Ein schmerzhafter Sog

Premiere im Nationaltheater: Kent Nagano hat mit dem Regisseur Andreas Kriegenburg die Oper „Wozzeck“ von Alban Berg erarbeitet
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„Wir arme Leut“ lautet der zentrale Satz in Alban Bergs Oper. Seine aussichtslose Lage macht Wozzeck (Michael Volle) zum Mörder an Marie (Michaela Schuster).
Wilfried Hösl „Wir arme Leut“ lautet der zentrale Satz in Alban Bergs Oper. Seine aussichtslose Lage macht Wozzeck (Michael Volle) zum Mörder an Marie (Michaela Schuster).

Premiere im Nationaltheater: Kent Nagano hat mit dem Regisseur Andreas Kriegenburg die Oper „Wozzeck“ von Alban Berg erarbeitet

Sie arbeiten zum ersten Mal zusammen und wirken wie ein eingespieltes Team: Nach der Generalprobe am Freitag sprachen Kent Nagano und Andreas Kriegenburg über ihre ungewöhnlich Zusammenarbeit an Bergs „Wozzeck“, dessen Premiere heute um 20 Uhr beginnt.

AZ: Herr Nagano, Sie sind Amerikaner. Wie sehen Sie Barack Obamas Wahlsieg?

KENT NAGANO: In den letzten Monaten war in den USA ein Durst nach Veränderung spürbar. Deshalb fiel die Entscheidung auch so deutlich aus. Mich freut besonders die positive Reaktion in Europa und der übrigen Welt.

„Wozzeck“ ist das Gegenteil des amerikanischen Traums: Ein deutscher Alptraum.

ANDREAS KRIEGENBURG: Natürlich hat die Geschichte mit der deutschen Affinität fürs Düstere zu tun. Aber sie handelt von der Gewaltkraft der Armut und ist in Europa, Asien und Amerika ebenso denkbar. Unsere Aufführung verbindet daher zwei Zeitebenen: Wozzeck ist im Gefängnis seiner Zeit und ihrer Demütigungen belassen. Er wird begleitet von Arbeitslosen aus der Zeit der Großen Depression. Damals wurde unser wirtschaftliches System erstmals grundsätzlich erschüttert, als Hunderttausende auf den Straßen standen.

Gehört die Weltwirtschaftskrise in den USA zum kultuellen Gedächtnis wie bei uns?

NAGANO: Sehr. Wegen der Finanzkrise waren in amerikanischen Zeitungen zuletzt wieder viele Fotos aus dieser Zeit zu sehen. Immer, wenn die wirtschaftliche Lage existentiell bedrohlich wird, kehrt die Erinnerung wieder.

Wie begann Ihre Zusammenarbeit?

NAGANO: Nikolaus Bachler wollte uns zusammenbringen. Er gab mir das Video einer Inszenierung, damit ich Kriegenburgs Bildersprache kennenlerne. Seine Ideen mit einem Haus und dem Wasser überzeugte mich. In solchen Räumen kann sich die Psychologie entwickeln. Zugleich besitzt die Aufführung durch ihre Bilder und Verwandlungen einen starken dramatischen Atem.

In der Partitur ist exakt vorgeschrieben, wie schnell der Vorhang fallen soll. Fühlen Sie sich davon bevormundet?

KRIEGENBURG: Da muss ich Sie enttäuschen. Solche Einschränkungen verstehe ich als Erleichterung. Ich versuche, für einen Sänger Erlebnisräume zu öffnen, in denen er das, was die Partitur vorgibt, mit seiner Persönlichkeit verknüpfen kann. Ich will dem Werk nicht den Stempel einer eigenen Autorschaft aufdrücken. Das passiert ohnehin nebenbei von selbst.

Warum verzichten Sie auf eine Pause?

KRIEGENBURG: Die Handlung entwickelt einen schmerzhaften Sog. Eine Unterbrechung wäre gewaltsam. Sie widerspricht auch der klaren Struktur dieser Oper. Freunde von mir, die mit der Musik Bergs ihre Schwierigkeiten haben, fanden „Wozzeck“ nach der Generalprobe ganz einfach, weil Musik und Szene so stark zusammenwirken.

NAGANO: „Wozzeck“ ist ein Repertoirestück geworden. Wie bei Beethovens ähnlich revolutionärer Fünfter oder den letzten drei Sinfonien Mozarts besteht die Neuerung in einer Synthese. Die freie Atonalität, vor der sich noch immer viele Hörer fürchten, gehört in der Filmmusik zur Popkultur und ist Teil unsere Hörgewohnheiten, wenn sie mit stimmigen Bildern und Charakteren zusammenkommt.

Einmal verlangt Berg auf der Bühne ein Orchester in der Besetzung von Schönbergs Kammersinfonie. Gab es darum Konflikte?

KRIEGENBURG: Wir haben beide gekämpft, die Musiker auf die Bühne zu bekommen. Aber in der erzählerischen Struktur des Werks ist keine Zeit vorgesehen, sie auch auftreten zu lassen. Die szenische Lösung stammt nicht von mir, sondern vom Dirigenten. Das war typisch für diese gemeinsame Arbeit.

NAGANO: Es sieht immer seltsam aus, wenn im Graben plötzlich 15 Musiker weggehen. Aber Berg wollte es so. Unsere Kompromisslösung ist klanglich so schön wie szenisch geheimnisvoll: Die Arbeitslosen spielen mit großer Hingabe pantomimisch zur Musik von der Seitenbühne.

Herr Kriegenburg, im Schauspiel gibt es bei Ihnen immer viel Musik. Erleichterte das Ihren Weg zu Oper?

KRIEGENBURG: Ich arbeite seit gut zehn Jahren mit Komponisten eng zusammen. Manche meiner Schauspiel-Arbeiten sind durchgehend von Musik begleitet. Erste Opern-Angebote kamen rasch, weil ich sehr visuell arbeite. Aber die Form ist emotional und zugleich artifiziell. Das verlockt, der Musik rasch gemachte Bilder entgegenzusetzen. Wenn ich etwas mache, immer mit mit vollem Anspruch. Deshalb bleibe ich vorsichtig.

NAGANO: Ich hoffe, er bleibt der Oper erhalten!

Robert Braunmüller

Auch am 13., 16., 20., 23.11. und im Januar. Karten Tel. 2185 1920

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