30 Jahre Bayerische Filmförderung: Warum auch der Eberhofer Geld bekommt

Die Bayerische Filmförderung feiert ihren 30. Geburtstag. Geschäftsführerin Dorothee Erpenstein über die deutsche Filmlandschaft und die Arbeit ihrer Institution
von  Adrian Prechtel
Auch die Komödie „Extrawurst“ mit Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst und Friedrich Mücke wurde von der Bayerischen Filmförderung unterstützt.
Auch die Komödie „Extrawurst“ mit Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst und Friedrich Mücke wurde von der Bayerischen Filmförderung unterstützt. © Verleih

Gab es im Gründungsjahr 1996 lediglich Kino- und Fernsehfilmförderung, so unterstützt der FFF Bayern heute auch Serien und die Filmfestivallandschaft Bayerns und seit 2009 auch Games sowie seit 2020 Extended Realities. Insgesamt sind seither mehr als eine Milliarde Euro in Projekte geflossen, die mit dem Medienstandort Bayern zu tun haben.

Die Film Commission Bayern unterstützt Produktionsfirmen bei der Planung von Drehs in Bayern. Geld bekommt der Film- und Fernsehfonds Bayern von seinen Gesellschaftern: dem Freistaat Bayern, dem Bayerischen Rundfunk, dem ZDF und der Seven.One Entertainment Group sowie von RTL und der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien. An der Spitze der Bayerischen Filmförderung steht seit 2018 Dorothee Erpenstein.

AZ: Frau Erpenstein, in seiner 30-jährigen Geschichte hat der FFF Bayern ungefähr eine Milliarde Euro ausgegeben. Eine stolze Zahl. Andererseits erleben wir gerade, wie ein einziger Film, der 250 Millionen Dollar gekostet hat, 1,5 Milliarden Dollar einspielt. Wieso ist so etwas wie die "Odyssee" in Deutschland nicht möglich?
DOROTHEE ERPENSTEIN: In Bayern entstehen sehr erfolgreiche deutsche Filme. "Das Kanu des Manitu", "Extrawurst" oder "Pumuckl" sind nur einige aktuellere Beispiele. Ein Hollywood-Blockbuster hingegen entsteht für den englischsprachigen Raum und damit in einer anderen Größenordnung und mit anderen Verwertungsmöglichkeiten in einem weltweiten Vertriebssystem der global agierenden US-Studios. Trotzdem werden auch mehr große internationale Produktionen in Bayern realisiert, wie "The Weight", koproduziert von Veronica Ferres, mit Ethan Hawke und Russell Crowe oder "Cliffhanger" mit Pierce Brosnan und Lily James, "Left Seat" mit Michelle Rodriguez und Richard Gere sowie die zweite Staffel von "Nine Perfect Strangers" mit Nicole Kidman. Das ist das Ergebnis einer verlässlichen Medienpolitik, die seit Jahrzehnten den Standort Bayern hat wachsen lassen.

Erpenstein über Filmförderung: "Film ist Risikogeschäft"

Dorothee Erpenstein arbeitetet als Juristin in der Staatsverwaltung, ehe sie 2018 die Leitung der Bayerischen Filmförderung übernahm.
Dorothee Erpenstein arbeitetet als Juristin in der Staatsverwaltung, ehe sie 2018 die Leitung der Bayerischen Filmförderung übernahm. © FFF/Kurt Krieger

Ist das der Grund, weshalb es praktisch keinen ungeförderten deutschen Film gibt?
Film ist immer ein Risikogeschäft. Auch große internationale Produktionen können scheitern. Es gibt kein Patentrezept für den Erfolg: Filmproduktion hängt von so vielen verschiedenen Faktoren wie dem Entstehungszeitraum, dem finanziellen Spielräumen und dem Kreativteam ab. Die Filmförderung kann dieses Risiko nicht beseitigen, aber sie kann dazu beitragen, dass ambitionierte Projekte entstehen.

