Gastbeitrag von Pierre Jarawan: Das Schweigen hat ein Ende

Der Münchner Autor Pierre Jarawan schreibt darüber, wie schwierig es im Libanon ist, sich auf eine gemeinsame Geschichte der Vergangenheit zu einigen und wie wichtig das Erzählen für einen Frieden ist.
| Pierre Jarawan
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Ein mit Kleidung und Ausrüstung von Ersthelfern und Feuerwehrleuten geschmückter Weihnachtsbaum am Eingang des zerstörten Beiruter Hafens erinnert an Feuerwehrleute, die am 4. August 2020 bei der Explosion im Hafen von Beirut ihr Leben verloren haben.
Ein mit Kleidung und Ausrüstung von Ersthelfern und Feuerwehrleuten geschmückter Weihnachtsbaum am Eingang des zerstörten Beiruter Hafens erinnert an Feuerwehrleute, die am 4. August 2020 bei der Explosion im Hafen von Beirut ihr Leben verloren haben. © Marwan Naamani

Im Sommer 2006 war ich 21 Jahre alt und zog einen Koffer durch die Abflughalle des Stuttgarter Flughafens, in der Hand das Ticket für die Maschine der Middle East Airline nach Beirut. Ein weiterer Sommer, ein weiteres Jahr. Vorfreude auf Familienbesuche, das Essen, das Meer. Und ich erinnere mich noch an die Stimme der Dame am Check-In-Schalter, die auf mein Ticket blickte, mich dann ansah, und sagte: "Der Flug nach Beirut wurde vor einer halben Stunde gestrichen. Der Flughafen dort wird bombardiert."

Zerstörung von Beirut aus Jarawans Perspektive

Später am Abend - der Koffer lag noch immer gepackt in einer Ecke des Wohnzimmers - zeigte mir der Fernseher dies: Rauchsäulen über dem Flughafen, ein brennendes Terminal. Und in den südlichen Vororten Beiruts nur Zerstörung. Julikrieg, 33-Tage-Krieg - heute gibt es verschiedene Namen für jenen Sommer. Für mich, das weiß ich heute, war es ein Einschnitt. Ein Band riss. In der nahtlosen Chronologie meiner jährlichen Familienbesuche - sonnenbeschienene Nachmittage auf der Terrasse meiner Tante, Kinobesuche mit meinen Cousins oder gemeinsamen Fahrten in die Berge, auf der Ladefläche eines rostigen Toyota, um der Hitze der Stadt zu entfliehen - entstand eine Lücke.

Es heißt, wir seien die Summe unserer Erinnerungen; unsere Identität sei wie ein Teppich kunstvoll aus diesen Fragmenten gewebt. Doch auf welche Weise formen uns die Dinge, die wir vergessen, verdrängt oder vielleicht nie richtig verstanden haben? Und wie füllen wir diese Leerstellen aus? Ich glaube, eine Antwort lautet: mit Geschichten. Mit Geschichten und dem Vergehenlassen von Zeit. Eine Sache erstaunt mich: obwohl ich den Libanon von Kindesbeinen an jedes Jahr mit meinen Eltern besucht habe, habe ich keine Erinnerungen an ein zerstörtes Beirut. Es war aber zerstört. Der Krieg, der 15 Jahre lang angedauert hatte, und 1990 endete, hatte kaum mehr als Ruinen hinterlassen. Aber ich erinnere mich nicht, an diesen zerstörten Häusern vorbeigegangen zu sein, obwohl ich von Fotos weiß, dass ich es bin.

"Ich habe in Deutschland stets vom Libanon erzählt"

Ist das natürliche Verklärung, selektive Wahrnehmung aus den Augen eines Kindes, später eines Heranwachsenden oder bewusster Selbstbetrug? Wenn man sich das Bild eines Landes formt, das schöner kaum sein kann. Denn so habe ich, als ich aufwuchs, in Deutschland stets vom Libanon erzählt: als dem schönsten und friedlichsten Land der Welt. Ich muss das alles ausgeblendet haben, obwohl es allgegenwärtig und nicht zu übersehen war: die Hauswände einer vernarbten Stadt, Beirut, in den Neunziger Jahren, mit all den Ruinen am Wegrand, den Zeugnissen all der Gewalt, die hier geherrscht haben musste.

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Heute kann ich sagen: Hätte es den Krieg 2006 nicht gegeben, würde ich vermutlich noch immer so über den Libanon sprechen, und vielleicht auch schreiben. Doch jener Sommer hat alles für mich verändert. Ich wollte mehr über das Land, in dem mein Vater geboren war, wissen, mehr lesen, mehr mit den Menschen über das Vergangene sprechen. Und damit einher ging ein Wandel der Perspektive. Es war gleichzeitig schmerzhaft und heilsam zu realisieren, dass das Bild, das ich vom Libanon hatte, nur eine Oberfläche war. Darunter bis dahin verborgen: uralte Konflikte, Verdrängung. Die Weigerung einer Aufarbeitung.

