Grandioses Betriebstheater

Der nun veröffentliche Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld ist ein großer Roman einer schwierigen, wechselvollen Freundschaft
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Suhrkamp-Verlegerlegende Siegfried Unseld.
dpa Suhrkamp-Verlegerlegende Siegfried Unseld.

Der nun veröffentliche Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld ist ein großer Roman einer schwierigen, wechselvollen Freundschaft

Es beginnt mit einer schriftlichen Anfrage im Oktober 1961 und endet 27 Jahre später mit einem kurzen Brief des Autors, ihn aus Verlag und Gedächtnis des Verlegers zu streichen. Das Verhältnis zwischen Thomas Bernhard und Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld war kompliziert, wechselhaft und für die Literaturwelt fruchtbar.

Nun ist der lang angekündigte Briefwechsel dieser zwei Giganten der deutschen Nachkriegsliteratur erschienen, über 500 schriftliche Mitteilungen, teilweise seitenlang kommentiert und dennoch nicht weniger als der große Roman einer schwierigen Männerfreundschaft.

„Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals hatten“

„Ich gehe den Alleingang“ hatte Bernhard als völlig unbekannter Autor im ersten Brief an Unseld schon geschrieben. Zu spüren bekam der Frankfurter Verleger dieses Selbstbewusstsein bereits bei der ersten persönlichen Begegnung am 28. Januar 1965 in Unselds Privatvilla. Zwanzig Minuten räumte der Autor seinem stark grippekranken Gegenüber ein, ihm 40000 Mark Vorschuss zu gewähren. Bernhard kaufte sich damit seinen ersten Bauernhof.

Das Geld bleibt als Problem eine Konstante in der Korrespondenz, ebenso die von Unseld akribisch aufgelisteten gemeinsamen Projekte, deren Abgabedaten Bernhard dann ganz nach seinem Willen interpretiert. „Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals hatten“, schreibt Bernhard wirklichkeitsblind im letzten Brief.

Der Kontakt folgt einem Muster, das sich über Jahrzehnte wiederholt: Gegenseitige Freundschaftsbekundungen, Verstimmung, Verletzung und immer wieder persönliche Treffen, um unter vier Augen auszuräumen, was schriftlich nicht gelang. Unselds Notizen über die Treffen bilden das erzählerische Rückgrat dieser Nahaufnahme zweier Dickschädel. Und Unseld fühlt sich bei der Begegnung mit Bernhard nicht selten als Figur eines seiner Stücke.

Höhepunkte der bernhardschen Briefprosa sind natürlich seine Wutattacken, hier gegen die Münchner Kammerspiele gerichtet, die im April 1973 eine „hundsgemeine Hirnschlachtung“ von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ ablieferten: „Provinzidioten und eine Schauspielergarnitur, die sich in Sankt Pölten oder in der Kurstadt Baden bei Wien austoben kann an einer Lehároperette, nicht aber und niemals auf eine meiner Arbeiten losgelassen werden hätte dürfen.“

Er füllt die Suhrkamp-Konten immer schneller

Bernhards Erfolge erhöhen seine Kampfbereitschaft mit Österreich, aber auch in Bayern macht er sich mit dem Begriff der „Lechkloake“ (im Stück „Macht der Gewohnheit“) für Augsburg keine Freunde. Unseld korrespondiert mit dem Bürgermeister, Ministerpräsident Goppel entblödet sich nicht, eine TV-Ausstrahlung verhindern zu wollen. Aber das sind allenfalls kleinere Vorgeplänkel für den Sturm, den „Holzfällen“ oder – kurz vor Bernhards Tod 1989 – „Heldenplatz“ entfesseln.

Die ständigen Geldforderungen Bernhards lassen nicht nach, aber im Laufe der Jahre füllt er die Suhrkamp-Konten immer schneller. Nur seine Weigerung, Manuskript-Zusagen einzuhalten, treiben Unseld zur Verzweiflung. Dabei ist Bernhard schöpferisch bis zur Obsession. Die Manuskript-Komödie, die Unseld mit seiner längst ausgetrockneten Autorenquelle Wolfgang Koeppen über Jahrzehnte spielte, war eine ganz andere. Bernhard aber bleibt schwierig, lobt Unseld als den Besten und schreibt Wochen später: „Ich habe einen Verlag, aber keinen Verleger.“ Er fühlt sich immer wieder – oft grundlos – zurückversetzt, mahnt mangelnde Werbung Suhrkamps an und verliert die Contenance, als für Martin Walsers „Brandung“ eine große Werbekampagne gestartet wird. „Die Schamlosigkeit, mit der Sie dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend.“ So weit, so undiplomatisch.

Der hervorragend edierte Band zeigt auch die Vorstufen zu diesem Brief, in dem Bernhard gegen den „absoluten Kleinbürgerschmarren von Walser“ wettert und sich in die Schlusserregung steigert: „Ich veröffentliche in Zukunft dann kein Buch mehr im Suhrkampverlag, wenn Herr Walser oder Herr Handke eins im Suhrkampverlag herausbringen.“ Natürlich kam es dank des großen Versöhnungstalents Unselds nie zum Äußersten, aber das hier aufgeführte, grandiose Kulturtheater verdeutlicht doch, wie sehr ein Verlag auf solche herausragenden Persönlichkeiten angewiesen ist.

Volker Isfort

Thomas Bernhard, Siegfried Unseld, Briefwechsel (Suhrkamp, 870 Seiten, 39.80 Euro)

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