Ein herber Engel und sein menschlicher Ton

Geigerin Isabelle Faust hat sich mit dem altersweisen Claudio Abbado an Beethoven & Berg gemacht
| Christa Sigg
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Isabelle Faust, die Berliner Geigenprofessorin aus Esslingen mit Hang zur Freiheit.
Isabelle Faust, die Berliner Geigenprofessorin aus Esslingen mit Hang zur Freiheit.

Beethoven, das klingt nach Beschäftigung. Und Mühe. Lebensarbeit nennen manche die ausufernde Auseinandersetzung. Aber dass eine junge Geigerin das Violinkonzert nun schon zum zweiten Mal einspielt, mag selbst auf einem hypernervösen Markt etwas übertrieben scheinen. Erst vor fünf Jahren hat Isabelle Faust diesen viel zu oft gehörten Klassiker mit der Prager Philharmonie vorgelegt: profund, mit schlankem, prägnanten Ton, wie man es von dieser dauernd auf höchstem Niveau agierenden Künstlerin gewohnt ist. Was ihr jetzt allerdings mit dem längst altersweisen Claudio Abbado und dem Orchestra Mozart gelang, grenzt an ein Wunder.

Und das beginnt ausgerechnet mit Alban Berg. Denn Faust befreit dessen solitäres Violinkonzert vom allzu gefühligen Ballast, der sich im Laufe einer in die Tiefen der Trauer reichenden Interpretationsgeschichte aufgetürmt hat. Bekanntlich verarbeitet Berg im „Andenken eines Engels” den Tod der jungen Manon Gropius – was allzu gerne in satte Geigenschluchzer mündet. Dagegen dringt Isabelle Faust aus einer fast kühlen Distanz mit aufwühlend herbem Ton zur wirklichen Verzweiflung vor. Und auch Abbados Musiker haben den Mut, das schmerzvoll Krude, das sperrig Widerspenstige, die Modernität dieses Werks – endlich – wieder zu betonen.

Und Beethoven? Ist immer noch schlank, bei aller Reife auch ein bisschen aufsässig, wie sich’s gehört, und selbst in der Rasanz des Allegros subtil, im Larghetto filigran, als würden Eisfäden zu tanzen beginnen, im Rondo gelöst, frei, erlöst.

Isabelle Faust schreibt im Booklet, dass es ein unendliches Glück, ein wahrer Schlüssel zur Magie der Musik sei, mit Abbado zu musizieren. Tatsächlich, man hört es. Nach fabelhaftem Bach, Brahms, Bartók hat das Spiel der 39-Jährigen inzwischen eine Freiheit, die aus der detaillierten Kenntnis der Partitur mit dieser speziellen Mischung aus Lässigkeit und Souveränität zu einem großen Ton findet. Und der atmet noch in der Abgeklärtheit warm und menschlich.

Die CD „Berg, Beethoven – Violinkonzerte” erschien beim Label Harmonia Mundi

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