Jurassic World München: Dino-Show im Check mit Fossilienjäger Peter Kapustin
Wenn einer weiß, wie viel Wahrheit hinter Jurassic World steckt, dann er: Peter Kapustin ist Gründer des Urzeitmuseums in Taufkirchen an der Vils und hat 2023 gemeinsam mit seinen beiden Söhnen einen der bedeutendsten paläontologischen Funde der vergangenen Jahre in Bayern gemacht – die Überreste mehrerer über zehn Millionen Jahre alter Ur-Elefanten (Deinotherium) im Landkreis Erding. Hauptberuflich ist Kapustin Geschäftsführer des Bayerischen Leichtathletik-Verbands, seine eigentliche Leidenschaft aber gilt seit Kindertagen Fossilien und der Urwelt. Die AZ hat ihn durch „Jurassic World: The Experience“ in der Kleinen Olympiahalle begleitet.
Vom Kinobrief an Spielberg zum eigenen Museum
Kapustins Faszination begann 1993 mit "Jurassic Park" – sehen durfte er den Film als Zehnjähriger zunächst gar nicht, schrieb aber trotzdem einen Brief an Steven Spielberg. Eine Antwort bekam er nie. "Trotzdem hat dieser Film mein Leben verändert", sagt er im Gespräch mit der AZ. "Ohne Spielberg gäbe es unser Museum wahrscheinlich gar nicht." Aus seiner Kindheitssammlung aus den verschiedensten Funden wurde über die Jahre ein eigenes Heimatmuseum: 2008 übernahm ein Verein das alte Heimatmuseum in Taufkirchen, seither ist die Ausstellungsfläche von 300 auf über 2.000 Quadratmeter gewachsen. Gezeigt werden dort längst nicht nur Dinosaurier, sondern auch Mammuts, Urpferde, Nashörner und die Evolution des Menschen.

Die Show: Fähre, Brachiosaurus und ein Indominus Rex im Gebüsch
Die Ausstellung "Jurassic World" in München in der Kleinen Olympiahalle im Olympiapark wiederum beginnt mit einer simulierten Bootsfahrt zur "Isla Nublar": Eine Rangerin gibt Sicherheitshinweise, eine Meeresprojektion zieht am Fenster vorbei, bis man auf der Insel ankommt. Begrüßt wird man dort zunächst von einem ruhigen Riesen, dem langhalsigen Brachiosaurus – Kapustins erklärtem Lieblingsdinosaurier. Der rund einstündige Rundgang führt über rund zehn Stationen weiter durch ein Forschungslabor, in dem erklärt wird, wie aus in Bernstein eingeschlossener Mücken-DNA wieder Saurier gezüchtet werden konnten, und wo Rangerinnen elektronisch animierte Dino-Babys zum Streicheln auf dem Arm tragen. Es folgt das Gehege der Velociraptoren – darunter der berühmte "Blue" - ältestes Rudelmitglied der Velociraptoren im Film "Jurassic World" ,ehe der Rundgang am Ende mit dem größten Auftritt schließt: dem Tyrannosaurus Rex, der hinter einem Hochspannungszaun tänzelt, mit den Zähnen fletscht und so laut schnaubt, dass die Atemlöcher sichtbar beben.
Kaum an einer Station vorbei, ohne dass Kapustin etwas dazu zu erzählen hat. Beim Brachiosaurus schwärmt er von dessen Energiehaushalt – kleiner Kopf, langer Hals wie ein Staubsauger für die Baumkronen. In seinem eigenen Museum steht das gleiche Tier, allerdings mit echten Originalknochen und unter einem nur fünf Meter hohen Hallendach, das einem Tier von gut dreizehn Metern Höhe nicht annähernd gerecht wird. Bei den Raptoren, das sind gefiederter theropoder Dinosaurier, erinnert er sich an die eigene Arbeit mit dem Pinsel im Sand im Landkreis Erding. 2023 war er mit seinen beiden Söhnen - damals 9 und 10 Jahre alt - in einer Sandgrube bei Langenpreising unterwegs, als die Kinder in einem Fuchsbau einen auffälligen Kalkklumpen entdeckten: das Rippenstück eines Deinotherium, eines Ur-Elefanten, der vor mehr als zehn Millionen Jahren im Raum München lebte. Aus dem Zufallsfund wurde eine monatelange Grabung – am Ende kamen die Überreste von drei Tieren ans Licht. Experten sprechen von der bedeutendsten Deinotherium-Fundstelle, die je entdeckt wurde. Beim T-Rex erzählt er erst, warum ausgerechnet dieser Dinosaurier zum berühmtesten von allen wurde, obwohl er inzwischen nur noch auf Platz fünf oder sechs der größten Fleischfresser rangiert: "Der Name ist einfach Musik. Tyrannosaurus Rex – das kann jedes Kind aussprechen, da brauche ich nicht mit komplizierten Fachbegriffen daherkommen."

