Eine Reise ins Unbekannte

Am Sonntag kommt in der Bayerischen Staatsoper ein Doppelabend aus Maurice Ravels „L’enfant et les sortilèges” und Alexander Zemlinskys „Der Zwerg” in Grzegorz Jarzynas Inszenierung heraus
| Robert Braunmüller
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Das Kind (Tara Erraught) möchte keine Schularbeiten machen, sondern lieber unartig sein.
Wilfried Hösl 16 Das Kind (Tara Erraught) möchte keine Schularbeiten machen, sondern lieber unartig sein.
Als seine Mutter es bestraft, schlägt das Kind die Gegenstände in seinem Zimmer kaputt.
Wilfried Hösl 16 Als seine Mutter es bestraft, schlägt das Kind die Gegenstände in seinem Zimmer kaputt.
Doch die Gegenstände und Tiere nehmen plötzlich menschliche Züge an: Der Sessel und die Bergere wollen dem Kind zukünftig keinen Platz mehr anbieten.
Wilfried Hösl 16 Doch die Gegenstände und Tiere nehmen plötzlich menschliche Züge an: Der Sessel und die Bergere wollen dem Kind zukünftig keinen Platz mehr anbieten.
Die Standuhr kann nicht mehr aufhören zu läuten und normal die Stunden zählen.
Wilfried Hösl 16 Die Standuhr kann nicht mehr aufhören zu läuten und normal die Stunden zählen.
Die Wedgwood-Teekanne und die chinesische Tasse streiten sich und gehen aufeinander los.
Wilfried Hösl 16 Die Wedgwood-Teekanne und die chinesische Tasse streiten sich und gehen aufeinander los.
Ein altes Männchen und wild durcheinander gewürfelte Zahlen erscheinen, die dem Kind Satzfetzen von Rechenaufgaben aus dem Mathematikbuch an den Kopf werfen.
Wilfried Hösl 16 Ein altes Männchen und wild durcheinander gewürfelte Zahlen erscheinen, die dem Kind Satzfetzen von Rechenaufgaben aus dem Mathematikbuch an den Kopf werfen.
Aus den zerrissenen Seiten des Märchenbuchs steigt die Prinzessin auf, in der das Kind im Traum seine erste Liebe erkannt hat.
Wilfried Hösl 16 Aus den zerrissenen Seiten des Märchenbuchs steigt die Prinzessin auf, in der das Kind im Traum seine erste Liebe erkannt hat.
Das Eichhörnchen wirft dem Kind vor, es nur wegen seiner schönen Augen in den Käfig gesperrt zu haben, und warnt den Laubfrosch vor einem ähnlichen Schicksal. Als das Kind jedoch Mitleid zeigt, sind die Tiere gerührt und rufen gemeinsam nach dessen Mutter.
Wilfried Hösl 16 Das Eichhörnchen wirft dem Kind vor, es nur wegen seiner schönen Augen in den Käfig gesperrt zu haben, und warnt den Laubfrosch vor einem ähnlichen Schicksal. Als das Kind jedoch Mitleid zeigt, sind die Tiere gerührt und rufen gemeinsam nach dessen Mutter.
Der Komponist Alexander von Zemlinsky (Wien 1871 - New York 1942) komponierte Anfang der 1920er Jahre die Oper "Der Zwerg".
16 Der Komponist Alexander von Zemlinsky (Wien 1871 - New York 1942) komponierte Anfang der 1920er Jahre die Oper "Der Zwerg".
Der Haushofmeister Don Estoban (Paul Gay) steckt in den Vorbereitungen zu einem großen Fests...
Wilfried Hösl 16 Der Haushofmeister Don Estoban (Paul Gay) steckt in den Vorbereitungen zu einem großen Fests...
...zu Ehren des 18. Geburtstags der schönen spanischen Infantin Donna Clara (Camilla Tilling).
Wilfried Hösl 16 ...zu Ehren des 18. Geburtstags der schönen spanischen Infantin Donna Clara (Camilla Tilling).
Neben vielen prachtvollen Geschenken, so erzählt Don Estoban den Zofen, soll der Höhepunkt des Fests ein hässlicher Zwerg sein.
Wilfried Hösl 16 Neben vielen prachtvollen Geschenken, so erzählt Don Estoban den Zofen, soll der Höhepunkt des Fests ein hässlicher Zwerg sein.
Während der Zeremonie tritt der Zwerg auf. Dieser jedoch weiß nichts von seiner Hässlichkeit – er wähnt sich als schönen Ritter.
Wilfried Hösl 16 Während der Zeremonie tritt der Zwerg auf. Dieser jedoch weiß nichts von seiner Hässlichkeit – er wähnt sich als schönen Ritter.
Allein mit der Infantin gesteht er ihr seine Liebe, die sie scheinbar erwidert.
Wilfried Hösl 16 Allein mit der Infantin gesteht er ihr seine Liebe, die sie scheinbar erwidert.
Schließlich erblickt sich der Zwerg im Spiegel und erkennt seine Hässlichkeit.
Wilfried Hösl 16 Schließlich erblickt sich der Zwerg im Spiegel und erkennt seine Hässlichkeit.
Als die Infantin wiederkommt, bezeichnet sie ihn als lachhaftes Ding und geht schließlich zurück zum Tanz. Der Zwerg stirbt.
Wilfried Hösl 16 Als die Infantin wiederkommt, bezeichnet sie ihn als lachhaftes Ding und geht schließlich zurück zum Tanz. Der Zwerg stirbt.

