Im Sog des Unfassbaren: Bewegende Ausstellung im NS-Dokuzentrum

Die packende Ausstellung "Heimrad Bäcker - es kann sein, dass man uns nicht töten wird und uns erlauben wird, zu leben" im NS-Dokuzentrum.
| Joachim Goetz
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Nach dem Krieg wurde in der unterirdischen Flugzeugfabrik des KZ Gusen, einem Außenlager des KZs Mauthausen, eine Champignonzucht eingerichtet.
Nach dem Krieg wurde in der unterirdischen Flugzeugfabrik des KZ Gusen, einem Außenlager des KZs Mauthausen, eine Champignonzucht eingerichtet. © mumok Stiftung Ludwig Wien / Schenkung Michael Merighi

Verdrängung funktioniert bei vielen Nazi-Mitläufern, Parteimitgliedern, Sympathisanten faschistischer Ideen. Bei Heimrad Bäcker (1925 - 2003) hat's nicht geklappt: Der gebürtige Wiener setzte sich mit seinem Schuldgefühl und der Shoa lebenslang intensiv auseinander.

Er wollte die Ausrede Jugendsünde nicht akzeptieren

Als 18-Jähriger war der spätere Schriftsteller und Verleger, der als einer der prägenden Köpfe der konkreten Poesie die avantgardistische literarische Zeitschrift "neue texte" in Linz herausgab, in die NSDAP eingetreten. Bäcker, der dann Philosophie, Soziologie und Völkerkunde studierte, wollte die Ausrede Jugendsünde nicht akzeptieren. Nach Kriegsende musste er im KZ Mauthausen Arbeiten ausführen - und konnte sich anschließend dem Unfassbaren nicht mehr entziehen. Texte und Tausende Fotografien zeugen davon. Das NS-Dokuzentrum widmet ihm nun eine in Zusammenarbeit mit dem Wiener mumok (Museum moderner Kunst) konzipierte Sonderausstellung mit dem bedrückenden Titel: "Es kann sein, dass man uns nicht töten wird und uns erlauben wird, zu leben". Einer der Sätze, die Bäcker bei seinen Recherchen in historischen Dokumenten fand - und die einen frösteln lassen.

"Es genügt, die Sprache der Täter und der Opfer zu zitieren"

Für sein Projekt "nachschrift", das ausschnitthaft mit einem von Bäcker selbst gesprochenen Text präsentiert wird, und die Textinstallation "die übrigen" verwendete er ausschließlich solche originalen Zitate. So griff er etwa auf das "Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von 1939 bis 1945" zurück. Zu seinen gesammelten und verarbeiteten schriftlichen Zeugnissen der "nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie" sagte er: "Es genügt, die Sprache der Täter und der Opfer zu zitieren. Es genügt, bei der Sprache zu bleiben, die in den Dokumenten aufbewahrt ist. Zusammenfall von Dokument und Entsetzen, Statistik und Grauen."

Eine fotografische Spurensuche

Auch seine fotografische Spurensuche basiert auf Vorgefundenem aus den beiden KZs. Er hielt die allmähliche Veränderung des Geländes, der Arbeitsstätten, der Baracken, der Gedenkstätte fest. Teils zerfielen die Areale, teils wurden sie neu genutzt - etwa als Champignonfarm. Bäcker fotografierte Reste von Gebäuden, Fundamente mit Eisenresten, Verankerungen. Ein spezielles Grauen strahlt der Seziertisch von Mauthausen aus. Den toten Häftlingen wurden dort die Goldzähne ausgebrochen. Gold diente der Devisenbeschaffung des NS-Regimes.

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Die schreckliche Himmelstreppe

Die Fotografien sind weder mit Zeit- noch Ortsangaben versehen. Eine zusammen mit dem Mauthausen Memorial entwickelte interaktive Karte zeigt dem Besucher jedoch teilweise die Standorte. Aus den Gusener Steinbruchanlagen sieht man etwa einen zerfallenden Stolleneingang. Auch die Angst erregende "Himmelstreppe" - eine in den Abhang gebaute einläufige schier unendliche Treppe ohne Podeste - ist zu sehen. Auf dieser mussten die ausgehungerten Häftlinge die schweren, in der Grube gehauenen Steinblöcke nach oben transportieren. Viele starben dabei.

Eine Dokumentation ergänzt die Ausstellung

Auch Objekte stellte Bäcker sicher: Massive rostige Absperrgitter, derbe Bänke aus einfachen Holzbalken. Denen freilich, losgelöst aus ihrer ursprünglichen Funktion, eine gewisse gestalterische Ästhetik anhaftet. So greifen, wie die Kuratoren sagen, formale Präzision, politisches und historisches Bewusstsein und distanzierte Präsentation ineinander. Die 30-minütige, informative Dokumentation "Heimrad Bäcker" (2002 von Isabelle Lagemann erstellt) ergänzt die Schau ebenso wie zwei zeitgenössische Arbeiten. In der Filmarbeit "Ein mörderischer Lärm" (2015) von Tatiana Lecomte berichtet der Zeitzeuge Jean-Jacques Boijentin vom unerträglichen Lärm in den Arbeitsstollen des KZ Gusen - akustisch unterstützt vom professionellen Geräuschemacher Julien Baissat. Rainer Iglar zeigt eine 1974 entstandene Fotostrecke, die er als 12-Jähriger Schüler bei einer Exkursion angefertigt hatte, knapp zehn Jahre später wieder fand, montierte und mit "Mauthausen" betitelte. Sein Kommentar: "Der Ort ist markiert, es ist kein unschuldiger Ort".


NS-Dokuzentrum, Max-Mannheimer-Platz, bis 6. Juni, Dienstag- Sonntag von 10 - 19 Uhr , Eintritt frei, Ticketbuchung über München-Ticket, Näheres unter: www.ns-dokuzentrum-muenchen.de

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