Ein Guerillero und andere Stilikonen

Der Revolutionär, der Cannes elektrisierte: Steven Soderberghs Film "Che" über den zur Polit-Pop-Ikone gewordenen Märtyrer.
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Revolutionär und Ikone: Ernesto Guevaras, in Steven Soderberghs Film.
az Revolutionär und Ikone: Ernesto Guevaras, in Steven Soderberghs Film.

Der Revolutionär, der Cannes elektrisierte: Steven Soderberghs Film "Che" über den zur Polit-Pop-Ikone gewordenen Märtyrer.

Ein Marketing-Mann will ihn ausgerechnet haben: Den Cannes-Faktor – und der ist natürlich atemberaubend: Ein Kleid wie es Madonna neben Sharon Stone am Roten Teppich getragen hat, ist für Chanel an diesem Abend hundert mal mehr wert als eine Fotostrecke in einem größeren Hochglanzmagazin.

Madonna kam, um den Film zu feiern, der Cannes elektrisierte, eine ganz andere Stilikone zum Thema hatte: „Che“ von Steven Soderbergh, der auch von den Prominenten, die immer nur zur eigenen Selbstdarstellung da sind, viel Sitzfleisch im Dunkeln verlangte: Er dauerte viereinhalb Stunden – mit einer kurzen Pause –, in denen die Jahre Ernesto Guevaras ausgelassen wurden, als die Revolutions-Ikone konkrete Politik in Kuba machen musste.

In den gut zwei Stunden zuvor konnte man erleben, wie ein asthmatischer Arzt aus gutem argentinischen Hause durch seine Freundschaft mit einem hyperintelligenten Rede-Talent, Fidel Castro, in einer mehrjährigen Desperado-Aktion ein korruptes Unrechtsregime zum inzwischen 50 Jahre währenden Schock der USA in eine sozialistische Republik verwandelte.

Die Kunst Soderberghs besteht darin, sich nicht blind an der Heiligsprechung des zur Polit-Pop-Ikone gewordenen Märtyrers zu beteiligen, sondern Che als einen Mann zu zeichnen, der ein Links-Revolutionär mit einer Mischung aus Intelligenz und moralischem Anspruch ist, aber auch aus innerlicher Getriebenheit zum ewigen Aktionismus verdammt wird. Das rächt sich für ihn im zweiten Teil: in dem Experiment, die kubanische Revolution nach Bolivien zu exportieren. Dass dieses Abenteuer scheitern musste, macht der Film fühlbar deutlich: Nicht nur das unwirtlichere, nasskalte Anden-Hochland erzeugt im kühl-klimatisierten Kino eine unwirkliche Atmosphäre, vor allem die eingeschüchterte, tief religiöse Indio-Bevölkerung scheint nichts mit der Revolutionsidee anfangen zu können.

So bleiben die Guerilleros fremd in dem Land, dessen Unterstützung sie brauchen, damit aus dem Kampf einzelner Idealisten eine unumkehrbare Volksbewegung werden kann. Doch die bolivianische Armee war nach dem Kuba-Desaster von der vietnamerprobten CIA hochgetrimmt worden. „Mir ging es weniger um Kuba als um Che“, erklärte Steven Soderbergh nach der Vorführung der Presse in Cannes seine Motivation für sein Mammutwerk. „Che hatte eines der faszinierendsten Leben des vergangenen Jahrhunderts, das ist tolles Material.“ Franka Potente wiederum, die im Film eine Nebenrolle spielt, beteuerte, sie habe sich beim Drehen wie eine echte Untergrundkämpferin gefühlt.

Dass nach all der Revolutions-Seligkeit im Havanna-Dunst sich die nächste Diskussion im dekadenten Festival-Cannes um den Dresscode am Roten Teppich drehte, kann mit Blick auf den Publicity-Faktor nicht verwundern. So wird hier Rapper P. Diddy ausgerechnet wegen seines Stils gelobt, ebenso Jury-Präsident Sean Penn – der aber auch kritisiert wurde, weil er ostentativ im Festival-Palais rauchte. Doch beide tragen vorbildlich Smoking am Abend, während sich – nach Meinung der französischen Presse – Jackie Chan und Adrien Brody im krawattelosen Anzug mit offenem Hemd zu stark gehen lassen. Vincent Cassel (heller Anzug!) und Brad Pitt (dunkler Anzug) haben wenigstens eine umgebunden. Aber warum kommt eigentlich niemand im Frack?

Adrian Prechtel

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