Im Marmeladentopf

Alle Jahre wieder: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks reiste mit seinem Chefdirigenten Mariss Jansons durch Japan, das Schlaraffenland akustisch brillanter Konzertsäle
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Vor dem Bühneneingang der Suntory Hall wartete in der Tiefgarage eine lange Schlange von Autogrammjägern auf Mariss Jansons. Er signierte dort die eigens für die Tour produzierte CD mit Tschaikowskys Fünfter.
Manfred Jarisch Vor dem Bühneneingang der Suntory Hall wartete in der Tiefgarage eine lange Schlange von Autogrammjägern auf Mariss Jansons. Er signierte dort die eigens für die Tour produzierte CD mit Tschaikowskys Fünfter.

Alle Jahre wieder: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks reiste mit seinem Chefdirigenten Mariss Jansons durch Japan, das Schlaraffenland akustisch brillanter Konzertsäle

Der Geiger Wolfgang Gieron hat eine Menge zu tun. Bei den Proben sitzt er im Saal – und hört zu. Als das Orchester im Trauermarsch aus Wagners „Götterdämmerung“ zu den ersten Kraftakten ansetzt, dreht sich Mariss Jansons um und fragt: „Bin ich zu laut?“ Gierons harte, aber herzliche Antwort: „Es ist alles zu laut.“

Später im Konzert gelingt alles überwältigend. Reisen nach Japan sind für ein Symphonieorchester Ausflüge ins Schlaraffenland. In den letzten Jahren wurden auch in der Provinz Konzertsäle gebaut, zumeist akustische Meisterwerke, wie man sie in Europa selten und in München schon gar nicht findet. In Kurashiki, eine Autostunde von Kobe entfernt, ruft Mariss Jansons während der ersten Probe-Takte den mitgefahrenen Journalisten zu: „Etwas trocken, aber immer noch besser als in München.“ Niemand wagt ihm zu widersprechen.

Lieblingsthema Konzertsaal

Japan ist für ihn der geeignete Platz, um immer wieder auf sein Lieblingsthema zurück zu kommen: „An der Philharmonie herumzubasteln, ist kontraproduktiv. Das wird nicht funktionieren, das hat noch nie funktioniert, weder in Paris, Brüssel oder New York. Zwei Orchester können dort nicht existieren.“

Melancholie klingt durch, wenn der Maestro von sich als einem „gut informierten Pessimisten“ spricht. Aber er lässt auch keine Zweifel aufkommen, was passiert, wenn nichts passiert: „Sollten wir verlieren, dann kommt eine tiefe Depression. Und was dann wird, weiß ich nicht.“ Im Klartext: Ihn in München zu halten, wird schwer werden.

Wagner läßt die Japaner kalt

Für die meisten BR-Musiker gehören Reisen nach Fernost zum Alltag. Manche waren schon mehr als zwanzig Mal hier. Sie kennen die besten, aber auch die billigsten Restaurants und wissen alles über das nur für Fremde komplizierte U-Bahn-System Tokios. Manchmal allerdings verlieren auch Kenner die Orientierung: „Nishi- oder wie heißt der Ort?“, fragt ein Posaunist und tröstet sich: „Egal, wir spielen, wo wir ausgeschüttet werden.“

In Nishinomiya, nahe Osaka, reagiert das Publikum auf die Schnipsel aus Wagners „Ring des Nibelungen“ mit höflicher Begeisterung. Da ist noch Luft nach oben. Die japanische Geigerin Midori sorgt zwar für ausverkaufte Säle, tastet sich aber ziemlich unstatthaft durch Beethovens Violinkonzert wie eine Wespe durch den Marmeladentopf.

Der Solist spielt im Orchester mit

Yo-Yo Ma, Liebling des Orchesters, macht aus Dvoráks Cellokonzert eine effektvolle Bühnenshow, dramatisch, sentimental, eigenwillig, aber spannend. Bei den Zugaben, einem entbehrlichen Opus von Ennio Morricone etwa, animiert er gleich drei Kollegen aus dem Orchester zum Mitmachen. In der zweiten Symphonie von Brahms findet man ihn beim Gastspiel in Kawasaki inmitten der Cello-Gruppe. Im Gegnsatz zu Midori sind seine Auftritte nicht ausverkauft. 300 Euro für eine Karte streifen auch in Japan die Grenze des Erträglichen.

Mit Brahms und Tschaikowsky hat Mariss Jansons leichtes Spiel. Die eilends vor der Tournee aufgenommene CD mit Tschaikowskys Fünfter wird nach den Konzerten den Verkäufern buchstäblich aus den Händen gerissen: „Wir können uns nicht leisten, wie das London Symphony Orchestra mit Prokofjew anzureisen und dann nur 30 Prozent der Karten loszuwerden“, rechtfertigt Mariss Jansons die Mainstream-Programme. Beim nächsten Mal möchte er mit dem Chor des BR einen Beethoven-Zyklus präsentieren.

Sir Simon kommt

Für die Musiker des BR bietet Japan auch diesmal viele Gründe zum Schwärmen. Die eigenen Arbeitsergebnisse lassen sich ohne akustische Fußangeln genießen. Man findet Zeit, ähnlich wie die Kollegen aus Wien oder Berlin, Hochschülern einen halben Tag lang auf die Sprünge zu helfen. Und auch die Love-Story mit dem Chef scheint derzeit so intensiv, dass dieser sich großzügig erlauben kann, das Eröffnungskonzert der nächsten Saison einem Kollegen aus Berlin zu überlassen – Sir Simon Rattle.

Volker Boser

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