Eine kräftige Watschn für die Musikhauptstadt München

Sensationell: Salvatore Sciarrinos Oper „Luci mie traditrice” im Stadttheater Landshut
| Marco Frei
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Die Ausstattung sieht wegen ihrer Waben ein wenig nach "Dalli Dalli" aus, aber darin ereignet sich aufregendes modernes Musiktheater
Landestheater Niederbayern Die Ausstattung sieht wegen ihrer Waben ein wenig nach "Dalli Dalli" aus, aber darin ereignet sich aufregendes modernes Musiktheater

Sensationell: Salvatore Sciarrinos Oper „Luci mie traditrici” im Stadttheater Landshut

Für München ist es ziemlich peinlich, dass man in die benachbarte „Provinz“ fahren muss, um die großen Opern von Salvatore Sciarrino zu erleben. Im Falle des Zweiakters „Luci mie traditrici“, den der 1947 geborene Italiener zwischen 1996 und 1998 schuf, war das schon zweimal der Fall. Bereits 2002 war die Oper bei den Tiroler Festspielen in Erl unter Tito Ceccherini zu sehen. Die Produktion liegt beim Label Stradivarius auf CD vor, es ist eine von mittlerweile drei Gesamtaufnahmen. Und nun hat das Landestheater Niederbayern die erste bayerische Produktion dieses Meiserwerks gestemmt. In Passau fiel der Startschuss, jetzt folgt Landshut.

Mit "Luci mie traditrici" ("Mein trügerisches Augenlicht") hat Sciarrino das Musiktheater erneuert. Das gilt vor allem für den Gesang. Der Komponist reflektiert den Vokalstil der Renaissance: Lange Haltetöne münden in eine schnelle Figuration, die Vokale werden betont. Dieses singende Rezitativ vereint Gesang und Sprechen, was ein Kammerensemble im Graben fortführt. Im stillen Keuchen, Stöhnen, Ächzen und Zittern der Instrumente steigert sich das tödliche Drama.

Es erinnert an das Leben des Komponisten Carlo Gesualdo, der einst seine Frau und ihren Liebhaber ermorden ließ. Bei Sciarrino sieht ein unsichtbarer Diener (Nikolaus Meer), wie eine Frau (Mandie de Villiers-Schutte) mit einem Gast des Hauses (Countertenor Roland Schneider) ihren Ehemann (Ekkehard Abele) betrügt. Oder ist das nur Eifersuchtswahn?

Sciarrino lässt es offen. Mit dieser Reibung von Sein und Schein arbeitet auch Regisseur Roland Schwab. Der Höhepunkt der niederbayerischen Sciarrino-Produktion ist jedoch die Musik: Obwohl das Orchester keine regelmäßige Erfahrung mit Neuer Musik hat, wird unter Kai Röhrig die Partitur mit größter Sorgfalt und Liebe zum Detail packend verlebendigt. Es gelingen große Hörmomente, zumal auch die Sänger rundum überzeugen. Schon in der letzten Spielzeit hat Roland Schneider den Gast in Sciarrinos „Luci mie traditrici” an der Oper Frankfurt gesungen, in München kennt man ihn von der Theaterakademie.

Vor den Leistungen der Musiker und Sänger darf man sich tief verneigen. Für München ist der Erfolg dieser niederbayerischen Produktion eine weitere kräftige Watschen – auch für die Staatsoper. Wenn deren Chef Nikolaus Bachler gerne betont, dass er für das „Mediterrane” stehe, so klingt und ist kein Komponist „mediterraner” als der Sizilianer Sciarrino. Bislang ist die Auswahl an südlichen Werken an der Staatsoper dünn und wenig originell. Immerhin verrät Bachler auf Nachfrage, dass er mit Sciarrino im Gespräch sei über ein Opernprojekt. Es wird sich zeigen, ob auch dies nur eine weitere Ankündigung Bachlers bleibt.

Am 27. 1. sowie 3. und 4. 2., Stadttheater Landshut, jeweils 19.30 Uhr. Tel. 0871/9220833

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