Ein Konzert auf zwanzig Spuren

Für den Auftritt des bayerischen Orchesters sperren die Argentinier spontan die breiteste Straße der Welt. Die AZ hat die Musiker nach Südamerika begleitet
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In München gibt’s nur das Staatsorchester gratis unter freiem Himmel. Um die Philharmoniker kostenlos zu erleben, muss man nach Buenos Aires reisen, wo das Orchester der Stadt vor 30 000 Menschen auf der Avenida 9 de Julio ein Konzert unter Zubin Mehta (im weißen Smoking) gespielt hat.
dpa In München gibt’s nur das Staatsorchester gratis unter freiem Himmel. Um die Philharmoniker kostenlos zu erleben, muss man nach Buenos Aires reisen, wo das Orchester der Stadt vor 30 000 Menschen auf der Avenida 9 de Julio ein Konzert unter Zubin Mehta (im weißen Smoking) gespielt hat.

Für den Auftritt des bayerischen Orchesters sperren die Argentinier spontan die breiteste Straße der Welt. Die AZ hat die Musiker nach Südamerika begleitet

Nur mal so als Gedankenexperiment: Wäre es in München möglich, für das Konzert eines südamerikanischen Orchesters am Samstagmittag den Stachus einschließlich des Altstadtrings zu sperren? Und das alles mehr oder weniger auf spontanen Wunsch des Kulturreferenten, mit einem Vorlauf von maximal zehn Tagen und für das Publikum selbstverständlich gratis?

Die lässigen Argentinier schaffen das. Kurz vor ihrer Abreise nach Südamerika ereilte die Münchner Philharmoniker der Wunsch des Kulturministers von Buenos Aires: Ob sie zusätzlich zu den beiden Konzerten im Teatro Colón auch noch beim Obelisken unter freiem Himmel spielen könnten? Zubin Mehta, der Dirigent des Gastspiels, telefonierte mit seinem alten Freund Daniel Barenboim. Der war kurz zuvor an gleicher Stelle mit dem West-Eastern Divan Orchestra aufgetreten und riet als gebürtiger Porteño zu.

Natürlich nörgelten ein paar Philharmoniker über den zusätzlichen Dienst vor dem Konzert am Abend. Und nicht jeder hatte einen Pullover für den argentinischen Vorfrühling dabei. Aber ihrem freundlichen Ehrendirigenten schlagen die Musiker keinen Wunsch ab. Ein populäres Programm mit Schmonzetten von Johann Strauß, Brahms, Dvorák und Sarasate hatten die Münchner für einen verregneten Auftritt in einem Park der brasilianischen Großstadt São Paulo ohnehin im Gepäck. Für das große Finale mit der bombastischen „Ouvertüre 1812“ von Peter Tschaikowsky versicherten sie sich der Bläser-Hilfe des lokalen „Orquesta Típica El Porvenir“.

Geschwinde Argentinier

Mit dem Aufbau waren die Argentinier fix: In der Nacht vor dem Konzert wurde die 20-spurige Avenida 9 de Julio gesperrt, eine Bühne mit Videowänden wie bei „Klassik am Odeonsplatz“ aufgestellt. Schon bei der Einspielprobe eineinhalb Stunden vor dem Konzert waren alle 9000 Sitzplätze restlos besetzt. Am Ende kamen über 30000 Neugierige und lauschten auf der breitesten Straße der Welt einer Übertragung in grundsolider Tonqualität, kaum gestört vom hupenden Großstadtverkehr, der hinter dem Obelisken abgeleitet wurde.

Keine halbe Stunde nach dem auch im Fernsehen übertragenen Konzert waren die Plastikstühle schon wieder aufgestapelt. Die Autofahrer mussten am Nachmittag allerdings noch eine Radldemo vorbeilassen. Am Abend gaben die Philharmoniker dann ihr zweites Konzert im Teatro Colón, das im Mai nach längerer Renovierung zum 200-Jahr-Jubiläum der argentinischen Unabhängigkeitsbewegung wiedereröffnet worden war.

