Filmfestival Venedig: Ein erster Favorit für den Goldenen Löwen
Woran erkennt man ein Meisterwerk? Im Kino ist die Sache relativ klar: Wenn man, ohne es gleich selbst zu bemerken, tief erstaunt ist und spürbar bewegt - und dann, wenn man kurz reflektiert, auch noch große Gedanken findet und vielleicht sogar noch aufklärerische Relevanz.
Venedig hat so ein Filmjuwel bereits mit dem zweiten Film im Wettbewerb. Und auch wenn das Ganze nach einem US-Independent-Werk riecht, ist „Wild Horse Nine“ eine britische Produktion: mit Sam Rockwell und John Malkovich - als zwei CIA-Agenten in Chile im Sommer 1973, kurz bevor der US-Geheimdienst den demokratischen Präsidenten Salvador Allende zusammen mit Teilen des Militärs wegputschen lässt.
Denn wie sagt es eine Studentin im Film so begeistert: „Er ist der erste demokratisch an die Macht gekommene Marxist.“ Und das will man im Weißen Haus unter Richard Nixon mit Sicherheitsberater Henry Kissinger auf keinen Fall.
Frenetisch beklaschter John Malkovich
Vom britischen Regisseur Martin McDonagh ist man Großes gewohnt, wie den tragikomische Killerthriller „Brügge sehen und sterben“ (2008) oder das Gerechtigkeitsdrama „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ (2017). Jetzt wurde er bereits in der morgendlichen Pressevorführung „Wild Horse Nine“ frenetisch beklatscht - zu Recht: John Malkovich spielt hier einen 72-jährigen Agenten mit Krebs im Endstadium. Sein enger Kollege, Sam Rockwell, soll mit ihm eine letzte Reise machen - und ihn auf dessen Wunsch erschießen - oder will das doch der Vorgesetzte (Steve Buscemi), weil Chris in letzter Zeit etwas fahrig ist - durch die vielen Morphine oder vielleicht Gewissensprobleme?

Jedenfalls plaudert er zu viel über Interna, oft wirr, meist skurril philosophisch, jedenfalls frech. Es geht um Freundschaft, hinter der man bis zum Showdown nicht genau weiß, ob nicht doch einer auf den anderen angesetzt ist. Es geht um Politik und um die Frage, woran man glauben muss, wenn man sich zum Handlanger eines Verbrechens macht? Oder was es mit einem macht, Menschen „zu beseitigen“, nie enge Bindungen eingehen zu können und ständig lügen zu müssen. Und welche moralischen Seiten in einem Menschen vielleicht doch unverwüstlich ansprechbar bleiben?

Und das verdichtet sich elegant, cool, spannend, auch skurril und tragikomisch in zwei Stunden. Am Ende kommt auch noch das Präzisionsgewehr ins Spiel, mit dem zehn Jahre zuvor John F. Kennedy erschossen worden war. „Wild Horse Nine“ ist damit sofort löwenverdächtig, und eine Oscarnominierung könnte sich Malkovich damit auch noch erspielt haben.
Ein weiterer Favorit läuft außer Konkurrenz
Merkwürdigerweise hätte durchaus auch gleich ein Italiener gute Wettbewerbs-Chancen gehabt: Gianni Amelio mit „Nessun Dolore“. Aber der Film läuft außer Konkurrenz, was schade ist, denn er berührt eine sehr aktuelle und wichtige Frage: Wie ganz privat umgehen oder Verantwortung übernehmen gegenüber Menschen, die zu uns geflüchtet sind?

Ein netter, nerdiger Buchhändler bekommt auf der Straße einen arabischen Jungen aufgedrängt und versucht ihn sich vom Leib zu halten, was tragisch endet. Amelio hat sich schon einmal - vor über 30 Jahren - an diesem Thema versucht. In „Lamerica“ verliert ein windiger italienischer Geschäftemacher in Albanien alles und rettet sich auf ein Flüchtlingsschiff zurück nach Italien. Es war ein frappierender Perspektivwechsel, der den Film so bewegend machte, empathisch. Jetzt kann wieder ein Italiener (Alessandro Borghi) die Migrationsproblematik nicht mehr von sich wegschieben - mitten in Rom. Seine ernste menschliche Geschichte gelingt dem 81-jährigen Amelio nicht immer kitschfrei, aber eben bewegend mit viel Nachdenklichkeitspotenzial.
Nach so viel Gelungenem war schnell vergessen, wie schlecht der deutsche Beitrag war, den Werner Herzog mit „Bucking Fastard“ lieferte. Die Idee, Kate und Rooney Mara synchron sprechend als im Film verschmolzene Schwestern einzusetzen, trägt nur 20 Minuten. Man erfährt nie, warum es diese perverse Symbiose gibt, noch was sie letztlich mit den Schwestern psychisch macht.
Werner Herzogs nervige Nibelungenfrauen
Orlando Bloom darf anfangs noch den begehrten Nachbarn spielen, der sich dem unbedingten Liebeswahn der Schwestern erst genüsslich hingibt, um sie dann wieder fallen zu lassen. Dann wechselt Herzog einfach brutal das Thema und schickt die beiden in ein Höhlensystem (eines von Herzogs Lieblingsobjekten), wo die beiden sinnlos wie zwei schöne Nibelungen-frauen vor sich hin Steine klopfen, um einen Tunnel zu den Orkneyinseln zu meißeln. Gelangweilt und genervt verlässt man nach zwei zähen Stunden das Kino.

Gott sei Dank hatte da zuvor George Clooney mit seiner Roter-Teppich-Show das Festival und die vielen Schaulustigen lässig euphorisiert: Schon beim Aussteigen hatte er nicht nur seiner Frau aus dem Wagen geholfen, sondern auch gleich den Fans zugewunken.

Als Witz setzte sich Clooney noch zwischen die Fotografen, nahm selbst eine Kamera und fotografierte den Gegenschuss, bevor er wieder zu den Rufenden am Rand des Roten Teppichs für Selfies und Autogramme ging. Ein italienischer Junge auf den Schultern seines Vaters hatte vom Rand so wunderbar gerufen, dass er prompt ein Autogramm bekam und gleich „Vinto, Vinto!“ rief: Ich habe gewonnen! Mit so einem Gast gewinnt das ganze Festival.
Noch bis Samstag ist Clooney im Lagunenhotel Cipriani auf der Insel Guidecca eingecheckt, wohin er von seinem Lieblingshotel, dem Aman am Canal Grande, gewechselt ist.







