Fans hielten den Kontakt: Umstrittener Auftritt von Xavier Naidoo in der Olympiahalle
Die Raunächte sind vorbei. Eigentlich sollten die bösen Geister und Dämonen verjagt sein. Doch jemand, der sich mit den Geistern seiner eigenen Vergangenheit noch immer herumschlagen muss, ist Xavier Naidoo. Während draußen vor der Olympiahalle die Fans nach dem Schneefall in die Arena schlitterten, stand drinnen ein Mann auf der Bühne, der vor einigen Jahren ganz anders den Halt verlor: durch sein Abgleiten in Verschwörungsmythen und Narrative, die vielfach als antisemitisch kritisiert wurden.
Die Stadtratsfraktion Die Linke/Die Partei kritisierte die Bühne, die der Olympiapark dem Künstler bietet. Trotzdem rissen sich Fans um die Tickets, die Halle ist an zwei Abenden ausverkauft. Der Künstler habe sich schließlich in einem rund dreiminütigen Video entschuldigt. Eigentlich, so argumentieren viele, solle es an diesem Abend um die Musik gehen und die ist tatsächlich außergewöhnlich.
Xavier Naidoo in München: Leicht verspätet bei Schneefall
Mit rund 30 Minuten Verspätung, bedingt durch den Schneefall, betrat Naidoo die Bühne. Auf den ersten Blick wirkte der Mannheimer im langen Mantel gut gealtert. Die Mütze saß, die getönte Sonnenbrille auch. Eine große Videoleinwand zeigte mal den Künstler, mal die fünfköpfige Band samt DJane, mal das selig mitsingende Publikum. Die Bühne selbst: modern und luftig, mit beweglichen Elementen. Ein Teleprompter für die Texte war gut versteckt, ein stilles Detail nach langer Bühnenpause.

Schwungvoll begann er mit „Bei meiner Seele“. Kein Pfeifkonzert, keine Zwischenrufe, kein hörbarer Protest. „Alles kann besser werden“ und „Mut zur Veränderung“ sang der Soul-Star. Zeilen, die sich an diesem Abend fast wie ein unausgesprochenes Versprechen lesen ließen. Die Hoffnung auf einen versöhnlichen Abend lag spürbar in der Luft. Und der Star taute mit jedem weiteren Song immer mehr auf.
Xavier Naidoo Fans üben das Vergessen
Auf den Rängen saß ein bunt gemischtes Publikum, viele sind mit Naidoos Songs groß geworden. Und sie übten das Vergessen. Vergessen schien, wie sich der Künstler in den vergangenen Jahren von einer der größten Stimmen im deutschen Pop zu einem Querdenker wandelte. Er polemisierte gegen Corona-Maßnahmen und postete Erzählungen bei Telegram, die als verschwörungsideologisch und antisemitisch konnotiert eingeordnet wurden. An diesem Abend jedoch war davon auf der Bühne nichts zu hören. Und es begann das altbekannte Muster im Kopf: den Künstler von der Musik zu trennen.

Über die Musik muss gewiss gesprochen werden. Die war, nüchtern betrachtet, grandios. Diese Stimme, dieser Soul, diese mühelose Präsenz, das hat in dieser Form kaum ein anderer deutscher Künstler so selbstverständlich im Blut. Naidoo sang meist mit geschlossenen Augen, traf auch nach über zwei Stunden nahezu jeden Ton, besonders in den ruhigen Balladen. Besser geht es im Deutschpop nicht.
Es war allerdings keine ausgelassene Stimmung, eher ein konzentriertes Lauschen. Fast so, als hätte man auf dem Dachboden eine alte Plattensammlung gefunden und hörte sie nun bewusst, Stück für Stück. Keine Outfitwechsel, kein Feuerwerk, keine Effekthascherei. Viele Songs überschritten locker die Drei-Minuten-Marke.
Musikalisch gekonnt: Naidoo zeigt sich kompetent
Immer wieder zeigte Naidoo dankbar auf seine perfekt eingespielte Band, rief „Wow“ oder „grandios“ und ließ die Namen aller Beteiligten wie bei einem Filmabspann über die Leinwand flimmern, vom Busfahrer bis zum Koch. Der Mann wirkte … und jetzt festhalten … richtig sympathisch.
Aber es blieben eben immer wieder diese Geschichten vom Sänger im Hinterkopf. Man nahm sich vor, nicht mitzusingen. Spoiler: Man sang dann doch mit. Man wollte trotzig mit verschränkten Armen dasitzen, warten, vielleicht sogar darauf hoffen, dass der Sänger sich erklärt, sich ehrlich entschuldigt, irgendetwas sagte, das über die Musik hinausgeht. Spoiler zwei: Naidoo entschuldigte sich nicht. Er erklärte sich nicht. Zwischenansagen blieben die Ausnahme. Nur vor „Was wir alleine nicht schaffen“ witzelte er: „Wo wart ihr die ganzen Jahre? Habe ich was verpasst?“ - eine fast schon höhnische Bemerkung.
Dann prasselten sie nieder, diese Erinnerungen, wie ein Feuerwerk. Der erste große Liebeskummer bei „Sie sieht mich nicht“. Die kollektive Euphorie des Sommermärchens 2006. Bei „Dieser Weg“ trug man innerlich wieder das Schweinsteiger-Trikot, bei „Abschied nehmen“ kämpfte man mit einem dicken Kloß im Hals, egal, wie sehr man sich dagegen wehrte.

Vielleicht funktionierte das alles in der Olympiahalle so intensiv, weil diese Songs aus dem öffentlichen Raum weitgehend verschwunden sind. Sie laufen kaum noch im Radio, tauchen selten in Playlists auf. Man hört sie nicht beiläufig. Man hört sie bewusst. Und genau dadurch entfalten sie eine Kraft, die überrascht. Und irritiert.
Bekommt Xavier Naidoo eine zweite Chance?
Wäre Xavier Naidoo jemand aus dem eigenen Freundeskreis gewesen, man hätte den Kontakt vermutlich irgendwann abgebrochen. Nicht aus Trotz, nicht aus Empörung, sondern aus Erschöpfung. Weil manche Dinge keine bloßen „anderen Meinungen“ sind. Weil Worte Konsequenzen haben.
Ob der Sänger eine zweite Chance bekommen soll, beantwortete an diesen Abenden wohl die ausverkaufte Halle selbst. Die Fans haben den Kontakt nicht abgebrochen. Sie unterstützten ihn mit Ticketpreisen ab rund 65 Euro, auf einem Weg zurück in eine Gesellschaft, die ihn eigentlich schon verlassen hatte.
So blieb trotz musikalischer Extraklasse nach den letzten Klängen von “Ich kenne nichts” etwas stehen, das sich nicht überhören lässt: Narrative, die als antisemitisch kritisiert wurden, lassen sich auch mit den schönsten Balladen nicht wegsingen. Nicht relativieren. Nicht mit drei Minuten Entschuldigungsvideos aus der Welt räumen. Schon gar nicht an einem Konzertort, von dem es nur wenige Kilometer bis nach Dachau sind. Das Internet vergisst nichts. Und wir sollten es auch nicht. Christoph Streicher
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