Hidalgo-Festival: Knockout mit Sinnkrise

Konzerte des Hidalgo-Festivals im Boxwerk und in einer Boulderhalle an der Landsberger Straße.
| Robert Braunmüller
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Die Sopranistin Andromahi Raptis (Mitte) mit den Boxern und dem Schiedsrichter im Ring im Boxwerk in der Schwindstraße in der Maxvorstadt.
Die Sopranistin Andromahi Raptis (Mitte) mit den Boxern und dem Schiedsrichter im Ring im Boxwerk in der Schwindstraße in der Maxvorstadt. © Max Ott

München - Das erste hochkulturelle Zusammentreffen zwischen dem Boxsport und der Ernsten Musik liegt nun auch schon fast 100 Jahre zurück: 1927 wurde Ernst Kreneks komische Oper "Schwergewicht oder Die Ehre der Nation" in Wiesbaden uraufgeführt. Bald folgte "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Und an die vielen boxbegeisterten Literaten braucht hier nicht erinnert zu werden.

Trotzdem umgibt diesen Sport der Reiz des Anrüchigen. Der vom Hidalgo-Festival in die Boxfabrik gelockte Rezensent konnte allerdings beruhigt feststellen: Dieses unauffällige Tiefgeschoß eines Rückgebäudes in der Maxvorstadt sieht genauso aus wie ein Boxclub in einem alten amerikanischen Schwarzweißfilm: In der Mitte steht der Ring, in der Ecke ein zweiter, kleinerer und überall hängen Boxsäcke herum.

Richtige Boxer treten zum Sparring an

Dann wurde es dunkel. Die Sopranistin Andromahi Raptis ging k.o., der siegreiche Jonathan Ware setzte sich im Bademantel ans Klavier und begleitete die Lieder von John Dowland, in denen die Boxerin die von der Niederlage ausgelöste Sinnkrise bedauerte (Regie: Tom Wilmersdörffer).

Vor dem zweiten Block mit Liedern von Kurt Weill traten richtige Boxer mit einem Ringrichter zu einer Sparrings-Runde an. Wie schon beim ersten Abend des Festivals im Bahnwärter Thiel hinterließ auch bei der Wiederholung des musikalischen Programms im veränderten Umfeld der Song vom "Surabaya-Johnny" mit seiner widersprüchlichen Mischung aus anhaltender Liebe und der Einsicht in die Enttäuschung den stärksten Eindruck. Dann köpfte die Boxerin noch eine Flasche Rotkäppchen-Sekt und taumelte ins Leben zurück.

Das Hidalgo-Festival endet am Donnerstag

Am Sonntag wechselte das Festival in eine Boulderhalle an der Landsberger Straße. Das mit Akademisten-Nachwuchs der großen Münchner Orchester besetzte Festivalorchester spielte zwischen den akustisch vorteilhaften Kletterwänden das der Schostakowitsch-Nachfolge zuzurechnende "Concerto for String Orchestra" der polnischen Komponistin Grazyna Bacewicz. Dann sang Johannes Kammler subtil, kraftvoll und zugleich sensibel die "Ernsten Gesänge" von Hanns Eisler, ehe das Konzert mit der allzu oft gespielten "Verklärten Nacht" von Arnold Schönberg nicht besonders originell zu Ende ging.

Aber der Dirigentin Johanna Malangré gelang es, die Bedenken gegen die Wahl dieses Stücks wegzuwischen: mit einer sehr schlüssigen, sehr dramatischen, den Ehekonflikt des zugrundeliegenden Gedichts plastisch machenden Deutung. Auf eine performative Ausdeutung wurde verzichtet. Unter den Besuchern befand sich auch Katrin Habenschaden. Da sich Münchens Bürgermeister bei der Freien Kulturszene eher selten blicken lassen, ist es ein gutes Signal, dass sich die Stadtspitze aus erster Hand über die Probleme von Veranstaltern unter Corona-Bedingungen informiert.

Das Festival zeigt noch am Mittwoch ab 16 Uhr eine Konzertinstallation mit Beethoven-Liedern auf dem Dach des Alpina-Parkhauses. Am 16. und 17. September endet Hidalgo mit dem Programm "Itinerant", einer multidisziplinären Performance mit Tänzern, Musikern und Videoprojektion im Strom (Lindwurmstraße 88). Infos und Karten unter www.hidalgofestival.de

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