Im Standortvorteil: Eine Baustellenbegehung beim Interims-Gasteig

Drei Monate vor der Eröffnung des HP8: Eine Baustellenbegehung des Ausweichquartiers für den Gasteig.
| Adrian Prechtel
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Gasteig-Chef Max Wagner als glücklicher neuer Hausherr des HP8, dem Ausweichgelände während der Gasteigsanierung bis 2026. Hier steht er in der 100-jährigen Halle E, einer ehemaligen Trafohalle. Sie wird zum Foyer der Isarphilharmonie und beherbergt auch die Stadtbibliothek.
Gasteig-Chef Max Wagner als glücklicher neuer Hausherr des HP8, dem Ausweichgelände während der Gasteigsanierung bis 2026. Hier steht er in der 100-jährigen Halle E, einer ehemaligen Trafohalle. Sie wird zum Foyer der Isarphilharmonie und beherbergt auch die Stadtbibliothek. © Annette Hempfling

München - Eine Standortwahl gelingt manchmal zufällig. Denn Max Wagner hatte sich jahrelang überlegt, wohin er mit seinem Gasteig während der mehrjährigen Sanierung ausweichen könnte?

Immerhin hat er viele Institutionen im Gepäck: die Philharmonie, große Teile der Münchner Volkshochschule, auch die Musikhochschule residiert zum Teil im Gasteig sowie die Zentrale der Münchner Stadtbibliothek.

Aber alle Vorschläge der Stadtverwaltung waren Wagner "nicht sexy genug". Bis - nach einer Sitzung aller Geschäftsführer städtischer GmbHs - Stadtwerkechef Florian Bieberbach sich noch einmal in der Tür umdrehte und ihm das Gelände beim Heizkraftwerk Süd einfiel.

Werbung am Heizkraftwerk

Wagner war elektrisiert - und ist es bis heute, wenn man sich von ihm über das große Baustellengelände zwischen Schäftlarn- und Brudermühlstraße führen lässt.

Das nebenstehende markante Heizkraftwerk Süd wird Fernwärme- und Fernkälte liefern und würde sich großartig für Werbebanner eignen, wie Wagner meint, mit einer Werbeseite zum Mittleren Ring, "damit, wenn man im Stau steht, über Kultur nachdenken kann", wie der passionierte Radler Wagner süffisant anmerkt.

Die Halle E von Außen. Hinten das benachbarte Heizkraftwerk Süd.
Die Halle E von Außen. Hinten das benachbarte Heizkraftwerk Süd. © Annette Hempfling

Nächsten März eröffnet die Halle X

Die Halle X am Isarkanaleck ist noch im Rohbau, mit einem Multifunktionsraum für bis zu 250 Personen und wird erst im kommenden März öffnen, wie auch das Modul der VHS mit einem kleinen Konzertsaal, das der Isarphilharmonie vorgelagert ist oder das der Musikhochschule Richtung der Gewerbehallen, wo auch noch das Jugendtheaterprojekt IMAL drin ist.

Die weiße "Kathedrale der Kultur" kann ab Oktober betreten werden

Schon am 8. Oktober wird man aber das alte Schmuckstück betreten können: die genau hundert Jahre alte Trafohalle.

Halle E, eine ehemaligen Trafohalle der Stadtwerke.
Halle E, eine ehemaligen Trafohalle der Stadtwerke. © Annette Hempfling

Auf den noch im Boden kenntlichen Gleisen der ehemaligen Isartalbahn, die ein Abzweiggleis hierher hatte, betritt man von einem Forum aus die sogenannte Halle E:

eine weiße "Kathedrale der Kultur" wie Wagner sie nennt, mit abgehängter Glasdecke über einem ebenfalls verglasten Spitzdach. Innen wirkt das Ganze wie ein Ozeanriese und mit seinen taubenblauen geschwungenen Umgängen extrem elegant. Ein 12 Meter langer Bar-Tresen wird eine Längsseite flankieren.

Der Traum vom Rave

Die Halle E wird das Foyer der angebauten, neuen Isarphilharmonie, gleichzeitig aber auch Lesecafé der Stadtbibliothek, die hier zum ersten Mal die Form der in Skandinavien erprobten "Open Libary" ausprobiert - mit der Möglichkeit, ohne feste Öffnungszeiten und Aufsicht Bücher aus den Regalen zu nehmen und wieder zurückzugeben.

