Fußball, Macht und Missbrauch

„Väterland“, der neue Roman von Martín Caparrós, schwankt zwischen flottem Feuilleton, schäbigem Krimi und grausamer Zeitgeschichte – ein erzählerisches Meisterstück
| Nino Maly-Motta
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Der argentinische Autor Martín Caparrós.
Susana Gonzalez Der argentinische Autor Martín Caparrós.

Argentinien, Buenos Aires – in welchem Jahr? Keine genauen Angaben sind zu finden. Doch wer genau liest und mit jenem detektivischen Spürsinn für das kleine Detail, für enthüllende Randbemerkungen oder wer schlicht empfänglich ist für die gängigsten Erscheinungen der Zeit, wer diesen großartigen Roman so durchleuchtet wie dessen Hauptfiguren bei der Klärung von zwielichtigen Intrigen vorgehen, der wird am Ende auch zu des Rätsels Lösung gelangen.

Die Autos tragen heute längst verklungene Namen („Packard“, zum Beispiel, für die Schlachtschiffe der Oberklasse), das Ganze findet also irgendwo in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts statt („Packard“ stellte die Produktion Anfang der 50er Jahre ein). Die Anzüge haben zudem breite Revers, die Bügelfaltenhosen fallen weit aus, man trägt Hüte mit breiter Krempe und bauschige Taschentücher, die Haare sind meist pommadiert und bevorzugt wird der taillierte Zweireiher – zwanziger, dreißiger Jahre vielleicht? Im fernen Deutschland, so berichten die argentinischen Zeitungen, ist ein Unbekannter namens Adolf Hitler überraschend zum Reichskanzler gewählt worden. „Wahnsinniger in Deutschland an der Macht. Die Welt in Sorge“, so die prophetische Schlagzeile der Tageszeitung „Crítica“. Buenos Aires, anno 1933 also.

Buenos Aires gleicht einem Pulverfass

Eine Stadt, die mehr einem Pulverfass gleicht. Tief in der Krise, durchdrungen bis ins Mark von Armut, Arbeitslosigkeit, Hunger und Korruption, das alles unter sengender argentinischer Sonne. Als Ablenkung, Volksdroge oder Opium für die verschwitzte Hoffnungslosigkeit dient der Fußball. Fußball ist in Argentinien Staatsangelegenheit und ausgerechnet jetzt, da er dringender denn je gebraucht wird, um die aufgebrachten, reizbaren Gemüter zu mildern, verschwindet der berühmteste Spieler des Landes aus ungeklärten Gründen.

Will der einst als Halbgott angehimmelte Bernabé nur seinen Verein River Plate erpressen, oder ist er am Ende doch in einen Mordfall verwickelt, dem ein Mädchen aus dem katholisch-konservativen Patriziertum zum Opfer fiel? Mitten in diesem Trubel befindet sich Andrés Rivarola, und das ursprünglich nur, weil er einem Freund, dem Kokaindealer des verschwundenen Fußballers, aus der Klemme helfen wollte. Rivarola ist ein gescheiterter Tangodichter, Mitte Zwanzig, träumerisch, träge; er sonnt sich unter dem zähen Lichte seiner Niederlage, weiß nicht recht, wohin mit sich, wirkt unbeholfen, zu nichts recht zu gebrauchen, hängt bis tief in die Nacht in den verkommenen Kneipen der Stadt umher und klagt am Morgen über dreckige Bettbezüge.

Ausgerechnet er fällt mitten hinein in die trübe und brandgefährliche Suppe politisch-wirtschaftlicher Machenschaft, wo ruinöses Hochbürgertum und mafiöse Politik, Verbrechen und Korruption zum Bündnis vereint werden, wo umstürzlerischer Kommunismus, erbarmungslose Traditionsliebe und zerstörerischer Patriotismus aufeinandertreffen und die Kämpfe blutig und in aller Öffentlichkeit ausgetragen werden. Ausgerechnet er muss Bernabé dazu überreden, einen neuen Vertrag mit seinem Verein zu unterschreiben, ausgerechnet er muss für Klarheit im Mordfall sorgen, den Täter ausfindig machen und den Zweifel beseitigen – da, wo es erwünscht ist.

Der Roman ist meisterhaft geschrieben

Mit dabei: Raquel, eine polnische Jüdin, die elegante Herrenanzüge und rotes Haar trägt, in den leicht exzentrischen Intellektuellenkreisen der Stadt verkehrt (eine Begegnung mit dem damals relativ unbekannten, von Eitelkeit zerfressenen Jorge Luis Borges wird an einer Stelle geschildert) und in Liebessachen ewig unentschlossen und unzuverlässig bleibt. Ist diese Nummer für diese beiden am Ende doch nicht zu groß? Zwei Jungdetektive, die der Wahrheit bis in ihre finstersten Ecken folgen und dabei mit dem Feuer spielen? Denn immerhin: „Das ist hier die Wirklichkeit, Junge. Schlimmer: Das ist Argentinien.“ So heißt es an einer Stelle. Martín Caparrós neuer Roman ist jedoch weit mehr als nur eine prickelnde Spurensuche.

Er ist vor allem eines: meisterhaft geschrieben. Er beherrscht sie nahezu alle, die kleinen Feinheiten hoher Erzählkunst; die Balance von heiterer, etwas schäbiger, intelligent-amüsanter Kolportage und großem erzählerischen Feingefühl ist in diesem Roman glücklich gelungen. Truman Capote für die flotte, feuilletonistische Bündigkeit, Fernando Pessoa für die tiefe existenzielle Suche und Verlorenheit und Gabriel García Márquez für den langen Atem, den man zur einfühlsamen Darstellung menschlicher Not und Schläue braucht – zwischen diesen Autoren pendelt Caparrós Erzählkunst, in deren Nähe hält er sich auf. Martín Caparrós lebt in Buenos Aires und Madrid. Er zählt zu den einflussreichsten Autoren der spanischsprachigen Welt. „Väterland“ steht diesem vielfach ausgezeichneten Renommee in keinster Weise nach, im Gegenteil: Es dient ihm zur Bestätigung.


Martín Caparrós: „Väterland“ (Wagenbach, 288 Seiten, 22 Euro)

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