Ganz normal verrückt

HipHop und Dauerparty im Irrenhaus: Simon Solberg inszeniert „Einer flog über das Kuckucksnest” als etwas oberflächliches Event für ein begeistertes, junges Publikum
| Gabriella Lorenz
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Jean-Luc Bubert (unten liegend) macht sich als Randle P. McMurphy in „Einer flog über das Kuckucksnest“ zum unbestrittenen Anführer der Psychiatrie-Insassen.
Arno Declair Jean-Luc Bubert (unten liegend) macht sich als Randle P. McMurphy in „Einer flog über das Kuckucksnest“ zum unbestrittenen Anführer der Psychiatrie-Insassen.

Was ist eine Hackparty? Um das klarzumachen, hetzt Randle McMurphy seine Mitpatienten im Irrenhaus als gackernde Hühner aufeinander. Sie hacken so wild auf den Schwächsten ein, dass die Federn fliegen. Im Volkstheater inszenierte Simon Solberg „Einer flog über das Kuckucksnest” als rasante, lautstarke Action-Dauerparty. Damit kratzt er an der Patina, die Ken Keseys sozialkritischer Roman von 1962, Milos Formans Film mit Jack Nicholson von 1975 und Dale Wassermans Theaterfassung von 1977 angesetzt haben. Aber der Versuch, das Stück mit viel HipHop und plakativen Polit-Anspielungen ins Heute zu ziehen, bleibt in oberflächlicher Amüsierwut stecken, die auf jugendliches Publikum zielt. Das bedankte sich mit Premieren-Beifallsgekreisch.

Grau und steril ist Solbergs Bühne mit Gummimatten auf dem Boden und Polsterwürfeln. Die verwandelt Jean-Luc Bubert als Springteufel McMurphy binnen Kurzem in Chaos. Er hat sich zwangseinweisen lassen, um seine Knastmonate, so hofft er, lockerer in der Psychiatrie abzusitzen. Er mischt seine Mit-Irren auf, gegen das strenge Regime von Schwester Ratched zu rebellieren. Die erteilt als Stimme aus dem Off die Befehle: Frühstück! An die Arbeit! Gruppensitzung! Zu Gypsy-Brass-Rhythmen springen dann alle in die Luft und hechten los.

Jeder der sechs Insassen hat eine genau definierte Identität. Der opportunistische leitende Angestellte Harding (Jan Viethen, Solbergs Faust im Volkstheater) trägt seinen Kontrollzwang als Klopapierrolle am Gürtel. Der militärisch gedrillte Cheswick (Max Wagner) meldet sich immer „bei der Arbeit”. Martini (Johannes Schäfer hat auch die Musik zusammengestellt) rennt im Basketball-Shirt spastisch zuckend mit Fliegenklatsche herum und rappt sich den Frust von der Seele. Billy, der infantile, muttergeschädigte Jüngste (Justin Mühlenhardt), erlebt dank McMurphy seine sexuelle Initiation. Denn mit McMurphy kommt die Party im Irrenhaus an.

Nur Häuptling Bromden entzieht sich durch vorgetäuschte Taubstummheit. Özgür Karadeniz spielt eindringlich die nächtlichen Verfolgungsängste Bromdens, eine Videokamera zeigt sein Gesicht in Großaufnahme. Seine Sprachlosigkeit knackt McMurphy, und der massige Mann, der seiner Kraft nicht traut, übernimmt grotesk kostümiert die Nuttenrolle für Billy und traut sich am Ende, den hirnoperierten Freund vom Zombietum zu erlösen.

Jean-Luc Bubert gibt als aufmüpfiger McMurphy dem Affen Zucker: als Spielmacher, Showstar, Agitator, auch als Gefolterter, der schreiend an Elektroschock-Lampen hängt. Regisseur Solberg klotzt mit Pop-Musik von Michael Jackson über Björk bis Prodigy, mit unreflektiert stehengelassenen Fremdtext-Zitaten von Stéphane Hessels „Empört Euch!” bis Karl Marx’ „Kapital” und mit der überbordenden Spiellust seiner Darsteller. Nur erschlägt die wilde Action häufig den Text, und die Frage, wer in dieser Gesellschaft eigentlich die Normalen und die Verrückten sind, bleibt offen.

Volkstheater, 21. Mai, 7., 8., 19., 29. 6., 19.30 Uhr, Tel. 523 46 55

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