Grimmige Stimmungskanone

Wetter und Wunder: Christian Thielemanns Debüt bei „Klassik am Odeonsplatz“.
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Er kann nicht nur Konzertprogramme umwerfen, sondern auch Gewitter fernhalten: Philharmoniker-Magier Thielemann
barbiradpicture Er kann nicht nur Konzertprogramme umwerfen, sondern auch Gewitter fernhalten: Philharmoniker-Magier Thielemann

MÜNCHEN - Wetter und Wunder: Christian Thielemanns Debüt bei „Klassik am Odeonsplatz“.

Trauen Sie mir das etwa nicht zu?“, fauchte Christian Thielemann damals. Der AZ-Redakteur schaute verdutzt, als ihm der städtische Generalmusikdirektor in einem Interview eröffnete, er wolle 2008 auf dem Odeonsplatz ein reines Tschaikowsky- Pogramm dirigieren.

Natürlich hätten wir ihm das zugetraut, und die verbliebene Briefszene aus „Eugen Onegin“ mit der warmstimmigen Adrianne Pieczonka machte Lust auf einen Nachschlag: Der dunkle Klang des Orchesters harmoniert bestens nicht nur mit deutscher Romantik, sondern auch mit russischer Seele. Solo-Hornist Ivo Gass blies das gern verpatzte Solo meisterlich, und die Sängerin bedankte sich rasch mit Richard Strauss’ nicht wirklich zutreffendem Wetterbericht „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen“ für den Applaus.

Die Sonne machte, was sie wollte, aber trotz heftigen Unwetters am Nachmittag blieb es bis zum Beckenschlag am Schluss von Wagners „Meistersinger“- Ouvertüre auf dem Odeonsplatz trocken. Der Glücksstern war jedoch schon früher aufgegangen. Der unter den Philharmonikern grummelnde Ärger über die aus Thielemann-typischer Geniewurstigkeit geborene Programmänderung wich spätestens mit dem schwungvollen Hauptthema der Strauss-Tondichtung „Don Juan“. Auf der Videowand war aus der Miene des Konzertmeisters Lorenz Nasturica-Herschovici zu lesen, welchen Spaß es machen muss, solch lebensfrohe Musik unter Thielemann zu spielen und gespannt seiner aus dem Augenblick geborenen Spontaneität zu folgen.

Der schwierige Generalmusikdirektor setzte zwischen den grimmigen Löwen der Freitreppe ein etwas gezwungen freundliches Lächeln auf, aber er hatte keine Lust, sich übermäßig durch eine Ansage bei seinen Fans einzuschmeicheln: Unberechenbare Distanz ist das Geheimnis seiner Macht. Dafür begrüßte Christian Ude die 8000 Zuschauer mit einer „Mir san mir“-Rede und erklärte in einem schwachen Moment allfällig anwesenden Ignoranten, wie die Gebäude links und rechts der Feldherrnhalle heißen.

Ude blieb nicht bis zum Schluss, weil seine aus der Reha kommende Gattin an Schmerzen litt. Er verpasste eine furtwänglernde Aufführung von Brahms’ Erster Symphonie, die im atmenden Tempo kontrollierter als bei letzten Philharmonie-Eindrücken wirkte. Im kammermusikalischen Zusammenspiel brillierte neben Gass und dem Konzertmeister die Solo- Oboistin Marie-Luise Modersohn. Zwischen den Sätzen brummte die basslastige Verstärkung, die in den vorderen Reihen den Charakter des Orchesters und die kernige Wucht der hymnischen Steigerung im Finale gut abbildete.

Der wortreiche Edmund Stoiber brachte es knapp auf den Punkt: „Wundervoll!“, flüsterte er seiner Karin zu. Widerspruch wagen wir nicht, weil wir Thielemann zutrauen, dass er bei gutem Zureden nächsten Juli wiederkommt.

Robert Braunmüller

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