Was würde eigentlich geschehen, wenn man in Deutschland die Filmförderung einstellen würde?
Wir hätten einen immensen Wettbewerbsnachteil. Denn in allen großen Filmländern gibt es Förderprogramme für die Filmwirtschaft, entweder als direkte Förderung oder als Steueranreizsystem, auch in Kalifornien und auch in unseren europäischen Nachbarländern. Produktionen würden ohne Förderung noch mehr ins Ausland verlagert und damit auch die Chancen, Geschichten aus unserem Land heraus zu erzählen, vertan. Filme unterhalten und sie spiegeln unsere Gesellschaft. Da können und wollen wir doch als Land auch selber Akzente setzen und nicht nur Import aus anderen Ländern betreiben. Außerdem: Wenn nur noch auf möglichst geringe Risiken gesetzt wird, und das wäre die Folge, entstehen am Ende immer mehr ähnliche Filme. Kaum jemand würde noch das Risiko eingehen, mal etwas Neues zu wagen wie zum Beispiel bei dem legendären Debütfilm "Wer früher stirbt ist, ist länger tot" oder der Theaterverfilmung "Extrawurst", die schon über zwei Millionen Zuschauer in die Kinos gelockt hat.

Ist ein Subventionsetat von 40 Millionen Euro im Jahr, den Sie zur Verfügung haben, also viel oder wenig?
Genug, dass wir damit viele deutsche Filme ermöglicht haben, die im Kino und TV ein Millionenpublikum erreicht haben, allein dieses Jahr sind es bis zur Jahresmitte bereits sechs. Außerdem löst jeder Euro Förderung zusätzliche Investitionen in Bayern aus, zum Beispiel für Handwerk, Hotellerie, Gastronomie. Bei der Kinoproduktionsförderung liegt der Faktor im Durchschnitt der letzten Jahre bei 332 Prozent.

Hier wird kein Geld ausgegeben, sondern es kommt - wegen großen Erfolgs - an den FFF Bayern zurück: Scheckübergaben beim FFF Empfang im Juli (v. l.): Oliver Gernstl (Megaherz), Staatsminister Florian Herrmann, Oliver Berben (Constantin Film), Dorothee Erpenstein, Martin Bachmann (Constantin Film), Simon Amberger (Neuesuper), Dietmar Güntsche und Michel Kölmel (Kinowelt).
Hier wird kein Geld ausgegeben, sondern es kommt - wegen großen Erfolgs - an den FFF Bayern zurück: Scheckübergaben beim FFF Empfang im Juli (v. l.): Oliver Gernstl (Megaherz), Staatsminister Florian Herrmann, Oliver Berben (Constantin Film), Dorothee Erpenstein, Martin Bachmann (Constantin Film), Simon Amberger (Neuesuper), Dietmar Güntsche und Michel Kölmel (Kinowelt). © FFF Bayern/Marcello Hartmann

Das wirtschaftliche Problem an kommerziellen Filmen

Das heißt: Auf jeden von Ihnen investierten Euro kommen über drei, die andere in Bayern dazulegen.
Ja, und da sind indirekte Wertschöpfungen wie zum Beispiel Tourismus an den Drehorten noch gar nicht mitgerechnet. Vom Imagegewinn für unser schönes Bayern ganz zu schweigen!

Vergabeausschüsse mit Experten entscheiden, ob ein Projekt gefördert wird. Wie würden Sie sagen, dass die Balance zwischen Kunst und Kommerz austariert ist?
Kommerziell ausgerichtete Filme sind oft teurer als künstlerische Filme und erhalten oft auch höhere Fördersummen. Aber nicht jeder kommerziell ausgerichtete Film wird auch tatsächlich wirtschaftlich erfolgreich. Und umgekehrt kann auch ein künstlerischer Film, der sein Zielpublikum erreicht, kommerziell erfolgreich sein. Deswegen kann man nicht sagen, der Ausschuss entscheidet zwischen Kunst und Kommerz. Ziel des Ausschusses ist, dem Publikum Abwechslung zu bieten und dem Land sein kreatives Potenzial zu erhalten.

