Jens Malte Fischer über Karl Kraus

Jens Malte Fischer hat eine opulente Biografie über den österreichischen Satiriker Karl Kraus verfasst
| Robert Braunmüller
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Karl Kraus.
Zsolnay-Verlag 2 Karl Kraus.
Ein Exemplar der Zeitschrift „Die Fackel“. Karl Kraus hatte hetzerische, unter einem Pseudonym veröffentlichte Gedichte des Theaterkritikers Alfred Kerr aus der Zeit des Ersten Weltkriegs ausgegraben. Kerr nannte Kraus daraufhin einen „kleinen miesen Verleumder mit moraligem Kitschton“. Die beiden Autoren stritten vor Gericht, die Angelegenheit endete mit einem Vergleich und einer Blamage für Kerr.
RBR 2 Ein Exemplar der Zeitschrift „Die Fackel“. Karl Kraus hatte hetzerische, unter einem Pseudonym veröffentlichte Gedichte des Theaterkritikers Alfred Kerr aus der Zeit des Ersten Weltkriegs ausgegraben. Kerr nannte Kraus daraufhin einen „kleinen miesen Verleumder mit moraligem Kitschton“. Die beiden Autoren stritten vor Gericht, die Angelegenheit endete mit einem Vergleich und einer Blamage für Kerr.

Weit und breit ist kein Jubiläum in Sicht. Jens Malte Fischer hat trotzdem eine über 1000-seitige Biografie des österreichischen Satirikers, Lyrikers, Aphoristikers und Dramatikers Karl Kraus verfasst. Dessen Hauptwerk ist – neben dem Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ über den Ersten Weltkrieg – die Zeitschrift „Die Fackel“. Kraus gründete sie 1899 und war von 1912 bis zu seinem Tod im Jahr 1936 ihr alleiniger Autor.

AZ: Herr Fischer, warum ist Ihr Buch so dick geworden?
JENS MALTE FISCHER: Kraus ist für mich der größte Satiriker der Weltliteratur. Er stand zu seiner Zeit in einem permanenten Widerspruch – daher auch der Untertitel: „Der Widersprecher“. Der amerikanische Romancier Jonathan Franzen, ein großer Kraus-Verehrer, nennt ihn den „ersten Blogger“ – nur ohne die Dummheiten des heutigen Internets. Um das Werk von Kraus zu verstehen, muss man viele historische Zusammenhänge erklären. Deshalb sind es über 1000 Seiten geworden.

Was macht Kraus zum größten Satiriker der Weltliteratur?
Karl Kraus war ein Mann mit großem Scharfsinn und großer Scharfsicht. Sein Lieblingskampfbegriff war die „Phrase“, mit dem er die Presse seiner Zeit kritisierte. Seine Zeitkritik ist vor allem Sprachkritik. Er zitiert Journalisten, Autoren, Politiker. Und oft reicht das unkommentierte Zitat für die Bloßstellung.

Wie lange lesen Sie schon Karl Kraus?
Ich habe über ihn promoviert. Das ist allerdings fast 50 Jahre her. Das Thema hat mich nicht losgelassen. Insofern ist diese Biografie die Fortsetzung meiner germanistischen Anfänge, ohne dass es ein germanistisches Buch geworden wäre. Außerdem ist es eine Parallelbiografie zu meinem Buch über Kraus’ Zeitgenossen Gustav Mahler, obwohl sich die beiden zu meinem Bedauern trotz einiger Berührungspunkte nicht kennengelernt haben.

Woraus besteht sein Werk?
Kraus hat einige Bücher und Dramen geschrieben. Posthum ist auch noch das Buch „Die Sprache“ erschienen. Aber sein Hauptwerk sind die über 23 000 Seiten der Zeitschrift „Die Fackel“ und das riesige Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ über den Ersten Weltkrieg, dessen Material zu zwei Dritteln der Presse und anderen Verlautbarungsorganen der Zeit entnommen ist.

