Im Bombenhagel der Klänge

Radikaler Formwille: Milos Lolic inszenierte Lorcas „Bluthochzeit” am Volkstheater
| Gabriella Lorenz
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Die Mutter (Ursula Burkhart, li.), der Bräutigam (Robin Sondermann), die Braut (Kristina Pauls), ihr Ex-Verlobter (Oliver Möller).
Dorothee Falke Die Mutter (Ursula Burkhart, li.), der Bräutigam (Robin Sondermann), die Braut (Kristina Pauls), ihr Ex-Verlobter (Oliver Möller).

Radikaler Formwille: Miloš Lolic inszenierte Lorcas „Bluthochzeit” am Volkstheater

Elf vergoldete Stühle in einer Reihe vor einem roten Vorhang: Das ist zunächst das ganze Bühnenbild von Miloš Lolic für seine Inszenierung „Bluthochzeit”. Die Schauspieler sitzen frontal zum Publikum, sprechen die lyrische Tragödie von Federico García Lorca als szenisches Gedicht. Für die Dramatik sorgt der Regisseur aus Belgrad mit einem Rhythmus, der sich zunehmend steigert und das blutige Beziehungsdrama in einem alles übertönenden Kriegsgewitter enden lässt. Der 32-jährige Serbe zeigte beim Festival „Radikal jung” eine furiose Inszenierung von „Gott ist ein DJ” und bringt mit seiner ersten Münchner Inszenierung eine ganz neue Handschrift ins Volkstheater.

Der macht sich's leicht, denkt man, nachdem man das strenge Formprinzip akzeptiert hat. Denn die Schauspieler – in Kostümen mit folkloristischen Andeutungen – spielen nicht, sie sagen sitzend oder stehend ihren Text auf, unbewegt, oft sogar mit fröhlichem Lächeln, das den Klagen und Passionen widerspricht.

Die alte Liebe flammt wieder auf

Von denen hallt die 1933 uraufgeführte „Bluthochzeit” nur so wider: Lorca gießt das archaische Bauernleben Andalusiens in symbolistisch-surreale Poesie. Ein Mann (Robin Sondermann) freit ein Mädchen (Kristina Pauls), seine Mutter (Ursula Burkhart), die nur der Rache für den Mord an ihrem Mann und ältesten Sohn lebt, wird mit dem Vater (Jean-Luc Bubert) der Braut einig. Zur Hochzeit erscheint der frühere Verlobte der Braut, der ihre Kusine (Xenia Tiling) geheiratet hat. Die alte Liebe flammt wieder auf, beide fliehen.

All diese Leidenschaften und Schmerzen werden statisch, fast unbeteiligt gesprochen. Nur zwei Mal gibt es eine Aktion zwischen der Braut und ihrem Geliebten: einen Abwehrkampf und eine fast gewalttätige Umarmung. Ansonsten sitzt Oliver Möllers Leonardo nur mürrisch herum. Die strenge Stilisierung wäre langweilig, gäbe es da nicht diesen Rhythmus, den die Darsteller erzeugen. Erst nur ein leises Scharren, dann klopfen Schuhe, Hände klatschen ab und zu, immer mehr schält sich der Flamenco-Takt heraus. Der verleitet bei der Hochzeit sogar zum Tanzen: Angeleitet von Michael Kitzeder ziehen zwei Holzfäller (Pascal Riedel, Max Wagner) die Gesellschaft in die Bewegung, auch die Nachbarin (Ilona Grandke) und die Magd (Mara Widmann). Doch die ganze Dramatik legt Milos Lolic in den immer drängenderen und lauteren Rhythmus. Wenn das geflüchtete Liebespaar im Wald sitzt, neben ihm der Bräutigam, verdichten sich einzelne Gitarrentöne, gesungene Schreie und das Klopfen auf ein Mikro zum nachhallenden Bombenhagel, und ein Regen roter Blätter vermischt die Gedanken an Bluthochzeit, Blutrache und Kriege.

Da erfindet Lolic auch ein starkes symbolisches Bild: Die Schauspieler als Chor, geschmückt mit Zweigen und Blättern. Der nun große, leere Raum ist erfüllt von Nebel, durch den sich am Ende eine blutige Lichtschneise zieht.

Mit seinem radikalen Formwillen und Mut zur Reduktion macht Lolic aus diesen knappen 70 Minuten tatsächlich ein Ereignis.

Volkstheater, 13., 14., 30. Okt., 19.30 Uhr, Karten Tel. 423 46 55

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