Es gibt geförderte Dokumentarkinofilme, die von so wenig Leuten gesehen werden, dass eine Kinokarte zum Teil mit mehreren 100 Euro gefördert wird. Ist das verhältnismäßig?
Das sind Einzelfälle und niemand möchte das. Aber tatsächlich haben Kinodokumentarfilme in der Regel geringere Besucherzahlen. Sie verbrauchen allerdings auch nur kleinere Budgets und erhalten vergleichsweise niedrige Fördersummen. Dokumentarfilme können Debatten anstoßen oder Themen erstmals sichtbar machen. Und sie haben in den nachfolgenden Ausspielwegen über TV und Streaming und auch in der Auslandsverwertung teilweise beachtliche Erfolge. Es gibt übrigens sehr wohl auch dokumentarische Kinohits wie "Checker Tobi" - die letzten beiden Teile hatten weit mehr als eine Million Zuschauer.

Setbesuch 1996 von FFF-Geschäftsführer Herbert Huber (2. v.r.) und Klaus Schaefer (r.) bei „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ in den Bavaria Studios - Darsteller Clipper Miano (vorne), Produzent Bernd Eichinger (Mitte) sowie Bavaria-Chef Thilo Kleine (2. v. l.) und FFF Förderreferent Eckhart Schmidt (l.).
Setbesuch 1996 von FFF-Geschäftsführer Herbert Huber (2. v.r.) und Klaus Schaefer (r.) bei „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ in den Bavaria Studios - Darsteller Clipper Miano (vorne), Produzent Bernd Eichinger (Mitte) sowie Bavaria-Chef Thilo Kleine (2. v. l.) und FFF Förderreferent Eckhart Schmidt (l.). © Constantin Film

Wie erklärt man, dass eine erfolgreiche Reihe wie die "Eberhofer"-Krimis immer wieder neu Geld für den nächsten Teil bekommt, obwohl sie das ökonomisch doch nicht mehr braucht?
Förderung wird als Darlehen vergeben, das heißt: Wenn Filme wirtschaftlich erfolgreich sind, muss die Förderung auch zurückgezahlt werden. Zum anderen bleibt es immer ein Risiko, ob ein Film ein Erfolg wird. Aber auch der Standortwettbewerb spielt eine Rolle: Andere Filmstandorte würden mit ihrer Förderung oder einem Steueranreizmodell Produktionen wie den "Eberhofer" mit Handkuss abwerben. Wir meinen: Der "Eberhofer" muss eine bayerische Produktion bleiben! Erfolgreiche Reihen sind ein wichtiger Bestandteil einer funktionierenden Filmwirtschaft. Der neue "Eberhofer: Steckerlfischfiasko" hat nach kürzester Zeit bereits über eine Million Zuschauer im Kino. Sie schaffen Vertrauen beim Publikum, sichern Arbeitsplätze und stärken Produktionsunternehmen und den Standort.

"Ist das Herzstück": So viel Geld fließt in die Stoffentwicklung

Welchen späteren Erfolg hat der FFF nicht erkannt?
Es gibt immer wieder Filme, deren Erfolg man im Vorfeld nicht vollständig einschätzen kann. Erfolg entsteht oft durch eine besondere Verbindung aus Idee, Umsetzung, Zeitpunkt und Publikum. Wichtiger als einzelne verpasste Titel ist deshalb die Frage, ob ein Fördersystem offen genug ist, neue Talente, ungewöhnliche Projekte und unterhaltsame Ideen zu ermöglichen - und das sind wir.

Da die Produktion eines Films besonders teuer ist, gibt der FFF rund 80 Prozent seines Etats dafür aus. Dabei heißt es, dass das Drehbuch entscheidend ist. Müsste man nicht mehr Geld in die Stoffentwicklung stecken?
Die Stoffentwicklung ist tatsächlich das Herzstück. Beim FFF Bayern haben wir deshalb zuletzt viel höhere Summen für diesen Bereich ausgereicht als in früheren Jahren. Wir haben sowohl die Fördersummen pro Projekt erhöht als auch die Zahl der geförderten Projekte. Die Produktion des Films ist aber nach wie vor per se mit sehr viel höheren Kosten verbunden, für Darsteller, Regie, Kamera, Technik, Location und, und, und. Es geht also nicht um ein Entweder-oder, sondern um eine gute Balance zwischen Stoffentwicklung und filmischer Umsetzung. Wichtiger als jedes Geld ist jedoch der scharfe Blick der Drehbuchautoren dafür, was das Publikum wirklich bewegt, und neben ungewöhnlichen Perspektiven vor allem auch Gemeinschaftserlebnisse zu stärken.

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