Ein alter Narr gibt nie auf

Er hatte Quoten wie sonst nur Fußball:Dieter Hallervorden, der Dinosaurier des Spaßfernsehens, wird am Sonntag 75
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Er hatte Quoten wie sonst nur Fußball:Dieter Hallervorden, der Dinosaurier des Spaßfernsehens, wird am Sonntag 75

Ein Leben zwischen Kabarett und Chaos mit Nonsens als Methode – das prägte wohl den beruflichen Lebenslauf von Dieter Hallervorden. Der Schauspieler und Theaterleiter wird am Sonntag 75 Jahre alt und denkt nicht daran, die Hände in den Schoß zu legen. Gerade eröffnete er die zweite Spielzeit im Berliner Schlossparktheater, seiner zweiten Berliner Bühne neben den „Wühlmäusen“ am Funkturm.

Die Knallcharge und der Dinosaurier des Spaßfernsehens mit Riesenerfolgen wie „Nonstop Nonsens“ ist nur die eine Seite des früheren scharfzüngigen Polit-Kabarettisten. Hallervorden hat auch seine schauspielerischen Qualitäten unter Beweis gestellt: zum Beispiel als eiskalter Killer in Wolfgang Menges spektakulärem TV-Thriller „Das Millionenspiel“ von 1970. Hallervorden ist, wie viele Kollegen aus dem komischen Fach, ein eher nachdenklicher und sensibler Mann, der Romanistik studiert hat und eigentlich Journalist werden wollte.

Dafür wurde er einer der bekanntesten Kabarettisten der Bundesrepublik – seine „Wühlmäuse“ feiern in diesem Jahr ihr 50- jähriges Bestehen (mit wechselnden Standorten) – und einer der populärsten Fernsehkomiker Deutschlands mit „Blödeleien auf höchster Ebene“, wie ihm manche bescheinigten. Hallervorden hat erfolgreich den Slapstick in die Polit- und Gesellschaftssatire eingeführt.

Der Jubelgreis geht nicht aufs Abstellgleis

Über 50 Jahre steht der gebürtige Dessauer, der 1958 in den Westen ging, nun schon auf der Bühne. „50 Jahre, das ist schon was, damit habe ich länger durchgehalten als die DDR“ – oder, wie es sein Kollege Matthias Richling formulierte: „100 Jahre Dada – 50 Jahre Didi“.

Für Hallervorden gilt das Motto „Ein Narr gibt niemals auf“ und außerdem: „Ich habe aus einem Hobby einen Beruf gemacht und glücklicherweise traf meine Liebe zur Bühne beim Publikum auf Gegenliebe“, wie der Schauspieler anlässlich seines Geburtstages sagte. „Ich gehe nicht aufs Abstellgleis und bleibe euer Jubelgreis und mach weiter meinen Beruf!“

Die Anfänge in diesem Beruf lagen im scharfzüngigen politischen Kabarett der 60er Jahre, als Hallervorden mit gerade mal 25 Jahren die „Wühlmäuse“ im Westen Berlins gründete. „Ich habe voll dahinter gestanden“, erinnert sich Hallervorden an diese „politische Kabarett-Ära“ heute, „aber ich überlasse das Feld schon lange der nachgewachsenen Kabarett-Generation.“

Und ihr bietet er denn auch mit seinem heutigen „Wühlmäuse“- Domizil am Theodor-Heuss-Platz im Schatten des Berliner Funkturms (in einem ehemaligen britischen Offiziersklub der alliierten Besatzungsmächte) ein lebhaftes und viel gefragtes Podium. Dort haben beim alljährlichen Kleinkunstfestival auch viele junge Comedians, wie sie neudeutsch gerne genannt werden, ihre ersten erfolgreichen Schritte gemacht.

Die Pointen der Politiker sind kaum zu überbieten

Und natürlich fungiert die Politik auch hier noch immer als guter Lieferant für die Satiriker: „Über die Liefermenge kann man sich momentan wirklich nicht beklagen“, sagt Hallervorden. „Der einzige Nachteil ist: Manchmal ist es auf der Bühne schwer, die Politiker an Komik zu überbieten.“ In seinen 2005 erschienenen Memoiren („Wer immer schmunzelnd sich bemüht“) erinnert Hallervorden natürlich auch an seine großen Erfolge mit TV-Rennern wie „Nonstop Nonsens“ von 1974 bis 1980 (mit Einschaltquoten wie beim Fußball), „Spott-Light“ (1994 bis 2003) und Kinofilmen wie „Springteufel“. Er hatte auch Schallplattenhits wie „Die Wanne ist voll“ oder „Mit dem Gesicht“, eine Anspielung auf sein zerknautschtes Markenzeichen.

Und auch heute noch beweist er als „altes Zirkuspferd“ berufliches Stehvermögen und eröffnete vor einem Jahr das Berliner Schlossparktheater wieder. Die einstige Staatliche Schauspielbühne, Pendant des Schillertheaters mit Stars wie Hildegard Knef, Klaus Kinski, Berta Drews oder Bernhard Minetti, lag lange im Dornröschenschlaf.

Jetzt hat sie als typisches Vorstadttheater etwas außerhalb einen schweren Stand, erst recht ohne öffentliche Subventionen. Aber Theaterchef Hallervorden bietet beachtliche Programme mit Darstellern und Gästen wie Hannelore Hoger, Eva-Maria Hagen, Werner Schneyder, Hardy Krüger, Roger Willemsen, Ilja Richter, Charles Brauer, Uwe Ochsenknecht und Edith Hancke.

Hallervorden hat über eine Million Euro von seinem Privatvermögen in sein geliebtes Theater gesteckt. Aber „unbegrenzt“ gehe das nicht mit Rücksicht auf seine Familie, wie er betont. Sein zwölfjähriger Sohn soll auch eine finanzielle Zukunft haben. Auch für einen alten Bühnenhasen wie Hallervorden ist es ein hartes Brot, die „verwöhnten Besucher der Theatermetropole Berlin“ mit „gutem Theater zwischen Boulevard und klassischem Repertoire“ anzulocken. Aber: „Ein Narr gibt niemals auf“. Auch nicht mit 75.

Wilfried Mommert

Gisbert Baltes und Uwe Knak begleiteten Hallervorden für ihr unterhaltsames Porträt. Die ARD sendet es am Samstag um 22.45 Uhr

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