Faul sein und Grass lesen

Aus dem Leben eines Kritikers: Joachim Kaisers „Ich bin der letzte Mohikaner“. Gewidmet ist das Buch des Kaisers, der als meistabgeschriebener Musikkritiker Deutschlands gilt, seiner an Krebs verstorbenen Frau Susanne.
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Ein Gemeinschaftswerk mit Tochter Henriette: Joachim Kaisers Memoiren spiegeln die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit.
dpa Ein Gemeinschaftswerk mit Tochter Henriette: Joachim Kaisers Memoiren spiegeln die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit.

Aus dem Leben eines Kritikers: Joachim Kaisers „Ich bin der letzte Mohikaner“. Gewidmet ist das Buch des Kaisers, der als meistabgeschriebener Musikkritiker Deutschlands gilt, seiner an Krebs verstorbenen Frau Susanne.

Ein hoffnungvoller, von der auf schnelle Euros bedachten Musikindustrie gehypter Pole betritt das Podium des Herkulessaals. Er nimmt sich mit den 24 Préludes von Chopin gleich das Schwerste vor. Nach der ersten dieser Miniaturen, die kaum eine halbe Minute dauert, seufzt Joachim Kaiser melancholisch: „Ach ja!“.

Der meistabgeschriebene Musikkritiker

Knapper konnte es nicht gesagt werden. Auch wenn man anderer Meinung gewesen wäre: Seine Klavier- und Chopin-Autorität zählt. Kaisers vergriffener, in Antiquariaten mittlerweile teuer gehandelter Interpretationsvergleich zu den Beethoven-Sonaten ist unübertroffen, die zweibändige Sammlung „Erlebte Musik“ ein Klassiker. Da ist es kein Wunder, dass Kaiser als meistabgeschriebener Musikkritiker Deutschlands gilt.

Wir bekennen uns schuldig, ihn sogar abgehört zu haben, als ein Russe alle Beethoven-Konzerte in der Philharmonie bot. Danach wollte eine Dame Kaisers Meinung wissen. Er erklärte, der nicht mehr ganz junge Lockenkopf sei eigentlich ein Autist. Da Kaiser so etwas Grobes nie schreiben würde, wurde das treffende Wort für diese Zeitung erbeutet. Das kommt davon, wenn Veranstalter alle Kritiker in die gleiche Reihe setzen.

Natürlich konnte man sich über Kaiser auch gewaltig ärgern, etwa als er 1981 Herbert Wernickes „Fliegenden Holländer“ verriss, weil er die brausende See vermisste. Regietheater mag er nicht. Da streitet er sich auch mit Tochter Henriette, die ihm half, pünktlich zum 80. Geburtstag mit Kritiken durchsetzte Erinnerungen an ein kultursattes Leben aufzuschreiben. Da die beiden dort aber über den schwachen „Hamlet“ von Lars-Ole Walburg an den Kammerspielen zanken, hat der Vater allzu leichtes Spiel.

Wien ist seine Lieblingsstadt

Gewidmet ist das Buch Kaisers 2007 an Krebs verstorberener Frau Susanne. Eine wunderbare Geistesmenschen-Anekdote eröffnet den Band. Die ganze Familie, einschließlich Hund und Katze, schleichen auf leisen Sohlen, weil Kaiser im Schaukelstuhl den neuen Grass rezensiert. Dann platzt die rumänische Zugehfrau ins Arbeitszimmer und sagt: „Heute nix Arbeit? Zu Hause bleiben? Faul sein und lesen?“. Als ob „Die Rättin“ nicht mindestens so anstrengend wäre wie Holzfällen in den Karpaten.

Sogar die „New York Times“ wollte Kaiser einmal abwerben. Aber er blieb in München, obwohl Wien eigentlich seine Lieblingsstadt ist. Ins Konzert geht er nicht mehr so oft wie früher. Was verständlich ist: Wenn er den Herkulessaal mit Taschenpartitur und bunten Faserschreibern bewaffnet betritt, stürzt sich der Veranstalter gleich auf ihn, möchte am liebsten ein Kissen bringen. Und die Abonnenten auf den Plätzen nebenan wollen auch sofort seine Meinung zu diesem und jenem wissen, weil er als gedruckter Bestandteil des Frühstückstischs zur Familie gehört.

Kaiser feiert erst am 18. Dezember seinen Ehrentag. Da vorzeitige Gratulationen unfein sind, wünschen wir vorläufig nicht ihm, sondern uns was: Im gleichen Alter noch so begeisterungsfähig zu sein.

Robert Braunmüller

Henriette und Joachim Kaiser: „Ich bin der letzte Mohikaner“ (Ullstein, 352 S., 24.90 Euro)

Die CDs zum Buch

Man muss Arbeit in die Hochkultur investieren“, sagt Joachim Kaiser. Da wundert es einen ein bisschen, dass der „letzte Mohikaner“ des Bildungsbürgertums das musikalische Abendland in handliche Schnipsel zu zerlegen wagt.

Andererseits: Leicht macht es Kaiser dem Hörer nicht. Sein Lieblings-Wagner etwa ist keiner der bekannten Hits, sondern ein selten finsterer Winkel aus dem zweiten Akt der „Götterdämmerung“. Auf diesen abseitig-düsteren Ausschnitt muss man erst kommen. Aber es ist ein ungemein typisches Stück Wagner’scher Instrumentierungskunst.

Kaisers Hausheilige Schubert, Schumann und Brahms fehlen ebensowenig wie Karajan, Horowitz, Dinu Lipatti und Artur Rubinstein. Nur eins ist wirklich schade: Es fehlt ein Ausschnitt aus den völlig verkannten Mozart-Streichquintetten, auf die Kaiser vor Jahren einmal in einem wunderbaren Essay aufmerksam machte.

„Ich bin der letzte Mohikaner“. Kaisers Lieblingsaufnahmen, Deutsche Grammophon

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