"Kinder sind ja brutal ehrlich"

Checker Tobi erklärt,wie er dem jungen Publikum die Person und die Musik Beethovens nahebringt
| Michael Sebastian Weiß
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Tobias Krell alias Checker Tobi als Beethoven.
Foto: Markus Kovalin 2 Tobias Krell alias Checker Tobi als Beethoven.
Tobias Krell alias Checker Tobi, Juni 2020.
BR/Markus Konvalin 2 Tobias Krell alias Checker Tobi, Juni 2020.

Der Fernsehjournalist Tobias Krell, besser gekannt als "Checker Tobi", macht im Jubiläumsjahr Kinder mit der Person und der Musik Ludwig van Beethovens bekannt. In gut einer Woche endet ein Kreativwettbewerb des Bayerischen Rundfunks, bei dem Kinder zwischen sechs und 12 Jahren aufgerufen, ihre kreative Fortsetzung einer Geschichte über Beethovens Umzüge per Video, Comic oder als Geschichte weiterzuschreiben und an BR-Klassik zu senden.

AZ: Herr Krell, hören Sie privat Klassik? Und wenn ja, was?
Checker Tobi:
Das kam tatsächlich erst in den letzten Jahren. Dazu kommt, dass ich ein totaler Filmmensch bin und darüber viel klassische Musik für mich entdeckt habe, außer Beethoven auch noch zum Beispiel Händel, Mozart und ein bisschen Ravel. Ich höre mich da querbeet durch und freue mich, wenn Sachen dabei sind, die mir gefallen.

Bei welchen Filmen hatten Sie denn Beethoven-Erlebnisse?
Einerseits bei "Clockwork Orange" von Stanley Kubrick, der das alles auf eine neue Ebene gehoben hat. Und dann gibt es einen neueren Film namens "Love Exposure", einen vierstündigen japanischen Experimentalfilm, superanstrengend, aber fantastisch. In diesem Film kommt der zweite Satz von Beethovens Siebter vor, und das entwickelt zusammen mit den Bildern und der Handlung eine eigene Intensität. Ich konnte danach auch diese Musik nie wieder hören, ohne dabei den Film vor mir zu sehen.

In "Clockwork Orange" wird ja auch die Gewaltsamkeit von Beethovens Musik gezeigt. Etwas ketzerisch gefragt: Ist Beethoven überhaupt für Kinder geeignet?
Ich würde nicht sagen, dass Beethovens Musik etwas Gewalttätiges hat, sondern etwas Gewaltiges. Das ist ein feiner Unterschied. Es ist toll, wenn Musik eine solche Intensität aufbaut, bei vielen Stücken von ihm kommt man nicht darum herum, das nicht nur zu hören, sondern auch zu fühlen.

Ist das ein Weg, Kinder für Beethoven zu begeistern?
In meinem Beruf kommt es darauf an, wie man Dinge erzählt und vermittelt. Wir haben für unseren "Beethoven-Check" etwa in Berlin mit Kindern zwischen acht und zwölf Jahren gedreht, die sozial eher benachteiligt sind. Die haben sich zu Beethovens Neunter einen Tanz überlegt. Dazu hat ihnen der Choreograph erzählt, was er für ein Typ war, dass er sich nicht alles hat gefallen lassen. Diese Kinder haben danach mit einer unglaublichen Begeisterung über Beethoven gesprochen und fanden auch die Musik fantastisch.

Ist das der wichtigste Teil Ihrer Erzählung über Beethoven, dass er ein starker, freiheitsliebender Mensch war?
Kinder finden natürlich faszinierend, dass Beethoven taub wurde und gar nicht mehr hören konnte, was er komponierte. Aber genau so wichtig wie der biographische Aspekt ist auch die Musik selbst. Wir haben etwa mit Musikern gesprochen, die mit Begeisterung in den Augen erzählen, warum sie Beethoven so großartig finden. Das ist ansteckend, und wenn man das Stück erst einmal hört und nach diesen Erzählungen noch einmal, begegnet man der Musik mit neuen Ohren. Und das dritte, was wir versucht haben, ist, die Musik ins Heute zu packen und etwas Neues daraus zu machen, etwa sich einen modernen Tanz mit heutigen Bewegungen zu Musik auszudenken, die schon mehrere hundert Jahre alt ist.

Versuchen Sie bei der Vermittlung der biographischen Aspekte auch Klischees zu vermeiden, etwa das des verschrobenen Genies?
In meiner Rolle als Fragensteller gehe ich zu Experten, etwa zum Chefdirigenten des Münchener Kammerorchesters, Clemens Schuldt. Wenn der mit mir die Biographie aufarbeitet, ist es ihm ein Anliegen, nicht bloß ein Bild zu reproduzieren. Da kommen weitere interessante Geschichten hinzu, die Kindern gefallen: etwa, dass Beethoven ständig die Wohnung gewechselt hat. Es hat Spaß gemacht, ein bisschen herumzuspinnen: Wie war das wohl für die Nachbarn, wie war es für ihn, ständig umzuziehen? Dann wird das lebendig und es kann etwas bei den Kindern hängen bleiben.