Vor 30 Jahren begann von Hamburg aus die Wiederentdeckung der Opern von Alexander Zemlinsky und Franz Schreker. Die Opernintendanten unserer schönen Stadt duldeten jedoch noch nie einen Gott neben Richard Strauss.

Auch diesmal wäre es fast schief gegangen: Der Regisseur Grzegorz Jarzyna wollte eigentlich „L’enfant et les sortilèges” von Maurice Ravel als postmodernes Wahrnehmungs-Experiment nach der Pause in einer zweiten Inszenierung noch einmal zeigen. Aber Nikolaus Bachler überzeugte ihn, diese Kurzoper durch Zemlinskys „Der Zwerg” zu ergänzen.

Beide Stücke passen gut zusammen und bilden dennoch einen Gegensatz. Bei Ravel sagt der deutsche Titel ,Das Kind und der Zauberspuk’ bereits alles über die Geschichte: Zerstörte Spielsachen bessern ein zorniges Mädchen. „Zemlinskys Oper ist dazu eine Art Fortsetzung”, sagt Jarzyna. „Sie erzählt von Ängsten und Sehnsüchten der Pubertät. Beide Geschichten handeln von der Schwierigkeit, Gefühle zu kontrollieren.”

Musikalisch sind die beiden kurz nach 1920 entstandenen Werke recht verschieden. „Mit seinem Stil-Mix könnte Ravels Oper auch aus der Postmoderne stammen”, meint der Regisseur. „Zemlinsky kommt stärker auf den Punkt. Seine Musik ist einerseits üppig wie Mahler, aber schwieriger zu lieben, weil die Melodien abbrechen. Es sind Klänge des Leidens.”

Auf der Akademie des Papstes

Zemlinsky vertonte eine Erzählung von Oscar Wilde: Eine Prinzessin erhält einen Zwerg zum Geschenk, der von seiner Hässlichkeit nichts weiß und sich tragisch in sie verliebt. „Ich sehe ihn als einen normalen, sensiblen Mann”, erzählt Jarzyna. „Er ist geradeheraus mit seinen Gefühlen, scheitert aber an der Prinzessin und ihrem Ehrgefühl.”

Bei „L’enfant et les sortilèges” hat er einen Berufskollegen als stumme Rolle hinzugefügt. „Er ist kein Selbstporträt, obwohl es ihm ähnlich wie mir ergeht: Er versucht die Kontrolle zu behalten, obwohl ihn die Musik in sich hineinzieht. Mir geht es ähnlich: In der konkreten Arbeit zwingen mich die Sänger, ihre Gefühle und der Klang ständig, mein Konzept zu ändern.”

Jarzynas Biografie verlief auch nicht nach Plan: Weil in Krakau Regie erst als Zweitstudium möglich war, besuchte er die Päpstliche Theologische Akademie: „Das dortige Beharren auf den Dogmen und der Macht der Kirche hat mich von ihr entfremdet”, der Jarzyna, der seit 1998 mit dem durch „Eugen Onegin” bekannten Regisseur Krzysztof Warlikowski das Warschauer Teatr Rozmaitosci leitet. Dort entstand auch Jarzynas erstes Musiktheater, eine Montage aus Mozarts „Don Giovanni” und dem „Don Juan” von Molière. Derzeit lernt er Deutsch, weil er das Vertrauen in Opernübersetzungen verloren hat. Dem Musiktheater will er sich nicht dauerhaft verschreiben: „Ich verstehe das vorläufig als Reise ins Unbekannte.”

Robert Braunmüller

Wieder am 3., 6., 13., 20. 3. Karten: Tel. 21 85 19 20

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