Weil man unter dem Dach die gelbe Kranbrücke belassen hat, schwebt Wagner vor, "hier auch mal einen DJ über einem Rave-Publikum auflegen zu lassen" - ein klassischer PostCorona-Traum.

Von Halle E geht es in einer Gebäudeschlucht, die an altägyptische Tempelanlagen erinnert, in die Isarphilharmonie.

Und in diesem schmalen, sehr hohen Übergang hat man ein Déjà-vu: die v-förmige große Himmelstreppe zu den Rängen erinnert an Hans Döllgasts große Mitteltreppen-Idee beim Wiederaufbau der Alten Pinakothek.

Nur anderthalb Jahre Bauzeit

"Wir haben für alles nur anderthalb Jahre Bauzeit gebraucht." Während Wagner das sagt, grüßt noch nett der Bauleiter herüber. Und Wagner erzählt lächelnd weiter, dass die Philharmonie am Ende nur gut 35 Millionen Euro gekostet haben wird.

Wie das bei den Vertretern der Konzerthaus-Idee für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Werksviertel ankommt?

Wagner hat auch sie kürzlich über das Gelände geführt und dabei über die Summe philosophiert, die im Werksviertel zur Diskussion steht: bis zu 750 Millionen Euro, was ungefähr den Kosten der Elbphilharmonie entspräche.

Übung sammelte er beim Gärtnerplatztheater

Mit der blitzartigen Bauzeit und dem Kostenrahmen von insgesamt 70 Millionen Euro für das ganze Areal, das nach seiner Lage in der Hans-Preißinger-Straße, etwas uncharmant HP8 genannt wird, will Wagner "ins Guinnessbuch der Rekorde für öffentliches Bauen" eingehen.

Geübt hat er das schon als Geschäftsführer des staatlichen Gärtnerplatztheaters während dessen Sanierung, bevor er 2017 zum Gasteig wechselte.

Geht man von der hellen Art-Deco-Trafohalle in die Isarphilharmonie, deren Außenholzwände hell belassen sind, umfängt einen eine wunderbare dunkle Geborgenheit.

Die schwarzen Holzquerbalken der Wände sind leicht verspringend und blockhausartig in ein Stahlgerüst eingestapelt und haben eine raue Struktur.

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"Der Klang soll sich möglichst vielfach brechen"

Das ist das Paradox: "Der Klang soll sich möglichst vielfach brechen, damit er rund, voll und schön wird", hat der Star-Akustiker Yasuhisa Toyota dazu gesagt und in München noch das verwirklicht, was er "Psychoakustik" nennt.

Denn wie man einen Klang empfindet, entscheiden auch das Auge und das Unterbewusstsein: "Der Zuhörer will sich nah und integriert fühlen", zitiert Wagner den Konzertsaaldesigner Toyota.

"Mystischer Charakter für die Psychoakustik": Die Isarphilharmonie.
"Mystischer Charakter für die Psychoakustik": Die Isarphilharmonie. © Annette Hempfling

Die Tiefe des Raumes misst - bei bis zu 1.900 Zuschauern - nur die Hälfte als in der Philharmonie im Gasteig. Man ist also viel näher am Geschehen.

Und mit dem schwarzen Raum mit schwarzen Stühlen, aber der hellen Holzbühne ist die Konzentration zusätzlich auf das Bühnengeschehen gelenkt.

Der gesamte Saal kann mitschwingen

Klettert man der Isarphilharmonie aufs Dach, kommt man durch einen Schnürboden und merkt, dass der gesamte Saal im Gebäude eingehängt ist und daher mitschwingen kann, wie ein Instrumentenkörper.

Der Blick hier oben ist wunderbar: Man sieht das weißbespannte Bühnenhaus des Volkstheaters, mit dem man zusammenarbeiten will, durch eine Baumlücke im Flaucher winkt sogar der Gasteig selbst herüber und man blickt auf die Großmarkthallen, die abends Parkraum hergeben werden. Wenn man nicht U-Bahn fährt oder Fahrrad, wie der Hausherr selbst.

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