Zu diesem Zugang gehört auch der Wettbewerb "Beethoven Mystery XXL".
Die Idee dieses Wettbewerbs von BR Klassik ist es, nicht nur Kinder anzusprechen, die Radio hören und vielleicht sogar ein Instrument spielen, sondern alle Kinder. Wir haben da eine Prämisse zu einer fiktiven Geschichte aufgeschrieben: Beethoven sitzt am Klavier, es ist mitten in der Nacht, er hat pitschnasse Haare und es klopft an seiner Tür. Was ist passiert? Jedes Kind kann da seiner Fantasie freien Lauf lassen und etwa einen Comic zeichnen, eine Geschichte schreiben, ein Bild malen, einen Film drehen, und so die Geschichte weiterspinnen.

Sie sitzen in der Jury.
Ich bin mir sicher, dass da die wundervollsten Ideen und Umsetzungen kommen. Der Hintergrundgedanke ist, dass die Kinder überhaupt einmal den Namen hören, vielleicht sogar noch etwas über die Figur lesen. Das ist so offen und frei, dass da sehr viel möglich ist.

Die meisten Veranstaltungen des Beethoven-Jahrs sind der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. Spielt das auch bei Ihnen eine Rolle? Dieses Thema betrifft ja auch und gerade Kinder?
Bei uns spielt das keine Rolle. Das liegt daran, dass unsere Sendung durchgehend repertoirefähig sein muss und auch in fünf Jahren, wenn die Kinder vielleicht das Wort "Corona" gar nicht mehr kennen, noch sendbar ist. Deswegen haben wir zwar bei "Checker Tobi" seit März Sendungen zum Thema gemacht, etwa einen Viren-Check, einen Krisen-Check und Ähnliches, aber ansonsten versuchen wir bei den Drehs zum "Beethoven-Check" das so hinzukriegen, dass man von der Pandemie nichts mitbekommt. Aber wir halten uns natürlich an die Regeln. Wir haben junge Musiker getroffen und Kinder, aber mit denen immer so gesprochen, dass man das Tages-aktuelle, dass zum Zeitpunkt des Drehs etwas anders war als sonst, nicht mitbekommt.

Ist es generell schwieriger, Sendungen zur Musik zu machen im Gegensatz zu tagesaktuellen oder auch naturwissenschaftlichen Themen, die bei "Checker Tobi" ja auch eine große Rolle spielen?
Sendungen zum Thema Naturwissenschaft wirken auf den ersten Blick ein bisschen bildstärker: Man macht Experimente, jagt irgendetwas in die Luft, und kann diese Vorgänge dann sehr unmittelbar verstehen. Bei der Musikvermittlung hingegen treffe ich Experten, die etwas erzählen. Aber genau das ist ja unsere Aufgabe, das dann dennoch greifbar, unterhaltsam und witzig zu machen. Deswegen habe ich beim Beethoven-Check irgendwann eine verrückte graue Perücke auf und spiele die Figur in einer völlig überzeichneten Manier, einfach, um für einen Lacher zu sorgen und dadurch spielerisch in ein Thema einzusteigen. Danach kann man auch Musik machen, etwa mit Clemens Schuldt am Klavier oder einem jungen Streichquartett, das Beethovens Musikin der Sendung spielt.

Bekommen Sie auch Rückmeldungen von den Kindern, ob das funktioniert hat?
Kinder sind ja in ihrem Feedback brutal ehrlich, deswegen mache ich ja auch so gerne Fernsehen für diese Altersgruppe. Wenn die etwas cool finden, dann feiern die das, wenn sie etwas doof, langweilig oder zu kompliziert finden, dann sagen sie das auch, und zwar ohne falsche Höflichkeit. Mich sprechen dann Kinder auf der Straße an und erzählen mir, was sie so geguckt haben, oder ich bekomme Fanpost mit gemalten Bildern, und da kriege ich dann mit, dass zum Beispiel die Vulkanepisode besonders gut ankam.

Sie machen ja seit Jahren ausschließlich Kinderfernsehen. Zieht es Sie nicht ins Erwachsenenprogramm?
Natürlich hätte ich auch darauf Lust, und wenn ich ein Angebot bekäme, ein solches Format zu entwickeln, würde ich das auch gerne machen. Aber ich denke mir auch wiederum nicht etwa: Mist, ich bin jetzt 34 Jahre alt, so langsam sollte ich einmal meinen Ausstieg aus dem Kinderfernsehen vorbereiten. Unser Team arbeitet seit sieben Jahren zusammen, man kann da herrlich albern sein und herumspielen. Ich rede ja im Fernsehen übrigens auch so, wie ich normal spreche. Zum Beispiel frage ich nicht: Was heißt denn "Toleranz", weil es albern wäre, wenn ein Erwachsener so tut, als wüsste er das nicht. Die Formulierung ist dann immer: Kannst Du mal erklären, was "Toleranz" bedeutet? Ich versuche nicht, den Kinderonkel zu spielen. Solange das für die Kinder nicht unglaubwürdig wird, geht das. Christoph und Armin von der "Sendung mit der Maus" machen das jetzt seit vierzig Jahren, in meiner Kindheit war "Löwenzahn" das prägende Fernsehen, und Peter Lustig war ja eher ein alter Mann. Ich gucke mal, wie lange es Spaß macht.

Der große "Beethoven-Check" läuft am 5. Dezember auf KiKa. - Die Beiträge zum Wettbewerb "Beethoven Mystery XXL" können bis zum 15. September 2020 über brklassik.de/beethovenwettbewerb eingereicht werden. Die besten Einsendungen werden am 28. November bei einer Preisverleihung im BR-Funkhaus in München prämiert

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