Ein Ostergruß von Thomas Mann

Eine Osterbotschaft Thomas Manns: Ein Interview vom März 1932 – aus aktuellem Anlass
| Dirk Heißerer
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„Möge es dem Rundfunk, dessen erzieherische Möglichkeiten unermesslich sind, immer besser gelingen, die Menge zugleich zu befriedigen und zu fördern. Wien den 17.III.32, Thomas Mann“.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. „Möge es dem Rundfunk, dessen erzieherische Möglichkeiten unermesslich sind, immer besser gelingen, die Menge zugleich zu befriedigen und zu fördern. Wien den 17.III.32, Thomas Mann“.

Im März 1932 war Thomas Mann einige Tage in Wien. Er hielt in der Hofburg einen Vortrag zu Johann Wolfgang von Goethe 100. Todestag, besuchte Sigmund Freud und gab zahlreiche Interviews. Eines davon präsentierte die Wochenzeitung „Radiowelt“ am 26. März 1932 mit einem handschriftlichen Gruß des Nobelpreisträgers, worin die Hochschätzung des damals neuen Mediums durchklang.

Der Vorläufer des Bayerischen Rundfunks, die private „Deutsche Stunde in Bayern“, gegründet Ende März 1924 als „Gesellschaft für drahtlose Belehrung und Unterhaltung“, war im Februar 1932 an den bayerischen Staat verkauft worden. Aus diesem Anlass gefragt, ob ein Staat „der geeignete Leiter einer Rundfunkstation“ sein könne, antwortete Thomas Mann, dass ein demokratischer Staat „ein geistiges Programm befürworten“ müsse, dass er „das Beste vom Besten bieten, dem Rundfunk seine Kulturmission zuweisen“ und, vor allem „völlig unparteiisch sein müsse“.

Zu viel seichte Musik

Dann wird Thomas Mann zu seiner „Einstellung als Rundfunkhörer“ gefragt. Er bevorzuge „die musikalischen Sendungen“, findet aber, dass „zu viel seichte Musik“ gesendet werde; aber „leichte und seichte Musik“ seien eben nicht dasselbe, und es gebe auch eine „Kultur im Amüsement und diese Kultur der Unterhaltung müsste der Rundfunk verbreiten“.

Dann kommt die Frage, die das Interview höchst aktuell werden lässt: „Ist das Radiohören für Sie ein Ersatz für den Besuch von Konzerten?“ Und Thomas Mann antwortet: „Ersatz? Im Gegenteil. Es ist mir lieber als Konzertbesuch. Ich ziehe den künstlerischen Genuss im intimen Kreise den großen Veranstaltungen vor. Zu Hause vor meinem Lautsprecher bin ich völlig ungestört. Die Fahrt zum Konzertsaal, das Gedränge vor den Garderoben, unangenehme Sitznachbarn und der ablenkende gesellschaftliche Rahmen derartiger Veranstaltungen – all das fällt hier weg. Die heutige technische Höhe der Radiosendungen lässt mich zu einem fast vollkommenen künstlerischen Genuss gelangen.“

Sachliches Hören

Was für ein Trost in diesen Zeiten! Und es geht noch weiter. Erst plädiert Thomas Mann beim „Nachrichtendienst“ im Radio bei den Sprecherinnen und Sprechern für eine „tendenzlose und ungefärbte Art“, etwa so, wie es der Deutschlandfunk bis heute vorführt. Das Gemeinschaftserlebnis der damaligen „Hörgemeinden“ zwinge die Zuhörer vor den Apparaten zu einem „sachlichen“ Hören und ebne den Weg zu „kultureller Verfeinerung“.

Von diesem Punkt „vollkommener Meinungsfreiheit“ aus, so Thomas Mann, eröffneten sich zwei Wege, der zur Meinungsfreiheit oder der zur Ideologie: „Ein Volk (und eine Rundfunkstation) kann zwei Wege gehen, den des Geistes und den des Ungeistes. Der Weg des Geistes ist aber der Pfad der menschlichen Entwicklung.“

Ein Jahr später wurden Rundfunk und Presse in Deutschland von der NS-Ideologie entmündigt. Der Weg in den Abgrund begann.

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