Ein Zugpferd muss die Erneuerung anschieben

Nach dem vorzeitigen Abschied von Jürgen Flimm sucht eine Findungskommission nach einem neuen Chef für die Salzburger Festspiele ab 2012
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Ein stiller Kommunikator: Der Pianist Markus Hinterhäuser.
Salzburger Festspiele Ein stiller Kommunikator: Der Pianist Markus Hinterhäuser.

Nach dem vorzeitigen Abschied von Jürgen Flimm sucht eine Findungskommission nach einem neuen Chef für die Salzburger Festspiele ab 2012

Eigentlich ist es ein Traumjob: Man präsidiert über fünf Wochen Oper, Theater und Konzerte in einer wunderschönen Stadt. Die besten Künstler geben sich die Klinke in die Hand. Und das Publikum klatscht zufrieden, weil es sich wegen der Kartenpreise kaum anders traut.

Wer es hinter sich hat, nennt es die Hölle: Die Salzburger Festspiele bringen in einem verlängerten Monat so viele Premieren wie ein Stadttheater im ganzen Jahr heraus. Wenn die Besetzungen festgelegt sind, kann auch der gutwilligste Intendant des engen Zeitplans wegen eine verkorkste Aufführung kaum mehr stoppen. Und wehe, die Netrebko hustet: Alle fordern den Kopf des Intendanten.

Knochenarbeit

Peter Ruzicka verzichtete nach fünf Jahren auf eine Verlängerung. Seinen Nachfolger Jürgen Flimm drängt es wegen der Unterfinanzierung und des Dauerärgers mit Provinzpolitikern nach der dritten Saison in Richtung Berlin. Und wieder dreht sich das Intendantenkarussell.

Weil für den Job nur ein erfolgreich ergrauter Theatermanager in Frage kommt, ist die Personaldecke dünn. Sicher ist nur, wer es nicht wird: die Mitglieder der Findungskommission. Sie besteht aus Brigitte Fassbaender, Bayreuths Halb-Chefin Eva Wagner-Pasquier, Georg Springer von der Österreichischen Bundestheaterverwaltung, Wiens Ober-Philharmoniker Clemens Hellsberg und dem Galeristen Thaddaeus Ropac. Ende Juni soll ihre Entscheidung gefallen sein.

Bachler bleibt in München

Die österreichische Idealbesetzung hat glaubhaft abgewunken: Münchens Opernchef Nikolaus Bachler gilt als Gegner des Direktoriumsmodells, bei dem mehrere Köche das Tagesgeschäft würzen. Seit Jahren führt das zum raschen Verschleiß der Schauspieldirektoren. Ebenfalls abgewunken hat Roland Geyer, der erfolgreiche Chef des Theaters an der Wien, chancenlos dürfte der ehemalige EMI-Chef Peter Alward sein, der schon als Nachfolger für Ruzicka genannt wurde. Den britischen Opernkonservatismus wollen wohl nicht mal die finstersten Salzburger Provinzler in ihre schöne Stadt holen.

Eine Hausberufung?

Aussichtsreicher ist Andreas Mölich-Zebhauser, der das von der Pleite bedrohte Festspielhaus Baden-Baden gerettet hat. Ihm werden gute Verbindungen zur neuen Wiener Staatsopern-Führung um Franz Welser-Möst nachgesagt. Auch Frankfurts Opernchef Bernd Loebe soll im Rennen sein. Sein Regie-Geschmack gleicht freilich dem von Jürgen Flimm und steht kaum für einen Neuanfang.

Wenn die Kritiker entscheiden könnten, die alles besser wissen, aber nie mitreden dürfen, käme es wohl zur Salzburger Hausberufung des Pianisten Markus Hinterhäuser. Er erfand unter Gerard Mortier die „Zeitfluss“-Reihe und ist seit 2006 Konzertchef der Festspiele. Für heuer überredete er ausgerechnet Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker zu Edgar Varèses immer noch radikalem Orchesterstück „Arcana“. Respekt!

Hinterhäuser ist ein eher stiller, bedächtiger Mensch. Ihm wäre die dringend notwendige Erneuerung der Festspiele zuzutrauen. Es ist nur die Frage, ob die Politik nicht wieder auf Nummer sicher geht.

Robert Braunmüller

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