Hut ab, ihr Leute, der Mann ist ein Genie

Sensation im Gasteig: Teodor Currentzis am Pult der Münchner Philharmoniker
| Robert Braunmüller
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Teodor Currentzis, das "Wunder von Nowosibirsk"
IMG Artists Teodor Currentzis, das "Wunder von Nowosibirsk"

Im fernen Nowosibirsk gründete er ein Originalklang-Ensemble, mit dem er aufregend eigensinnig Purcells „Dido” und Mozarts „Requiem” eingespielt hat. Abgebrühte Kritiker-Senioren kündeten bewegt von einer „Così”-Aufführung in Baden-Baden. Nun kam Teodor Currentzis erstmals nach München. Bei aller Zurückhaltung muss gesagt werden: Dieses Konzert der Philharmoniker-brachte das seit langem aufregendste Debüt eines Dirigenten in diese an großen Musikereignissen nicht armen Stadt.

Junge Dirigenten lieben es, mit Orchestern ein bisschen aufzudrehen. Auch Currentzis legte mit der gewaltigen Steigerung von Alfred Schnittkes „Rituel” einen klassischen Kavaliersstart hin. Aber viel erstaunlicher war die rücksichtsvolle Zurückhaltung, zu der er anschließend das Orchester der Stadt bei Sergej Prokofjews Violinkonzert Nr. 1 animierte. Die Geigerin Arabella Steinbacher durfte den lyrischen Ton entfalten, nichts wurde überhetzt. Die Philharmoniker vermieden mit schlanker Eleganz jene Kraftlackelei, mit der Russisches von sogenannten Experten oft an die Wand gefahren wird.

Mit Noblesse und einer seltenen Genauigkeit im Detail widmete sich Currentzis nach der Pause Respighis „Pini di Roma” und Ravels zweiter „Daphnis”-Suite. Diese Reißer wurden alles andere als reißerisch dargeboten und schlugen sich deshalb auch nicht gegenseitig tot. Der Dirigent dämpfte und gab den wundervoll empfindsamen Holzbläser-Solisten der Philis in der Katakomben- und der Gianicolo-Episode von Resphigis Tondichtung Raum zum Atmen. Beim Triumphzug des Konsuls steigerte er das Orchester zu einer unglaublichen Klanggewalt, die trotzdem nirgends dröhnte und in allen farbigen Details erstaunlich durchhörbar blieb.

Auch bei Ravel vermieden Currentzis und das Orchester jenes stampfende Auftrumpfen, das die rauschhafte Schönheit und den tänzerischen Impetus dieser Musik so oft ruiniert. Der 39-jährige, in St. Petersburg vom legendären Ilya Musin ausgebildete Grieche hat einen klaren Schlag und eine starke, publikumswirksame Ausstrahlung. Die Philharmoniker wirkten mit ihm ausgesprochen glücklich und der Eindruck drängte sich auf, Currentzis könnte jener aufstrebende junge Dirigent sein, von dem in der Debatte um die Thielemann-Nachfolge so oft die Rede war. Natürlich würde man jetzt gern wissen, was ihm zu Brahms und Beethoven einfällt. Nächstes Jahr kehrt er mit Schumann zurück. Für heute aber gilt: Hut ab, ihr Leute, der Mann scheint ein Genie zu sein.

Currentzis’ Einspielung des Mozart-Requiems erschien bei Alpha (Vertrieb: Note 1)

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