Filmfestspiele Venedig: Ist Vergebung möglich?

Sätze zum Nachdenken fallen nicht nur in Filmen. Jane Fonda hat mit 88 Jahren auf einer Gala im Teatro Goldoni gesagt: "Die afroamerikanische Gesellschaft hat die autoritären Züge der amerikanischen Demokratie schon immer gekannt, nur die weißen Amerikaner nicht."
Nur für sie sei es neu, damit jetzt in der Ära Trump konfrontiert zu werden, sagte Fonda bei der Verleihung der Preise der DvF-Stiftung, der Diane von Furstenberg vorsitzt. Personen sollen ins Licht gerückt werden, damit ihr gesellschaftliches Engagement vorankommt. Jane Fonda wurde geehrt und die französische Aktivistin gegen sexuelle Gewalt, Gisèle Pelicot.
Filme erfüllen auch eine gesellschaftliche Funktion, wenn sie Fragen stellen oder aufrütteln. Natürlich kann man nach fünf von 21 Wettbewerbsfilmen noch nicht sagen, ob es ein beherrschendes Thema gibt. Aber bisher wäre es: Vergebung.
Der japanische Regisseur Shinya Tsukamoto hat das anhand eines afroamerikanischen Vietnamveterans erzählt. Allen Nelson ist jung in den Krieg geschickt worden. Als er zurückkommt, leidet er unter massiven psychischen Folgen, hat Flashbacks, stürzt in die Obdachlosigkeit ab. Eine alte Schulkameradin, Grundschullehrerin geworden, sieht ihn auf der Straße und lädt ihn in eine Klasse ein, um vom Krieg zu berichten – und eine nette Schülerin fragt am Ende die Frage aller Fragen: "Mr. Nelson, did you kill people?" Allen Nelson (Rodney Hicks) wird sich in psychologische Behandlung begeben – und später in seinem Leben Vorträge über Kriegserfahrungen halten – auch auf Reisen, die ihn zurück nach Vietnam bringen, vor Leuten, die in seiner Jugend zu Untermenschen erklärt worden waren, damit man besser auf sie schießen oder sie foltern konnte.
Seneca und Spinoza
Tsukamoto erzählt die Kriegsgeschichten so hart, wie man es aus Coppolas "Apocalypse Now" kennt. Und der Film wäre ein richtig guter Film über die große Frage, wie man Schuld psychisch heilen kann, ob die anderen einem vergeben und ob man sich selbst vergeben kann. Aber oft wirkt der Film zu didaktisch, manchmal überdeutlich, um frei auf den Zuschauer einwirken zu können. Dennoch konnte man am Ende so schnell nicht wieder zur Tagesordnung übergehen.

Philosophisch hat Paul Schrader das Thema "Vergebung" außerhalb des Wettbewerbs angepackt. Martin Scorsese, der als Regisseur vor 50 Jahren Schraders Drehbuch zu "Taxi Driver" verfilmte, hat "The Basics of Philosophy" produziert: Es geht um einen liberalen, eitlen, aber sympathischen Philosophieprofessor (Jack Huston).
Ihn holt die Vergangenheit wieder ein, weil er vor Jahrzehnten - als damals junger Klavierlehrer - einen 14-jährigen Schüler sexuell missbrauchte. Es geht wieder um die Frage, ob man ein Verbrechen als Opfer vergeben kann und ob man es sich selbst vergeben kann.

Das wäre spannend gewesen, aber Schrader gelingt es nicht, psychologisch Klarheit in seine Geschichte zu bringen: Man rätselt andauernd über die Motive der Hauptfiguren, kann nicht einordnen, was sie moralisch bewegt, woher die Lebensmüdigkeit des Professors kommt: Schuldgefühle, Feigheit, die Frage, ob er ein falsches Leben führt? Dafür erfährt man einiges über Seneca und Spinoza – immerhin.
Die Empathie wächst beim Zuschauen
Und dann gab es noch den Wettbewerbseitrag des Franzosen Cédric Kahn: "15/18". Und der wirkt als Spielfilm so dokumentarisch, dass er gar keine Wertung vornimmt. Man ist spannende anderthalb Stunden in einer geschlossenen Abteilung der Psychiatrie für Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren. Der Film ist dabei aber selbst nicht depressiv, sondern schaut auf Jugendliche, die – oft mit traumatischen Erfahrungen –wieder auf einen lebbaren Weg gebracht werden sollen: mit ärztlicher Professionalität, aber auch Empathie, so dass man auf eine bessere Zukunft für diese Jugendlichen hofft, die man in diesem Film wirklich glaubt, gut kennengelernt zu haben. Welche Moral dieser Film hat? Keine direkte, aber man spürt in sich beim Zuschauen die Empathie stetig wachsen.
Mit diesem positiven Gefühl gehen die 83. Filmfestspiele von Venedig in ihr Zentralwochenende. Robert Pattinson wird kommen, die Brüder Liam und Noel Gallagher werden erwartet, weil der Dokumentarfilm "Oasis – Never Look Back in Anger" Premiere hat. Und vielleicht taucht auch noch Al Pacino auf für die Nachtpremiere von "Father Joe", wo er - ganz klassisch – einen Mafiaboss in New York spielt.