung. Jetzt, eines Moments ruft der Großvater selbst nach diesen, weil er zu zittrig geworden ist, als dass ihm nichts von der Gabel fallen würde. So schließt sich lebensphilosophisch ein Kreis. Und mitten in diesen hinein stellt uns spannend, tragikomisch, melancholisch, aber vor allem auch mit heiterem Gelächter dieser Film.
Kino: ABC, Cinemaxx, Leopold, Mathäser, Astor im Arri, Rio, Maxim, Solln, R: Simon Verhoeven (D, 137 Min.)