Endlich Herzlichkeit statt Neutralität

Robert Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“ unter Simon Rattle im Herkulessaal. Mit diesem edelkitschigen Werk gab der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker sein Debüt beim Bayerischen Rundfunk.
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Simon Rattle probt im Herkulessaal mit den Konzertmeistern Radoslaw Szulc und Florian Sonnleitner
Astrid Ackermann Simon Rattle probt im Herkulessaal mit den Konzertmeistern Radoslaw Szulc und Florian Sonnleitner

Robert Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“ unter Simon Rattle im Herkulessaal. Mit diesem edelkitschigen Werk gab der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker sein Debüt beim Bayerischen Rundfunk.

Diesen Edelkitsch als Meisterwerk zu verkaufen, ist noch schwieriger, als dem Eskimo einen Eisschrank anzudrehen. In München haben Nikolaus Harnoncourt und Giuseppe Sinopoli bereits das Unmögliche unternommen. Doch bei aller von ihnen aufgewandter Liebe: Zweifel blieben, dass es sich bei „Das Paradies und die Peri“ um einen Schumann vom Rang der „Kreisleriana“ oder der Symphonien handle.

Nun wagte Simon Rattle einen weiteren Versuch mit diesem Oratorium, das er für ein Meisterwerk hält. Es gelang ihm, seine Überzeugung den Mitstreitern so rückhaltlos zu übermitteln, dass der Funke auch ins Publikum übersprang. Für die Dauer der Aufführung schwanden alle Vorbehalte, weil dem Stargast zuliebe alles gegeben wurde.

Dennoch wurde nicht mit unbändiger Kraft drauflosmusiziert, wie es dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Überschwang leider öfter passiert. Vom ersten Takt an dämpfte Rattle mehr, als anzufeuern und übersetzte so das eigentlich ungenießbare Sentiment des Werks in eine zart blühende Empfindsamkeit.

Optimale Besetzung

Auch der mit eleganter Energie betörende Chor des Bayerischen Rundfunks wahrte diese kammermusikalische Zurückhaltung. Wandlungsfähig verkörperte er in dieser in orientalischen Gefilden spielenden Kopf-Oper ätherische Engel ebenso glücklich wie wilde Krieger und zarte Geister des Nils. Obwohl der Schluss des zweiten Teils noch eine Spur inniger vorstellbar wäre, gelang Sally Matthews als Peri eine Glanzleistung. Topi Lehtipuu als Erzähler, Kate Royal und die immer wieder ihren dirigierenden Gatten melancholisch anhimmelnde Magdalena Kozená standen ihr in nichts nach.

Rattle mag bei Brahms und kompakterer Spätromantik immer wieder mit Neutralität enttäuschen. Für Schumanns zerbrechlichen Enthusiasmus ist er der richtige Mann. Die ihm vom Podium und dem Publikum entgegenschlagende Herzlichkeit wird ihn gewiss zu weiteren Ehrenrettungen heikler Werke für den Bayerischen Rundfunk veranlassen. Und wen die Füße halbwegs tragen, sollte die letzte Aufführung der „Peri“ am heutigen Samstag nicht verpassen.

Robert Braunmüller

Herkulessaal, Sa, 20 Uhr, nur noch 180 Stehplätze zu 5 Euro ab 19 Uhr an der Abendkasse

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