Kritik

Ein bisschen Herzbeben im Deutschen Theater

Das Musical „Abenteuerland“ mit den Songs von Pur bietet solide Unterhaltung, bedient aber auch reichlich Klischees
Anne Fritsch |
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Im „Abenteuerland“ geht es fantasievoll zu.
Jochen Quast 3 Im „Abenteuerland“ geht es fantasievoll zu.
Im „Abenteuerland“ geht es fantasievoll zu.
Jochen Quast 3 Im „Abenteuerland“ geht es fantasievoll zu.
Im „Abenteuerland“ im Deutschen Theater
Jochen Quast 3 Im „Abenteuerland“ im Deutschen Theater

Eine Hochzeit stand auf ihrer Bucket List, ein Haus, Kinder - und der Weltfrieden. Außer letzterem haben sie alles abgehakt, Petra und Robert, die früher mal ihre Initialen - „PUR“ für „Petra und Robert“ - in eine Parkbank geritzt haben und ihre Leidenschaft nun zwischen Wäschekörben und Rennrad verloren haben. Er vergisst ihren Geburtstag, sie ist frustriert von ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter. „Ein Dschungel aus Alltag, und wir mittendrin“, wer kennt es nicht? Das Geheimnis dieser Songs besteht darin, dass sie genau das thematisieren, was alle kennen. Dass das eben auch ziemlich alltäglich ist, ist vielleicht der Preis für die Massentauglichkeit.

Das Musical „Abenteuerland“ mit den Hits von Pur, das nun im Deutschen Theater Premiere hatte, startet jedenfalls genauso bürgerlich und angebiedert wie die Songs der gealterten Boygroup aus Bietigheim-Bissingen in Baden-Württemberg es sind.

Spätestens seit dem ABBA-Erfolgsmusical „Mamma Mia!“ ist klar, dass es ein Erfolgsrezept sein kann, die Songs einer Kultband zu nehmen und um sie herum eine Handlung zu stricken, damit das Ganze in einem Musical endet. Nun ist Pur zugegeben nicht ABBA, und auch die Hitdichte ist außerhalb der durchaus stabilen Fangemeinde, die sich auch im Deutschen Theater einfindet, nicht ganz so groß wie bei den Schweden. Aber: die Themen ihrer Lieder eignen sich dennoch als Grundlage für eine bisschen fade, aber solide Musical-Handlung. „Abenteuerland“ erzählt von den kleinen und größeren Sorgen der Familie Schirmer, die allesamt ganz normal und sehr deutsch sind und sich daher prima als Identifikationsfiguren eignen.

Im „Abenteuerland“ geht es fantasievoll zu.
Im „Abenteuerland“ geht es fantasievoll zu. © Jochen Quast

Da ist wie erwähnt Mutter Petra, die eigentlich Meeresbiologin werden wollte, deren Träume aber im Strudel von „MaHauKi“ („MannHausKinder“) untergingen. Robert, der seine Midlife-Crisis in der Arbeit und auf dem Rennrad auslebt, sieht ihre Bedürfnisse nicht. Die Kinder Alex und Anna pubertieren vor sich hin, er der Typ Schulschwarm mit eigener Band, sie das gemobbte Mauerblümchen, das Gedichte schreibt. Und dann wäre da noch Oma Lena, die im Internet nach neuen Bekanntschaften sucht, schließlich „hat auch der Herbst noch bunte Blätter“.

Mit viel Witz und Liebe zum Detail

Der titelgebende Eröffnungssong „Abenteuerland“ gibt die kollektive Befindlichkeit vor: eine Sehnsucht nach ein bisschen Freiheit, ein bisschen Friede, ein bisschen Freude. Einem kleinen „Herzbeben“ eben. Sie alle wollen ein bisschen wild sein, mal den Verstand abgeben und raus aus dem tristen Alltag. Ein bisschen „wünsch mir was“ und kleine Ausbrüche aus dem Bürger- und Spießertum. Und wenn es nur in der Fantasie ist.

Autor Martin Flohr hat die Liedtexte von Hartmut Engler genommen, sich wohl eine Themenliste geschrieben (Sehnsüchte, Älterwerden und trotzdem Spaß haben, Herzschmerz, Verliebtsein, Schwangerschaft) und diese durchaus geschickt verwebt zu einem Theaterstück, in dem die alten Songs so wirken, als wären sie extra hierfür geschrieben worden.

Auf die Männer ist wenig Verlass

Das Ergebnis hat durchaus Witz und Liebe zum Detail, aber auch keinerlei Angst vor Kitsch und Klischees. Vor allem die Nöte der Jugendlichen kommen doch recht platt und vorhersehbar daher. Und ob es in diesem Setting wirklich angebracht ist, Themen wie Teenager-Suizid anzureißen, um dann mit schalen Tipps wie der „Nummer gegen Kummer“ zu kommen, sei jetzt mal dahingestellt. Das ist dann doch von einer Tragweite, die diesen Rahmen sprengt.

Was hingegen gut funktioniert, ist die Freundschaft zwischen Petra und Beate, die sich einfach alleine eine gute Zeit machen, wenn auf die Männer so wenig Verlass ist. Carolin Soyka und Jana Stelley bringen wirklich einen Hauch von Freiheit auf die Bühne.

Im „Abenteuerland“ im Deutschen Theater
Im „Abenteuerland“ im Deutschen Theater © Jochen Quast

Und auch von den beiden verliebten Alten, Bärbel Röhl als Oma Lena und Frank Bahrenberg als Karl, hätte man gerne noch mehr gesehen. Dass die Show mit einer Live-Band unter der Leitung von Jeff Frohner daherkommt, ist ebenfalls höchst erfreulich.

Das Ergebnis ist ein solide unterhaltender Abend, der das in die Jahre gekommene Pur-Familienbild, in dem die Frau den Weg durch den Alltags-Dschungel suchen muss und der Mann ihr dafür ein Lied vorsingt, sogar aufbricht. So nimmt Mutti ihr Studium wieder auf und Vati schmeißt den Haushalt.

Für die Karriere als Meeresbiologin ist es wohl zu spät, aber dafür bekommt sie zum Geburtstag eine Reise auf die Galapagos-Inseln. Immerhin. Und weil es ein Musical ist und nicht das wahre Leben, sind am Ende alle glücklich. Weltfrieden hin oder her.

Deutsches Theater, bis 18. Januar, Karten: % 089-55 234 444

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