In einem der schönsten Opernhäuser der Welt

Das Colón, benannt nach Christoph Kolumbus, ist eines der größten und prächtigsten Opernhäuser der Welt. Eröffnet wurde es 1908 mit Verdis „Aida“ mitten in den Boom-Jahren, als Argentinien durch den Export von Rindfleisch reich wurde. Von Caruso bis zur Callas und von Klemperer bis Karajan sind dort alle Berühmtheiten der Musikwelt aufgetreten. Opern werden heute allerdings eher selten gespielt, aber als Konzertsaal ist das Haus mit seiner wundervollen Akustik genauso gut geeignet.

In den Zuschauerraum passen 2500 sitzende und dazu 1000 stehende Besucher auf den oberen Rängen. Die beiden ausverkauften Konzerte waren für Zubin Mehta mehr oder weniger ein Heimspiel: Er tritt seit 1962 regelmäßig am Rio de la Plata auf und sagt Zugaben wie den Strauß-Walzer „Wiener Blut“ spanisch als „Sangre vienesa“ an.

Davor gaben sich die Philharmoniker mit Mahlers Symphonie Nr. 1 am ersten Abend und Tschaikowskys Vierter sowie Weberns Passacaglia op.1 tags darauf gewohnt seriös. Die Ouvertüre zu Verdis „Die Macht des Schicksals“ war eine gelungene Hommage an die italienisch geprägte Geschichte des Theaters. Dass die Philharmoniker die vom Dirigenten etwas überschätzte Geigerin Mayuko Kamio samt Max Bruchs plüschigem Violinkonzert mitgebracht hatten, tat dem Erfolg keinen Abbruch.

Danach konnte man furchtlos durch die Straßenschluchten des Zentrums streifen, um eines der zarten Rindersteaks zu essen, die in jedem Lokal auf Holzkohle gegrillt werden. Auch die hier kaum bekannten argentinischen Rotweine sind vorzüglich. Buenos Aires ist eine europäisch geprägte Metropole, in deren Innenstadt es nur wenige Straßenkinder und Obdachlose gibt.

Musik in den Favelas

Aus Brasilien berichteten die Musiker der Philharmoniker anderes. Fünf von ihnen gaben eine Meisterklasse am Instituto Baccarelli in Heliopolis, einem der ärmsten Stadtteile São Paulos, wo 550 Kinder aus der Favela der Millionenstadt ein klassisches Instrument lernen können. Am Samstag kommt das Orchester der Schule übrigens zu einem Gegenbesuch ins Gasteig.

Zubin Mehta unterstützt das Instituto Baccarelli seit Jahren. Aber auch die Philharmoniker sind seinem Herzen nah, versicherte er argentinischen Journalisten. Am letzten Abend bewies er dies mit einer ungewöhnlichen Geste: Nach der zweiten Zugabe bat er das Publikum im Teatro Colón um Beifall für die seit 1975 bei den ersten Geigen spielende Philharmonikerin Theresia Ritthaler. Sie hatte an diesem Abend ihren letzten Dienst. Unvergesslicher ist selten jemand in den Ruhestand verabschiedet worden.

Robert Braunmüller

Orquestra Sinfônica Heliópolis, Sa, 9.10., 19.30 Uhr, Philharmonie, Karten 15 bis 25 Euro, Tel. 0180 / 54818181

Infos für Steuerzahler

Der Steuerzahler kann ruhig schlafen, wenn das Orchester der Stadt auf Reisen geht: Solche Auftritte werden von privaten Veranstaltern angekauft und spielen Geld ein. Mit Urlaub sollte Tourneen niemand verwechseln: Es ist anstrengend, jeden Abend in einer anderen Stadt zu spielen und zwischendrin endlos am Flughafen zu warten. Profis müssen im Hotelzimmer auch noch ein Stündchen üben, weshalb für Besichtigungen wenig Zeit bleibt.

Aus finanziellen Gründen bleibt Japan das beliebteste Orchesterreiseland. Südamerika ist ein eher untypisches Ziel: Dort waren die Philis zuletzt in den 1990er Jahren unter Sergiu Celibidache. Mit ihrem wenig reiselustigen Chef Christian Thielemann gastieren sie heuer noch in Madrid, Wien und einigen deutschen Städten.

RBR

Die "Ouvertüre 1812" mit den Philis in Buenos Aires

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