Politisches System im Libanon ist einzigartig

Betrachtet man den Libanon, seine Geschichte, seine Gesellschaft, genauer, dann lernt man: Es gibt in diesem winzigen Land, das ja nur halb so groß ist wie Hessen, 18 unterschiedliche Religionsgemeinschaften. Religion und Politik sind dort nicht zu trennen. Das liegt an der Verfassung, die besagt: Der libanesische Präsident muss immer ein maronitischer Christ sein. Der libanesische Premierminister muss Sunnit sein. Der Parlamentssprecher Schiit. Die eine Hälfte der Sitze im Parlament ist für muslimische Gruppen bzw. "Parteien" reserviert (das sind Sunniten, Schiiten, Alawiten uvm.) die andere Hälfte für christliche (das sind Protestanten, Maroniten, Römisch-Katholische, Orthodoxe uvm). Das macht das politische System im Libanon weltweit einzigartig.

Das Problem: Das Land wird von mächtigen Clans regiert, ehemalige Warlords oder deren Nachkommen, die seit dem Ende des Bürgerkriegs an der Macht festhalten, und durch ein Amnestiegesetz vor Verfolgung geschützt sind. In den vergangenen Jahren haben sie das Land immer weiter kaputtgewirtschaftet, sich selbst immer weiter bereichert. Die Korruption grassiert. Schätzungen der Weltbank zufolge wird jeder zweite Libanese unterhalb der Armutsgrenze leben, wenn dieses Jahr vorbei ist.

"Echten Frieden hat es im Libanon nie gegeben"

Die verheerende Explosion im August hat die Lage der Menschen dramatisch verschlechtert. In Facebook-Foren tauschen sie Fernseher gegen Windeln, versuchen irgendwie an Nahrungsmittel zu kommen, um zu überleben. Dasselbe gilt für die rund 1,5 Millionen syrischen Geflüchteten, die das Land aufgenommen hat - das sind weltweit die meisten aufgenommenen Flüchtlinge pro Kopf.

Frieden wahren. Schwierig, denn bei genauer Betrachtung wird klar: Echten Frieden hat es in diesem Land nie gegeben. Selbst vor dem Krieg nicht. Frieden, das ist ja nicht nur Waffenstillstand oder die Abwesenheit von Gewalt. Frieden setzt Versöhnung voraus, und die kann nicht verordnet, nicht durch Verträge geregelt werden. An dieser Stelle wird wichtig, was ich oben angerissen habe: die Rolle des Geschichtenerzählens. Und die Rolle von Geschichte.

Ich war überrascht, als ich während meiner Recherchen erfuhr, dass es im Libanon kein Geschichtsbuch gibt, dass die Jahre des Bürgerkriegs abdeckt, und das in den Schulen gelehrt wird. Einfach, weil man sich nicht auf eine Geschichte einigen kann. Wo es 18 Religionsgemeinschaften gibt, gibt es 18 Erzählungen von Schuld und Unschuld. Es gibt also keine Basiserzählung, kein Fundament, auf das die Gesellschaft bauen kann, wenn es um den Blick nach vorne geht. Das hält Wut, Trauer, Vorurteile am Leben.

Nur Aufarbeitung kann zu Versöhnung und Frieden führen

Und trotzdem: Es gibt Hoffnung. Der Aspekt des Erzählens spielt auch hier eine Rolle. Denn es sind die Künstlerinnen und Künstler, oftmals nach dem Krieg Geborene, die Fragen über die Vergangenheit stellen. In Theaterstücken, in Literatur, in Filmen, in Street-Art-Gemälden, die überall in Beirut zu finden sind. Dem Schweigen über die Vergangenheit wird das Erzählen entgegengesetzt. Längst ist in dieser Nachkriegsgeneration, die sich jetzt in diesem Land ohne Perspektive, ohne Aussicht auf eine besser Zukunft wiederfindet, die Erkenntnis gereift, dass nur Aufarbeitung zu Versöhnung und somit zu einem Frieden führen kann, der über das Schweigen von Waffen hinausgeht. Und dann gibt es noch die Archive.

Als ich in Beirut zu meinem Roman "Am Ende bleiben die Zedern" recherchierte, begegnete ich Menschen, die - vielen Widerständen zum Trotz - ganze Archive aufgebaut haben. Darin versammelt: Dokumente aus Kriegszeiten, Zeitungsartikel, Zeugnisse über die Verschwundenen des Bürgerkriegs, mögliche Standorte von Massengräbern, Fakten über Fakten, die dabei helfen sollen zu zeigen: Dies ist unsere Vergangenheit. Sie verschwindet nicht, nur weil wir über sie schweigen.

Ein Gefühl von Machtlosigkeit

Es bewegt sich also etwas. Langsam, und manchmal nur im Verborgenen. Aber immerhin. Dass Veränderungen nötig, und auch gewollt sind, hat man zuletzt gesehen. Während der größten Demonstrationen in der Geschichte des Landes standen plötzlich Menschen Schulter an Schulter auf den Straßen, über alle religiösen Grenzen hinweg, um für einen Wandel zu demonstrieren. Wie dieser Wandel aussehen kann, ist aktuell jedoch offen. Und ob er friedlich herbeigeführt werden kann, auch.

Als sich im August die Explosion in Beirut ereignete, fühlte ich mich in das Jahr 2006 zurückversetzt. Erneut konnte ich vor dem Fernseher von Deutschland aus nur zusehen. Wie die Scherben zusammengekehrt wurden. Wie die Menschen wütend auf die Straße gingen, "Alle heißt alle" riefen, und meinten: Alle Regierenden müssen weg. Ich empfand dasselbe Gefühl der Machtlosigkeit wie 2006. Wobei, das stimmt nicht. 2006 war da auch Sprachlosigkeit. Inzwischen gibt es das Erzählen.

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