Kritik

„Gelbe Briefe“: Warum diese Geschichte uns so nahe geht

Der deutsche Film und Berlinale-Gewinner von Ílker Çatak kommt jetzt ins Kino: ein filmisches und psychologisches Meisterwerk
Adrian Prechtel
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Ein liebendes Ehepaar, das unter Druck gerät: Özgü Namal und Tansu Biçer bei einer Zugfahrt.
Ein liebendes Ehepaar, das unter Druck gerät: Özgü Namal und Tansu Biçer bei einer Zugfahrt. © Alamode

Ob wir zum Helden oder zur Heldin taugen würden? In unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung wird das recht wenig geprüft. Und so schauen wir gebannt und schockiert auf Menschen, die sich todesmutig wehren - im Iran oder in Minnesota.

Ilker Çatak (l-r), Regisseur des Films "Gelbe Briefe" und seine Darsteller Özgü Namal und Tansu Bicer mit dem Goldenen Bären.
Ilker Çatak (l-r), Regisseur des Films "Gelbe Briefe" und seine Darsteller Özgü Namal und Tansu Bicer mit dem Goldenen Bären. © picture alliance/dpa

Aber die Frage, wie wir es selbst mit Freiheit und Gerechtigkeit halten, rückt näher. In „Gelbe Briefe“ von Ílker Çatak ganz nah. Und das nicht nur, weil es bei der Angabe der Rollen heißt: „Berlin spielt Ankara“ und „Hamburg spielt Istanbul“.

Das Ende der Komfortzone

Ein Autor und Dramatiker (Tansu Biçer) hat auch einen gut bezahlten Lehrauftrag an der staatlichen Uni. Als sich vor den Toren eine Demonstration versammelt, umzingelt von hochgerüsteten Polizeieinheiten, fragt er seine Studenten, warum sie hier noch sitzten würden: „Wenn ihr das Theater des Staates nicht kennt, kann ich euch nichts beibringen“ - und wird verpfiffen und entlassen.

Seine Frau - eine gefeierte Schauspielerin (Özgü Namal, auch real ein Star in der Türkei) - lässt sich nach einer großen Premiere nicht mit dem Gouverneur ablichten. Die Theaterleitung gibt den politischen Druck nach, das Stück wird abgesetzt. Dann dürfen sie und einige Kollegen das Theater nicht mehr betreten. Die anderen formieren sich zum Widerstand. Und sie?

Am Bosporus: Özgü Namal und Tansu Bicer. Aber Hamburg spielt hier Istanbul, was ein fantastischer Verfremdungseffekt ist, der uns die Geschichte gleichzeitig näher bringt.
Am Bosporus: Özgü Namal und Tansu Bicer. Aber Hamburg spielt hier Istanbul, was ein fantastischer Verfremdungseffekt ist, der uns die Geschichte gleichzeitig näher bringt.


Das bequeme, liberale bürgerliche Leben der beiden mit ihrer Teenietochter (ihre beste Kritikerin) kommt schnell in finanzielle Schwierigkeiten. Auch der Vermieter will keinen politischen Ärger und kündigt. Die Familie begibt sich aus der Schusslinie nach Istanbul - in die Wohnung der Mutter des Mannes. „Ein Künstler kann nur Künstler sein, wenn er mitten im Leben ist“, hatte er - professoral abgesichert und priviligiert wohnend - zuvor erklärt. Jetzt fährt er wirklich Taxi, geht als Atheist in die Moschee, um seinen religiösen Schwager, von dem er abhängig ist, zu besänftigen.

Keine Angst vor der Angst?

Allein bis hier sind wir einem Dutzend Fragen nach Anpassung und Zivilcourage begegnet. In diesen Zeiten zunehmender Zensur, nationalem Auf-Linie-Bringen und Einschüchterung sagt sie ihrem Mann, er solle versuchen „keine Angst vor der Angst“ zu haben.

Dabei ist das Drama „Gelbe Briefe“ - benannt nach den ministeriellen Schreiben, die eine Suspendierung verkünden - nicht durchwegs düster: Es gibt gute Freunde, mutige Kolleginnen und Kollegen, die solidarische Familie. Aber unter Druck gerät alles aus der Komfortzone, aus dem Gleichgewicht. Totalitarismus erfasst alle Lebensbereiche, Opportunismus ruiniert die Freiheit. „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, sagt Bertolt Brecht im Drama „Das Leben des Galilei“.

Was „Gelbe Briefe“ so stark macht, ist seine Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Die Wahrheit liegt in der Darstellung, wie eine Gesellschaft ins Autoritäre gleitet. Die Wahrhaftigkeit zeigt sich in den Figuren: Sie sind uns sympathisch nah, aber keine Helden. Sie verraten zum Teil ihre Ideale und das nachvollziehbar. „Über die Rundenkommen, ist kein Traum“, sagt sie - und macht bei einer Soap im Staatsfernsehen weiter. Es ist immer wieder der moralische Zwiespalt, der uns Zuschauer elektrisiert. Wie gut der Deutschtürke Çatak Psychologisches in Bilder übersetzen kann, hat er schon im Schuldrama „Das Lehrerzimmer“ bewiesen, wo eine Lehrerin an ihren Idealen scheitert.

Halten zusammen: Das Künstlerpaar gerät unter politischen Druck.
Halten zusammen: Das Künstlerpaar gerät unter politischen Druck.

Jetzt - in „Gelbe Briefe“ - werden wir auf intensive Weise wieder befragt. Die Fragestellung umfasst hier - elegant erzählt - den ganzen Bogen vom Privaten über unsere Arbeit bis ins Politische. Besser kann man die Frage nach Zivilcourage nicht stellen. Und besser kann man die zersetzende Kraft eines erstarkenden Totalitarismus nicht zeigen. Und das alles nicht in weiter Ferne, sondern spürbar nah.

Kino: ABC, City, Leopold
sowie Monopol, Rio (OmU)
R: Ílker Çatak (D, 128 Min.)

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