Sie beschreiben Kraus in Ihrem Buch als Konservativen. Wie muss man das verstehen?
Damit meine ich primär die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Kraus hatte eine Zuneigung zur Monarchie, er war vom technischen Fortschritt wenig begeistert und wollte wie jeder anständige Konservative das Gute bewahren. Nach dem Krieg und dem Versagen der Monarchie näherte er sich der österreichischen Sozialdemokratie, weil ihr größere Fehler während des Krieges nicht vorzuwerfen waren. Aber Kraus war, obwohl er sich ständig mit Politik beschäftigt hat, im Grunde ein unpolitischer Mensch, weil seinem Rigorismus fremd war, dass hin und wieder auch Kompromisse geschlossen werden und Koalitionen eingegangen werden müssen. Politische Feigheit und Korruption hat er verachtet. Da war Kraus ein sehr strikter Moralist. Das hat ihn in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wieder von der Sozialdemokratie entfernt.

Warum schrieb Kraus 1933 den Satz „Mir fällt zu Hitler nichts ein“?
Darauf folgen in seiner „Dritten Walpurgisnacht“ fast 350 Seiten, in denen ihm zu Hitler sehr viel eingefallen ist. Dieser satirisch gemeinte Satz wird bis heute immer wieder aufgegriffen und gegen seinen Urheber gewendet. Dabei ist das, was auf den Satz folgt, für mich der größte satirische Text der deutschen Literatur. Kraus hat den ganzen Text zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht, aber ein Drittel hat er in ein fast 400 Seiten starkes „Fackel“-Heft eingearbeitet. Kraus spürte allerdings, dass dem Nationalsozialismus mit seinem satirischen Instrumentarium nicht vollständig beizukommen sei.

Der späte Kraus näherte sich dem sogenannten Austrofaschismus an.
Ich würde diesen Begriff – in Anlehnung an die neuere Zeitgeschichtsforschung – lieber vermeiden und eher vom autoritären Ständestaat sprechen. Das damalige Österreich verfolgte keine aggressive Außenpolitik, keine systematische Vernichtung ganzer Menschengruppen, und der Antisemitimus war auch keine Staatsdoktrin.

Der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß wurde ja auch 1934 von Nazis ermordet.
Diese eindeutige Gegnerschaft des Ständestaats zum Nationalsozialismus war für Kraus das Entscheidende, als er von Wien aus beobachtete, welche Pforten der Hölle sich in Deutschland auftaten.

Wie wichtig war für Kraus die eigene jüdische Herkunft?
Kraus kam aus einem Elternhaus, in dem jüdische Riten wenig beachtet wurden. Er trat für eine völlige Assimilation ein und hoffte, das würde den Antisemitismus zum Verschwinden bringen. Er verließ früh die jüdische Glaubensgemeinschaft, konvertierte später zum Katholizismus, den er auch wieder verließ.

Karl Kraus war nicht nur Schriftsteller, er war auch sehr erfolgreich mit seinen Offenbach- und Nestroy-Aufführungen als Ein-Mann-Theater.
Kraus hat alte Übersetzungen von Offenbach-Operetten aus dem 19. Jahrhundert neu bearbeitet und allein gesprochen und gesungen, begleitet von einem Pianisten hinter einem Wandschirm. Die Musik hatte er auswendig gelernt, weil er keine Noten lesen konnte. Es gibt davon auch kurze Tondokumente, in denen zu hören ist, wie virtuos Kraus diese Szenen und Couplets mit einer starken, durchdringenden Stimme interpretierte. Er füllte Säle bis zu 2000 Zuschauern ohne Mikrophon.

Was schätzte Kraus an Offenbach?
Den Witz und die Zeitsatire, die sich auf die Epoche von Napoleon III. bezieht, die sich aber mit leichten Modifikationen auch auf die Gegenwart beziehen lässt. Kraus hat eine Offenbach-Renaissance initiiert, die von den Nazis beendet wurde. Immerhin zitiert bis heute jeder intelligente Dramaturg einen Text von Karl Kraus im Programmheft einer Offenbach-Aufführung.

Hat Karl Kraus in der „Fackel“ auch über die Spanische Grippe von 1918/19 geschrieben?
So gut wie nicht, obwohl die Pandemie damals Millionen Tote forderte, und in Wien beispielsweise der Maler Egon Schiele starb. Es gibt ein, zwei Anspielungen. Bestimmte Themen hat Kraus nicht an sich herangelassen.
 
Jens Malte Fischer: „Karl Kraus. Der Widersprecher“ (Zsolnay, 1104 Seiten, 45 Euro). Die Zeitschrift „Die Fackel“ steht mit Suchfunktion komplett online unter fackel.oeaw.ac.at

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