Dann schlägt er den Bogen zurück nach Bayern – und zu einer Zeitachse, die selbst Erwachsene meist überrascht. In der Blütezeit des Jura, erklärt Kapustin, lag das heutige Deutschland noch größtenteils unter Wasser - klassischer Fundort dieser Epoche ist bis heute das Altmühltal, wo unter anderem der kleine Juravenator entdeckt wurde, ein sogenannter Theropode, dessen Fossil als eines der am besten erhaltenen Europas gilt. Theropode waren zweibeinige Dinosaurier und überwiegend Fleischfresser. Nur ist dieser bayerische Fund gut 150 Millionen Jahre alt – deutlich älter als der T-Rex, der erst gegen Ende der Dinosaurierzeit lebte. Der Abstand zwischen den beiden Dinosauriern sei größer als die rund 65 Millionen Jahre. "Erst wenn man das einmal verstanden hat, wird einem klar, wie unfassbar lang diese Dinosaurierzeit eigentlich war."
Von der Inszenierung selbst zeigt er sich angetan: "Ich finde den Ansatz wirklich schön. Klar, das ist Hollywood. Aber dass man Kindern darüber eine Welt öffnet, die nicht mehr gefährlich ist und trotzdem kein reines Märchen – das ist schon eine tolle Sache." Was ihn dabei besonders beeindruckt, ist die Strahlkraft der Marke selbst: "Wenn du irgendjemandem auf der Welt nur das Logo zeigst, ohne jeden Inhalt, kannst du dir fast sicher sein, dass achtzig Prozent sofort an Jurassic Park denken."

"Unser Wissen von heute ist morgen vielleicht schon wieder überholt"
Nach dem Rundgang erzählt Kapustin, wie er selbst zum echten Fossilienjäger wurde. Den entscheidenden Anstoß gab ihm als Kind ein Hinweis eines Freundes auf eine bestimmte Sandgrube im Landkreis Erding: Gleich beim ersten Besuch fand er oben auf dem Abraumhaufen einen perfekt erhaltenen Ur-Elefantenzahn. Beim eigentlichen Elefantenfund 2023 erlebte er dann selbst, wie nah Show-Klischee und Realität beieinanderliegen können: Befreundete Fachleute hätten ihn früher belächelt, weil er wie im Film mit dem Pinsel im Sand suchte – "und genau so war es dann aber bei uns. Die Knochen lagen wirklich so fein eingebettet, dass man gar nicht anders konnte."

Was ihn an seiner Arbeit am meisten reizt, ist genau jenes Kopfkino, das auch die Ausstellung antreibt – nur dass bei ihm niemand die Antworten vorgibt, und vor allem nichts geplant ist. Die meisten bedeutenden Funde, sagt Kapustin, seien ohnehin reiner Zufall. Seine eigene Leidenschaft beschreibt er fast wie eine Sucht.
Am Ende des Rundgangs zieht Kapustin ein versöhnliches Fazit zwischen Wissenschaft und Show: "Man muss sich da auch einfach mal gehen lassen können. Und unser Wissen von heute ist morgen vielleicht schon wieder überholt – das ist doch völlig okay so."
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