Grenzenlose Neugier: Malerei von Klaus Netzle im Blumen21
Wenn Künstler auf verschiedenen Gebieten aktiv sind, ist das noch nichts Außergewöhnliches. Musiker malen, Schauspielerinnen singen, in der kreativen Szene findet man viele solcher Doppelbegabungen. Dass sich einer aber so gar nicht bremsen kann und als Komponist, Sänger, Filmemacher und Maler arbeitet und zu allem noch einen Verlag gründet, die bayerische Folklore völlig neu angeht und sich ziemlich erfolgreich mit moderner Aufnahmetechnik beschäftigt, sprengt dann doch den Rahmen. Sogar deutlich. Zumal das noch lange nicht alles ist, was der Münchner Klaus Netzle angepackt hat.
Heuer, am 26. April, wäre dieses Multitalent 100 Jahre alt geworden, und weil Netzle bei allen Reisen und einem längeren Abstecher nach Spanien seiner Heimatstadt bis zum Tod 2019 immer sehr verbunden geblieben ist, wird hier an ihn erinnert - mit einer Ausstellung.
Sand, Kitt und Asphalt: Zur Farbe kommt immer noch was dazu
Sie zeigt gleich auf den ersten Blick, dass Netzle auch in der Malerei dauernd am Ausprobieren war. Bloß Farbe aufzutragen, hat ihm nicht genügt, Sand oder Asphalt durften genauso auf der Leinwand landen, und wenn ihn der Teufel ritt, kamen Fugenkitt dazu oder kuriose Fundstücke aus dem Alltag.
Man muss beim Sand freilich an Willi Baumeister denken. Robert Rauschenberg ging ein paar Schritte weiter, indem er Reifen oder Holzstücke in seine „Combine Paintings“ integriert und damit noch mehr ins Dreidimensionale gearbeitet hat. Dieser Übergang, dieses Hin und Her zwischen Malerei und Skulptur war auch für Klaus Netzle eine faszinierende Sache. Zwischen Figuration und Abstraktion wollte er sich ohnehin nicht entscheiden, auch da scheint er die Gegensätze und deren Spielräume geradezu genossen zu haben.

Planeten und wilde Figuren
In den 1980er Jahren, als Netzle sich mit Anfang 60 im Atelier auf Menorca auf die Bildnerei konzentrierte, musste man sich schon lange nicht mehr festlegen. Die Grabenkämpfe der Nachkriegszeit waren vergessen, und das Expressive tut auf beiden Seiten Wirkung. Ob durch sphärische Rundungen, die wie Planeten umeinander kreisen, oder durch ein Personal, das wie bei A. R. Penck oder Jean Dubuffet radikal reduziert ist und frech die Szenen aufmischt.
Man kann das alles nicht völlig unabhängig von der Musik betrachten, die Bilder swingen, wenn man so will. Aber das betrifft viele Bereiche dieser Mischung aus Tausendsassa und Freak. Netzle hat schließlich auch viele Stile und Moden durchlebt und mitgeprägt.
Netzle macht mit den Isarspatzen von sich reden
Älteren werden noch die Isarspatzen ein Begriff sein: Mit Erika Blumberger, Franz Messner und Fritz Westermeier ist Netzle im Radio und im Fernsehen präsent gewesen, diverse Alben sind in den 50er Jahren entstanden.
In dieser Zeit war der Künstler mit der Schauspielerin Toni Netzle verheiratet, die von 1960 an vor allem als Wirtin des legendären Alten Simpl von sich reden gemacht hat. Die Ehe sollte nicht halten, aber die Welt der Musik und des Films blieb in beider Leben zentral.
Klaus Netzle hat neben seinen Auftritten mit den Isarspatzen immer auch Filmmusik komponiert, sei es für Dokumentationen oder Werbefilme. Und als ihn das Fernweh packte, ging er für den Bayerischen Rundfunk auf „Musik-Expedition“ quer durch Afrika. Dann kam das Angebot ein Tonstudio aufzubauen, da konnte man einen leidenschaftlichen Klangtüftler gut brauchen.

Für Karajans Salzburger „Parsifal“ hat Netzle am Klang der Gralsglocken gefeilt
Wen wundert’s, dass Netzle 1972 den ersten kommerziellen Synthesizer anschaffte und mit Oszillatoren und Effektgeräten experimentierte? In den späten Siebzigern gründete er das „Elektronische Musik-Labor“ in Untermenzing.
Der Vertrieb des Sampling-Computers Fairlight war ab 1979 dann der nächste Coup, denn Netzle vermittelte das Wunderding an Musiker wie Klaus Doldinger und Jean Michel Jarre, an Kraftwerk und Yello. Auch mit Herbert von Karajan, dem exzessiven Klangpolierer, hat er zusammengearbeitet und den Fairlight bei dessen „Parsifal“ in Salzburg eingesetzt - das Spiel der Gralsglocken wurde elektronisch programmiert.

Ein Mann mit vielen Facetten - und mindestens drei Namen
Dass sich Netzle mehr und mehr mit Fotografie und Videokunst beschäftigte, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Fairlight auch einen Video-Computer auf den Markt brachte. Der Münchner war immer nah dran an solchen Entwicklungen, denn er konnte auf beiden Seiten mitreden und vor allem die künstlerische Perspektive einnehmen.
Aber da war eben auch eine unfassbare Neugier. Was Netzle in die Hände fiel, wurde verarbeitet oder weiterentwickelt. Noch bevor er sich auf die Malerei einließ, hat er sich mit digitaler Bildbearbeitung beschäftigt. Vielleicht war deshalb die Liebe zum durchaus groben Material und überhaupt zum Haptischen so sehr ausgeprägt.
Ein Mann mit unzähligen Talenten und Facetten, könnte man sagen, ein Pseudonym hätte es eigentlich nicht gebraucht, aber manchen aus der Musikbranche und der Kunstszene wird er auch unter dem Namen Claude Larson ein Begriff sein. Oder als Carlos Futura, der mit Blick auf Netzles Denken in die Zukunft wahrscheinlich noch am besten passt.
Ausstellung vom 25. bis 30. Juli 2026, jeweils von 11 bis 19 Uhr, im Münchner Pop Up Blumen21, Blumenstraße 21
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