Enoch zu Guttenberg im Herkulessaal
Irgendwann musste dieser glühende Bekenntnismusiker bei Schostakowitsch landen. Dessen Musik ist so beredt wie Enoch zu Guttenbergs Dirigieren, der in jeder Musik eine ethische Botschaft entdeckt, die er mit flammendem Engagement dem Zuhörer predigt.
Zielsicher wählte der Dirigent mit der Dreizehnten die querköpfigste von Schostakowitschs Symphonien: Sie gedenkt im ersten Satz des ungeheuerlichen Massenmords der Deutschen Wehrmacht an den Kiewer Juden in Babi Jar und wehrt sich gegen den russischen Antisemitismus. Die übrigen Sätze enthalten ein Selbstporträt des Komponisten als grimmigem Spötter und schildern nach Gedichten von Jewgeni Jewtuschenko erstaunlich offen die Zwänge im Leben eines Sowjetmenschen.
Guttenberg meisterte den ätzenden Sarkasmus des 1962 in Moskau gegen beträchtliche Widerstände uraufgeführten Werks. Das Orchester der Klangverwaltung wütete mit schneidender Kraft und einer staunenswerten Perfektion, als sei diese Musik ihr Tagesgeschäft. Schostakowitschs Zorn wurde nicht übersteuert, die wenigen fahlen Blümchen im Finale blieben gottlob unzertrampelt. York Felix Speers Bass dürfte für diese Musik etwas zu weich sein. Aber er machte dies und einige paar Kratzer durch Engagement wett. Prächtig der wuchtige Männerchor der Chorgemeinschaft Neubeuern. Gesungen wurde im Sinn der Botschaft wortverständliche auf deutsch, wie es der Absicht des Komponisten entspricht.
Davor dirigierte Guttenberg die Unvollendete, als sei sie von Mahler. Er spitzte Schuberts Melancholie zur Tragik zu und setzte auch das Andante con moto in ein fahles Zwielicht. Auf ein paar Wackler kam es nicht an. Denn dieser dirigierende Freigeist hat einfach mehr zu sagen als viele glatte Perfektionisten. Das macht seine Aufführungen jedes Mal so aufregend.
Robert Braunmüller