Donald Ray Pollock zu Gast auf dem Münchner Literaturfest

Die Moderne hält Einzug im Wilden Westen: Donald Ray Pollocks „Die himmlische Tafel“ – diesen Samstag ist der Autor persönlich zu erleben.
| Philipp Seidel
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Ein Spätberufener: Donald Ray Pollock feierte 2008 seinen Durchbruch mit „Knockemstiff“.
Verlag Ein Spätberufener: Donald Ray Pollock feierte 2008 seinen Durchbruch mit „Knockemstiff“.

Die Moderne hält Einzug im Wilden Westen: Donald Ray Pollocks „Die himmlische Tafel“ – diesen Samstag ist der Autor persönlich zu erleben.

Es ist gewissermaßen der amerikanische Traum mit Schuss, mit vielen Schüssen sogar, von dem hier erzählt wird: Drei Brüder ziehen gegen Ende des Ersten Weltkriegs mit ihrem Vater Pearl Jewett durch die Südstaaten der USA. Sie ernähren sich von Klumpen aus Mehl und Wasser, Mais und von den Resten eines kranken Schweins, das sie einige Monate zuvor geschlachtet hatten. Großes Elend also.

Es wird geliebt und gelüstet, erstochen und erschossen

Als der Vater stirbt, den Traum von einem Platz an der prophetisch versprochenen „himmlischen Tafel“ träumend, ziehen Cane, Chimney und Cob raubend und eher versehentlich mordend Richtung Kanada. Bald sind sie eine berüchtigte Räuberbande, auf die ein hohes Kopfgeld ausgesetzt ist. Regelmäßig in diese Bandentrio-Handlung eingeflochten ist als zweiter großer Erzählstrang die Geschichte von Ellsworth und Eula Fiddler, einem Farmerpaar in Ohio, das durch einen Betrüger all sein Erspartes verloren hat.

Der Schriftsteller Donald Ray Pollock, der schon in seinen Fünfzigern war, als er 2008 seinen erfolgreichen Debütroman „Knockemstiff“ veröffentlichte, lässt in seinem dritten Roman „Die himmlische Tafel“ noch allerlei buntes Personal aus dem Wilden Amerika auftreten: unter anderem einen sadistischen Barbesitzer, einen schwulen Offizier, einen stolzen Latrineninspekteur, eine untalentierte Showfamilie sowie allerlei Prostituierte und Verbrecher jeglicher Schattierung.

Wo Pollock all diese Figuren aufeinandertreffen lässt, fließen alle möglichen Körpersäfte, es wird geliebt und gelüstet, erstochen und erschossen und viel, viel gesoffen – man versucht, irgendwie über die Runden zu kommen.

Pollocks moderne Wildwest-Geschichte erinnert in ihrem harten Realismus, der Kargheit der Orte und der Schroffheit ihrer Figuren an Cormac McCarthy. Gefühle wirken hier nie schwülstig, Verbrechen und Verletzungen werden nüchtern geschildert, ohne den Leser zum Voyeur zu machen.

Die Jewett-Brüder werden in dem relativ kurzen Zeitraum, in dem sich die Handlung abspielt, von Jugendlichen zu Männern: Sie müssen ihrem Leben zum ersten Mal selbst eine Richtung geben, sie lernen, mit Gewehren umzugehen, sie haben zum ersten Mal Sex, sitzen zum ersten Mal in einem Auto.

Die Welt wird modern, die drei Brüder werden erwachsen

Während die Brüder erwachsen werden, während sie von staubig-armen Reitern zu gut gekleideten Hotelgästen und Automobilisten werden, während sie also amerikanischen Traum leben, wird auch die Welt erwachsen – die Moderne mit ihren Maschinen und Möglichkeiten setzt ein. So können die drei Gesetzlosen gleich ein Flugzeug vom Himmel schießen, dessen Pilot Jagd auf sie macht. Pollock zeigt uns die dunkle Seite des amerikanischen Traums – mit gelegentlichen Lichtblicken.
 

Donald Ray Pollock „Die himmlische Tafel“ (Liebeskind-Verlag, 432 Seiten, 22 Euro), Lesung (deutsch und englisch): diesen Samstag, 12. November, 19 Uhr, Kleiner Konzertsaal im Gasteig (Karten 10 Euro), deutsche Lesung: Thomas Darchinger

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